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Einwohnerversammlung : Sitzung der Gemeinde Sylt bot brisante Themen

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Paragrafen-Gewitter und Bahn-Chaos: Vier heißen Themen wurden am Mittwochabend auf der Versammlung der Gemeinde Sylt behandelt. Ein Stimmungsbericht.

shz.de von
erstellt am 06.Nov.2015 | 05:11 Uhr

Zunächst gilt es, die Sylter Bürger zu loben. Im vollbesetzten Alten Kursaal demonstrierten sie vehementes Interesse an Themen, die die Insel aktuell bestimmen. Dass die größte Zahl der Anwesenden volle drei Stunden ohne Pause ausharrten, um sich von den Referenten schildern zu lassen, wie es um die Zukunft des Autozuges steht, was es mit der 40/60-Regelung auf sich hat, wie erfolgreich das Wohnungsbaukonzept der Gemeinde Sylt läuft oder wie es um das Radwegekonzept bestellt ist, ist sicher damit zu begründen, dass diese Themen die Gemüter bewegen bis erregen.


Nebulöse Pläne


Bürgervorsteher Peter Schnittgard eröffnete die Versammlung und erwies sich in deren Verlauf als launiger, unparteiisch agierender und vermittelnder Moderator zwischen den einzelnen Themenblöcken und zwischen Referenten und Publikum. Eine Rolle, die vor allem bei dem ersten Thema gefordert war, ging es doch um die Frage „Entwicklung und Auswirkungen der Trassenvergabe für den Sylt-Shuttle“. Dazu waren mit Alfred Onken und Egbert Meyer-Lovis als Vertreter der Deutschen Bahn, mit Carsten Carstensen und Hinrich Krey als Geschäftsführer des amerikanischen Bahnunternehmens RDC diejenigen eingeladen, die aus jeweils ihrer Sicht über die Zukunft des Autozuges in Zeiten zweier mit einander konkurrierenden Unternehmen berichten und (weil doch einiges im Nebulösen blieb) philosophieren konnten.

Auch wenn beide Seiten in ihren Ausführungen hörbar um Versachlichung bemüht waren, ja, sich sogar gegenseitig stillen Respekt zollten, konnten die Szenarien der zukünftigen Abläufe an den Ports in Niebüll und Westerland das Plenum kaum beruhigen geschweigen denn erfreuen. Zwar werden zukünftig deutlich mehr Autozüge zwischen Insel und Festland fahren, werden Randzeiten stärker bedient, aber für die Autofahrer verkomplizieren sich die Abläufe deutlich. Denn weder ein gemeinsames Ticket für beide Anbieter wird es geben, noch dürfen die An- oder Abreisenden damit rechnen, zügiger an ihr jeweiliges Ziel zu gelangen. Kann es doch passieren, dass man gerade für den Zug ein Ticket gezogen hat, der nicht fahren darf...

 


Kein „Ryanair von Sylt“


 

Wer gehofft hat, dass die Konkurrenz wenigsten dahin gehend das Geschäft so belebt, dass die Preise fallen, hofft vergebens. RDC will nicht der „Ryanair von Sylt“ werden, und die Bahn sieht auch keinen Anlass, ihre Tarifen inklusive der bisherigen Rabatte für Insulaner nach unten zu korrigieren. Freuen können sich hingegen alle, die schon immer einen Job bei der Eisenbahn gesucht haben. Denn sowohl die Deutsche Bahn als auch RDC erweitern ihren Mitarbeiterstamm beziehungsweise stellen im größeren Umfang neue Leute ein. Um die auch später alle halten zu können, müssen auf beiden Seiten die Züge so rollen, wie es die bisher bekannten Pläne vorsehen. Spätestens bis April kommenden Jahres hofft man auf Seiten der Bahn die Nachfrage an Verbindungen realistisch einschätzen zu können.

RDC hofft dagegen immer noch, dass sie mehr Verbindungen als bisher zugesprochenen einklagen können, aber auch mit den relativ wenigen Trassen, die sie für die kommenden zehn (!) Jahre vertraglich zugesichert bekommen haben, fühlt man sich schon auf das richtige Gleis gesetzt. Die Reaktionen aus der Einwohnerversammlung, die oft gereizt gestellten Fragen und das spürbare Unbehagen mit den Antworten, die mehr Chaos als Komfort für die Zukunft befürchten ließen, machten deutlich, dass das Thema Sylt-Shuttle zum Recht TOP1 bildete.

 


Erst locker, dann arrogant


 

Dem emotionalen Wert entsprechend nahm der Autozugpart dann fast 90 Minuten in Anspruch. Mancher wäre da schon gern gegangenen. Die Vertreter der Autozüge taten es auch. Für die Sylter Bürger stand aber mit der 40/60-Regelung ein weiteres sehr emotional diskutiertes Thema auf der Agenda der Versammlung. „Dazu haben wir den Bürgermeister der Gemeinde Sylt, Herrn Häckel, gebeten“, kündigte Peter Schnittgard an, um mit Häckels Engagement für und seiner tiefen Kenntnis dieser Regel zu begründen, dass nicht Sylts Bauamtsleiter Martin Seemann dieses Problemfeld übernommen hatte. Der musste darauf wartete, als Letzter des Abends noch über das Radwegekonzept der Gemeinde zu referieren. Also zunächst Nikolas Häckel über 40/60.

Sehr klar, sehr anschaulich prägnant und durchaus überzeugend verstand Häckel es, die Genese und Notwendigkeit der Regel vorzustellen, die dazu dienen soll, mehr Dauerwohnraum auf der Insel zu schaffen. Kompliziert wurde das Ganze dennoch, da es die 40/60-Regel auch in ganz anderen Kombinationen wie zum Beispiel 50/50 oder 20/80 bis zu 0/100 gibt. Der Bürgermeister versuchte deutlich zu machen, dass er mit der Regel nicht etwa seine eigene Vorstellung, sondern einen Auftrag der Gemeindevertretung an seine Verwaltung durchsetzen muss. Als dann kritische Nachfragen, spitze Bemerkungen und offene Ablehnung aus dem Publikum als Reaktion kamen, verfiel Häckel in Ton und Argumentation in kaltes Juristendeutsch, „feuerte“ ein Paragrafen-Gewitter ab, das im Plenum als arrogante Attitude empfunden wurde. Schade, hatte Häckel bis dahin einen fast lockeren Ton getroffen. Danach war es 21:10 Uhr.

 


„Erfolgsgeschichte“ KLM


 

Peter Schnittgard hatte 150 Minuten als Zeitrahmen für die gesamte Veranstaltung vorgegeben. 130 Minuten waren also schon verbraucht und Marcus Kopplin bekam den Hinweis, dass er seine Vorstellung des Wohnungsbaukonzeptes der Gemeinde Sylt möglichst in zehn Minuten abhandeln möge. Der sehr souverän auftretende Chef des KLM (Kommunales Liegenschaftmanagement) stellte seine „Erfolgsgeschichte“ vor, die vor allem mit einem beständigen Zuwachs an Wohnungen für Sylter mit beachtlichen Zahlen und positive Prognosen punkten kann. Allein auf die Frage, wie viele Wohnungen brauchen wir denn zukünftig, wollte Koppelin nicht mit Zahlen antworten, „weil es dafür keine belastbaren Daten gibt“. Allerdings, auch das machte Koppelin deutlich, ist die Nachfrage nach Wohnungen auf der Insel nach wie vor sehr hoch.

 


Trotz Ermüdung interessant


 

Das gilt auch für Fahrradabstellplätze, von denen die Gemeinde Sylt zwar einige Tausend hat, aber viele davon als unbrauchbare „Felgenkiller“ gelten und ausgetauscht werden müssten. Das, so ein sehr eloquenter Martin Seemann, ist nur eines von vielen Problemen, um die Situation für Radfahrer auf der Insel zu verbessern. Seemanns Ausführungen zum Radwegekonzept zeigte die Probleme zwischen Radfahrern und Fußgängern sowie mit Autofahrern auf, denen ein sicheres Miteinander auf den oft engen Inselstraßen geboten werden soll. Ausführungen, die sehr detailliert und kenntnisreich waren, aber das zur schon vorgerückter Stunde, als die Ermüdung spürbar den Saal beherrschte.

Um 21:55 Uhr schloss dann Peter Schnittgard die Einwohnerversammlung mit der Erkenntnis, dass sie als „demokratisches Element wichtig ist“ und die Sylter dies wohl auch so sehen. Eine andere Erkenntnis ließ der Abend auch zu: Nicht zu viele (brisante) Themen in einer Versammlung.  

 

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