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Demo der Syltpendler : „Sie klauen uns unsere Freizeit“ – Reaktionen aus Klanxbüll

vom

Seit über einem Jahr plagen sich Pendler auf der Marschbahnstrecke mit Ausfällen und Verspätungen herum. Einige mussten deshalb sogar den Job wechseln.

shz.de von
erstellt am 25.Okt.2017 | 10:09 Uhr

Klanxbüll | Nichts geht mehr am Bahnhof in Klanxbüll. Rund 600 Pendler folgten am frühen Mittwochmorgen dem Aufruf einer Facebook-Pendler-Initiative, um den Bahnverkehr auf der krisengeplagten Marschbahnstrecke lahmzulegen. Für die Teilnehmer der Aktion ist das ein symbolischer Akt. Seit rund einem Jahr sind sie selbst diejenigen, die immer wieder unter Zugausfällen und Verspätungen leiden, die ihren Feierabend am Bahnsteig verbringen oder Ärger mit ihren Vorgesetzten haben.

„Die Stimmung ist unbefriedigend und umzumutbar. Wir wollen wieder ungestört zur Arbeit kommen“, sagte Achim Bonnichsen, der die Pendler-Initiative organisiert. Ziel der Aktion sei es, bundesweit ein Augenmerk auf die unbefriedigende Situation auf der Marschbahnstrecke zu lenken. „Wir sind müde, kaputt und ausgezehrt“, seit nunmehr 348 Tagen sei die Situation unerträglich für die Pendler geworden.

Achim Bonnichsen, Organisator der Pendler-Initiative.

Achim Bonnichsen, Organisator der Pendler-Initiative.

Foto: Staudt

„Wir machen mit, weil wir betroffen sind, wenn die Kollegen jeden Tag zu spät kommen“, sagt Nils Kraumanns (19) aus Tinnum auf Sylt. Von insgesamt 40 Leuten im Betrieb, einem Sanitär-Unternehmen, kämen täglich 20 bis 25 zu spät zur Arbeit.

Groß- und Außenhandelskaufmann Uwe-Jens Lornsen, 56, arbeitet seit mehr als 30 Jahren auf Sylt, davon ist er zehn Jahre als Pendler unterwegs zwischen Klanxbüll und Westerland. Wegen der Situation auf der Marschbahnstrecke hat er seine Arbeitsstelle gekündigt, ab 1. November ist er in Heide. Er sagt: „Das sind keine Zustände mehr. Sie klauen uns unsere Freizeit.“

Uwe-Jens Lornsen (56).

Uwe-Jens Lornsen (56).

Foto: Staudt
 

Und auch Pendler auf der Insel selbst sind betroffen. „Meine Eltern arbeiten auf Sylt und ich bekomme jeden Tag mit, dass die Züge ausfallen oder zu spät kommen“, sagt Sina Kiose, 15 Jahre alt, aus Morsum. Sie ist selbst betroffen, wenn sie mit dem Zug zur Schule nach Westerland fährt. Oft muss sie dann von ihren Eltern gebracht werden.

Sina Kiose (15) aus Morsum.

Sina Kiose (15) aus Morsum.

Foto: Staudt

Der Verein Sylter Unternehmer befürwortet den Schritt der Pendler: „Wir sind Unterstützer dieser Aktion und hoffen, dass wir ein Zeichen setzen können mit vielen Mitarbeiten  dieser Insel und wir hoffen täglich auf Linderung nach 349 Tagen Ersatzkonzept“, sagt Karl Max Hellner, 1. Vorsitzender. Der Verein fordere unter anderem Entschädigungszahlungen an die Pendler.

Die Bahn selbst zeigt Verständnis für die schlechte Stimmung unter den Demonstranten. „Wir können den Unmut der Pendler und Fahrgäste verstehen“, sagt Bahn-Sprecherin Angelika Theidig. Dem Unternehmen sei bewusst, dass die derzeitige Qualität der Angebote nicht dem entspreche, was Fahrgäste erwarten. Man arbeite jedoch weiterhin „mit Hochdruck“ daran, einen verlässlichen Fahrplan zu gewährleisten. Um die Situation zu verbessern sei es Theidig zufolge „wichtig, dass alle Beteiligten an einem Strang ziehen“.

Aktion stößt auch auf Kritik

Am Bahnsteig in Klanxbüll warten nicht nur aufgebrachte Pendler. Eine 65-Jährige, die Freunde auf Sylt besuchen wollte, wurde von der Blockade überrascht. Zwei Stunden lang hatte sie im Regen ausgeharrt. „Ich wusste nichts von der Aktion und war erstmal genervt“, sagt sie. „Aber ich habe Verständnis für die Situation der Pendler, weil ich jeden Tag mitbekomme, was hier los ist.“

Auf Verständnis trifft die Protestaktion aber nicht überall. Vor allem im Internet werden kritische Stimmen laut. Unter einer Protest-Ankündigung auf der Facebookseite „Störungen im Bahnverkehr“ häufen sich die hämischen Kommentare:

„Ich würde den Zug einfach ohne Halt durch Klanxbüll jagen...“ schreibt da einer. Ein anderer findet „DB Regio sollte sofort die Zusammenarbeit mit der Pendlergruppe einstellen. Das was Regio und Nah SH hier mit den Pendlern kommuniziert, ist wohl einzigartig und das scheint wohl einigen ein wenig in den Kopf zu steigen. Also ab morgen Funkstille und dann können die Pendler mal lernen, wie es anderen Pendlern in Deutschland geht.“

Auch auf Twitter herrscht bei einigen Usern Unverständnis.

Zumindest einen freut der Aufstand der Pendler: Norbert Nommensen, den Imbissbetreiber am Bahnhof von Klanxbüll. „Ich kann mich heute nicht über mangelnden Umsatz beklagen“, schmunzelt er. „Es geht ein Kaffee nach dem anderen über den Tresen.“ Engpässe gab es trotz des ungewöhnlich hohen Besucheraufkommens aber noch nicht – und für den Notfall steht noch eine zweite Kaffeemaschine bereit.

Und noch etwas Gutes hat die Aktion:

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