Kündigung beim UKSH : Sexualmediziner Bosinski wirft aus Protest hin

Professor Hartmut Bosinski hat gekündig. Foto: Grätsch
Professor Hartmut Bosinski hat gekündig. Foto: Grätsch

Streit um Sparkurs und Kompetenzen: Prof. Hartmut Bosinski kündigt nach 25 Jahren Pädophilen-Forschung seinen Job am Universitätsklinikum in Kiel.

shz.de von
27. Juni 2013, 10:22 Uhr

Kiel | Er ist die Koryphäe auf dem Gebiet der Sexualmedizin: Prof. Dr. Hartmut Bosinski (57) entwickelte eine weltweit neuartige Methode zur Diagnose von Pädophilie mittels Magnetresonanztomograph und behandelt Männer, bevor sie sich an Jungen und Mädchen vergehen ("Kein Täter werden"). Jetzt hat der Experte seinen Job hingeworfen.
Aus Protest ist der Professor aus seinem Beamtenverhältnis auf Lebenszeit ausgeschieden. "Es geht nur noch darum, Geld zu sparen, und nicht mehr darum, Patienten mit schweren Störungen richtig zu versorgen", sagte er dem sh:z.

Erhalt der Sexualmedizin im Koalitionsvertrag

Bereits in den vergangenen Jahren hatte es Pläne gegeben, die Sektion für Sexualmedizin am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) aufzulösen. Sie scheiterten an Protesten aus dem In- und Ausland. Die neue Landesregierung schrieb ihren Erhalt schließlich im Koalitionsvertrag fest. Doch hinter den Kulissen gab es weiter Streit um Finanzen und Kompetenzen, Stellen wurden halbiert.
In einem Schreiben, das Prof. Bosinski dem Präsidenten der Universität geschickt hat, heißt es: "Gerade die Patientenversorgung, die nicht zuletzt auch Opfern und Tätern sexueller Übergriffe gilt, hat der UKSH-Vorstand durch die Halbierung unserer Stellen nachhaltig beschädigt." Waren anfangs noch 400 Patienten pro Jahr behandelt worden, sollen es zuletzt gerade einmal 100 gewesen sein.

Kein Kommentar vom UKSH

Den Vorschlag eines Runden Tisches, die Sektion für Sexualmedizin als eigenständige Abteilung in das Zentrum für Integrative Psychiatrie (ZIP) in Kiel einzubinden, lehnte das UKSH ab. Zweigleisig fahren wolle man nicht, erklärte UKSH-Sprecher Oliver Grieve. Und so wird die Sektion für Sexualmedizin seit April Schritt für Schritt zu einem Institut am Zentrum für Integrative Psychiatrie umgewandelt, dessen Leitung Prof. Aglaja Stirn übernehmen wird, die in Kiel eine von Asklepios finanzierte Stiftungsprofessur für psychosomatische Akutmedizin inne hat.
Die Kündigung von Prof. Bosinski kommentierte das UKSH nicht. "Das ist eine private Entscheidung", sagte Sprecher Oliver Grieve. Prof. Bosinski habe man aber das Angebot gemacht, im neuen Institut mitzuarbeiten.

"Windige Konstruktion"

Doch nach 25 Jahren Engagement für die Sexualmedizin hat der Experte seinen eigenen Kopf. Aus seinem Umfeld ist zu hören: Der Professor legt Wert darauf, dass fachliche Kompetenz die Strukturen vorgibt. Die sieht Hartmut Bosinski jetzt nicht mehr als gegeben, in seinem Schreiben heißt es dazu: "Die Leiterin ist weder für Sexualmedizin berufen worden, noch ist sie durch nennenswerte Beiträge in der Sexualmedizin hervorgetreten, noch verfügt sie über eine ausgewiesene Expertise in der Forensik." Ohne Not sei eine seit Jahrzehnten erfolgreich arbeitende und national und international anerkannte Einrichtung mit verantwortungsvollen Aufgaben in Forschung, Lehre, Patientenversorgung und Opferschutz zugunsten einer windigen Konstruktion zerschlagen worden. Da es sich um eine Stiftungsprofessur handelt, vermutet Bosinski, dass die "Auslagerung" von Kosten wohl für die Entscheidung bestimmend sei und spricht weiter davon, dass die Verhinderung künftiger Missbrauchstaten in den "rein merkantil geprägten Strukturplanungen" des UKSH-Vorstandes offenbar keine Rolle gespielt haben.
Prof. Bosinski hatte sich zuletzt um die Einrichtung des bundesweit ersten "Zertifikationsstudiums Sexualmedizin" an der Uni gekümmert, zum Thema "Neurobiologische Grundlagen von Pädophilie" laufen Forschungen. Die Sektion für Sexualmedizin bündelte also Krankenversorgung, Begutachtung, Forschung und Lehre - und war die einzige sexualmedizinische Einrichtung in Schleswig-Holstein, die auch für die Beratung von Justiz- und Sozialbehörden, Heimeinrichtungen und niedergelassene Ärzte zuständig war.
Was wird daraus werden? "Ich weiß nicht, wie das künftig organisiert werden wird", sagt Bosinski. Er selbst will im Oktober eine Praxis für Sexualmedizin aufmachen. "Die Patienten liegen mir am Herzen, um sie will ich mich kümmern."

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