Gestrandete Pendler : So sorgte das Sylter Bahn-Chaos für eine Welle der Hilfsbereitschaft

Sylter Harley-Fahrer verteilten Wasserflaschen an Autofahrer im Stau vor der Autoverladung.
Sylter Harley-Fahrer verteilten Wasserflaschen an Autofahrer im Stau vor der Autoverladung.

Freiwillige und ehrenamtliche Helfer kümmerten sich um die Opfer des Bahn-Chaos', ob mit kühlen Getränken oder einem Schlafplatz.

von
01. Juni 2018, 04:01 Uhr

Westerland | Eine Insel hält zusammen: Das Drama bei der Bahn hat auch sein Gutes – die Menschen rücken ein Stück näher zusammen, kommen ins Gespräch, helfen sich gegenseitig. Als Hunderte Autofahrer am Sonnabend vor der Autoverladung im Stau steckten, verteilten Rotes Kreuz und Harley-Fahrer Trinkwasser. Jüngstes Beispiel für Sylter Solidarität sind Notunterkünfte für gestrandete Pendler.

Der Verkehrsfunk warnte vor vierstündiger Wartezeit bei der Westerländer Autoverladung, als Thorsten Schröter seine Freunde vom Harley-Davidson Sylt-Chapter zusammentrommelte. Zu fünft machten sie sich auf den Weg, um die stundenlang in der prallen Sonne schwitzenden Autoinsassen mit Getränken zu versorgen. Das Mineralwasser stellte der Westerländer Famila-Markt bereit. Mit ihren schweren Motorrädern fuhren Michael Knote, Gerd Möller, Matthias Waldherr, Volker Bartling und Thorsten Schröter an den wartenden Autos entlang und verteilten Wasserflaschen aus ihren Packtaschen.

Rot-Kreuz-Helfer fünfeinhalb Stunden im Einsatz

Hilfsaktionen sind für die Freunde der amerikanischen Motorradmarke wichtiger Bestandteil der Vereinsarbeit. So verteilen sie als Weihnachtsmänner verkleidet am 1. Weihnachtstag traditionell Süßigkeiten für Kinder.

 

Im Einsatz waren am vergangenen Sonnabend aber auch 26 Mitglieder der DRK-Bereitschaft des Ortsvereins Westerland. Gegen elf Uhr hatte ein Hilfeersuchen der Deutschen Bahn Bereitschaftsführer Christian Poetzsch erreicht. Die ehrenamtlichen Helfer sorgten ebenfalls für die Verpflegung der Stauopfer – mit Wasser, Wiener Würstchen, Obst und Gummibärchen für die kleinen Kinder. Zwei Notärzte gingen durch die Wartespuren und sprachen ältere Menschen, Schwangere und Kinder an, um medizinischen Problemen vorzubeugen. Die Rot-Kreuz-Helfer waren ganze fünfeinhalb Stunden am Westerländer Terminal im Einsatz.

Die Hilfeleistung der vielen Freiwilligen von DRK und Harley-Chapter war Bürgermeister Nikolas Häckel am selben Nachmittag noch eine Dankesbotschaft wert.

Nächste Hiobsbotschaft: Gleisbauarbeiten

Der größte Teil der Abreisewelle am vergangenen Wochenende war schon verschwunden, als es am Sonntag Abend eine neue Hiobsbotschaft gab. Wegen der nächtlichen Gleisbauarbeiten wollte die Bahn den Betrieb schon nach dem letzten Zug um 21.22 Uhr einstellen. „Mir war sofort bewusst, dass noch Pendler in Spätdiensten auf Sylt sind“, sagt die Klixbüllerin Martina Schulz, die zu den Administratoren der Facebook-Gruppe der Pendlerinitiative gehört.

Achim Bonnichsen habe schnell die Radiosender verständigt, Martina Schulz informierte die Hotels, in denen Spätpendler arbeiten. Letztenendes sei es der Kieler Bahn-Transportleitung, mit der die Pendlerinitiative in Kontakt steht, dann doch gelungen, einen in Westerland abgestellten defekten Zug zu reparieren und um 0.18 Uhr nochmal auf die Strecke zu schicken.

„Was wäre gewesen, wenn die Pendler tatsächlich gestrandet wären?“, fragte sich Martina Schulz. So sei die Idee zur Gründung der Facebook-Gruppe „Notunterkünfte auf Sylt für gestrandete Pendler“ entstanden. Mittlerweile hat sie 168 Mitglieder, und viele haben bekundet, im Notfall Bahnpendlern eine nächtliche Zuflucht zu gewähren.

Manfred Krause-Pohl und Ingo Pohl (rechts) stellen Schlafplätze im Tinnumer Pastorat zur Verfügung.
Ralf Henningsen
Manfred Krause-Pohl und Ingo Pohl (rechts) stellen Schlafplätze im Tinnumer Pastorat zur Verfügung.

So wie Manfred Krause-Pohl und Pastor Ingo Pohl: „Wir haben im Pastorat Tinnum zwei Gästezimmer und eine Souterrain-Wohnung“, heißt es in ihrem Eintrag. „Es ist doch kein Zustand, wenn Pendler durch das Bahnchaos auf dem Bahnhof schlafen müssten“, sagt Manfred Krause-Pohl. „Bei uns könnten sie vernünftig unterkommen und sich frisch machen.“

Krause-Pohl hat das Bahn-Dilemma am vergangenen Sonnabend selbst erlebt – sechseinhalb Stunden dauerte seine Fahrt nach Hamburg. „In der Zeit wäre ich auch nach Griechenland gekommen.“ Informationen für die Passagiere gab es nicht: „Es ist katastrophal, wie die Bahn mit ihren Kunden umgeht.“

Im Dorfhotel stehen zwei Appartements für gestrandete Pendler bereit.
Wyrwa
Im Dorfhotel stehen zwei Appartements für gestrandete Pendler bereit.
 

Das Rantumer Dorfhotel beteiligt sich ebenfalls an der neuen Initiative. Hoteldirektor Gabor Hnizdo hat im Urlaub von der Aktion erfahren und die Details mit seiner Kollegin Malin Volkmann aus dem Marketing besprochen. „Wenn ein Pendler strandet, bekommt er bei uns etwas zu essen und einen Schlafplatz, damit er am nächsten Morgen weiter kann“, sagt Hnizdo. Für die kostenlose Aktion werden täglich zwei Appartements reserviert. Eine Pendlerin hat das Angebot in dieser Woche schon genutzt, als sie am Mittwoch Abend nicht mehr nach Hause gelangen konnte.

Pendler seien auch für das Dorfhotel unverzichtbar, sagt Hnizdo – zum Stammpersonal gehören acht Mitarbeiter vom Festland. Erst kürzlich habe eine langjährige gute Mitarbeiterin in der Reservierung gekündigt, weil sie die tägliche Abwesenheit von elf bis zwölf Stunden von Zuhause und ihrer Tochter nicht länger akzeptieren wollte. „Wenn man um sechs Uhr morgens losfährt und erst um 8.30 Uhr im Hotel ankommt, dann geht das an die Nerven“, zeigt Gabor Hnizdo Verständnis. „Umso wichtiger, dass wir zusammenhalten und ein Zeichen setzen.“

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen