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Manipulation am Auto : Selbstversuch auf Sylt: Mein missratener ADAC-Test

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Werkstatt-Testerin für den ADAC: Diese Aufgabe hat sich Redakteurin Julia Nieß einfacher vorgestellt.

shz.de von
erstellt am 20.Nov.2015 | 18:09 Uhr

„Frau Nieß, haben Sie Ihr Auto manipulieren lassen?“ Peter Reichel vom Autohaus Rosier in Tinnum ist hörbar aufgelöst. „Ja“, denke ich.

„Nein?“, antworte ich unsicher und mit einem schlechten Gewissen. Denn ich habe meinen Smart in der Tat manipulieren lassen – ich darf es bloß nicht zugeben. Das hat mir der ADAC verboten. Doch Herr Reichel klingt richtig besorgt. „Da muss jemand was dran gemacht haben! Wer hat sonst noch Zugang zu Ihrem Auto?“ Es fällt mir immer schwerer zu lügen, macht sich Herr Reichel etwa wirklich gerade Sorgen um mich?

Aber der Reihe nach: „Mitmachen beim ADAC Werkstatttest und dabei Geld sparen!“, stand auffordernd auf der Homepage des Automobilclubs. Da mein Auto seit 131 Tagen zur Inspektion musste und ich das sogenannte „Test-Honorar“ kurz vor meinem USA-Urlaub gut gebrauchen konnte, meldete ich mich ohne zu zögern an.

Eigentlich klang alles ganz einfach: Ich mache einen Werkstatt-Termin mit Rosier, am Abend vor dem Termin kommt ein vom ADAC geschickter Mechaniker zu mir, der mein Auto „manipuliert“ und nachdem ich mein Auto am nächsten Tag wieder abgeholt habe, schaut der Mechaniker, ob alle manipulierten Stellen entdeckt wurden. Ich bekomme dafür 250 Euro überwiesen und kann mir im Urlaub ein hübsches Paar Schuhe kaufen. Leicht verdientes Geld, dachte ich mir - allerdings auch nicht weiter.

Einige Wochen, nachdem ich mich angemeldet hatte, ist es dann soweit. Allerdings bin ich über die Veränderungen, die der Fahrzeugpräparator vornimmt, doch sehr überrascht. Dazu sei gesagt: Mein Smart ist gerade einmal zwei Jahre alt und wies bisher – soweit ich weiß – keine Mängel auf. Nun aber schon: Es wird Luft aus einem Reifen entfernt, die Glühbirne des Innenlichts wird gegen eine kaputte ausgetauscht, die Kappe vom Ersatzreifen gelockert, Bremsflüssigkeit abgelassen, das Licht verstellt und dann fast die gesamte Kühlflüssigkeit entfernt. „Komm’ ich damit überhaupt bis in die Werkstatt?“, frage ich erstaunt. „Aber klar“, sagt der wirklich nette Präparator.

Mit einem mulmigen Gefühl – als würde ich das Pferd persönlich nach Troja bringen – gebe ich mein Auto am nächsten Tag ab. Herr Reichel geht mit mir alles kurz durch und entlässt mich fröhlich, das Auto könne ich gegen 16 Uhr wieder abholen, sagt er.

Allerdings hatte er da wohl noch nicht die „Veränderungen“ gesehen: Zwei Stunden später klingelt mein Telefon zum ersten Mal an diesem Tag und Herr Reichel versuchte, mich zu enttarnen. Zunächst ging ich auf die Manipulation nicht ein und beendete die Telefonate schnell. Doch Herrn Reichel ließ nicht locker: Es ging ihm nämlich ab dem dritten Anruf gar nicht mehr um den Test.

Wie sich herausstellte, war die Lichtmaschine an meinem Auto tatsächlich - und ohne fremde Hände - defekt. Mein Auto sollte vier Tage in der Werkstatt bleiben, weil ein Ersatzteil bestellt werden musste. Das waren nicht nur für mich schlechte Nachrichten, sondern auch für den Auto-Präparator, der für eine Nacht auf der Insel war und am folgenden Tag eigentlich nur einen kurzen Blick auf die gemachte Arbeit von Herrn Reichel werfen wollte.

„Sagen Sie, Sie brauchen Ihr Auto und wollen es wiederhaben“, war die etwas hektische Anweisung vom ADAC. Aber da hatte der Club die Rechnung nicht mit Herrn Reichel gemacht. „Ich lasse Sie auf keinen Fall mit diesem Auto fahren“, sagte er bestimmt, „damit bringen Sie sich wirklich in Lebensgefahr.“

Das Geflecht aus Lügen, in das ich mich zu diesem Zeitpunkt schon katapultiert hatte, wog schwer. Schwerer, als ich bereit war zu tragen. Also blieb mein Auto in der Werkstatt und der ADAC-Mechaniker musste abreisen - um nach vier Tagen wiederzukommen.

Zwei Wochen später sitzen Herr Reichel und ich uns gegenüber und können über die Geschichte lachen. „Bisher habe ich eigentlich jeden Kunden dazu bekommen, dass er den Test gesteht“, sagt Peter Reichel und grinst. Nur mich konnte er einfach nicht knacken. Er habe gerade mal zwei Minuten gebraucht, um festzustellen, dass mein Smart manipuliert wurde. Gefreut darüber hat er sich nicht. Zu diesen Tests habe er eine ganz klare Meinung: „Die Fehler, die dort eingebaut werden, sind einfach dilettantisch und nicht der heutigen Zeit entsprechend“, so Reichel, „dass mal Luft aus einem Reifen geht, ist normal, aber dass gleich die ganze Kühlerflüssigkeit fehlt, das passiert eigentlich nicht.“ Selbst die „dümmsten Monteure würden diese Manipulationen bemerken“, erklärt er. Kontrollen seien generell zwar richtig, „aber so wie das hier gemacht wurde, ist das einfach nur praxisfremd.“

In meinem Fragebogen zu dem Test habe ich Herrn Reichel übrigens nur Bestnoten gegeben. Und als ich ihn schließlich anrief und mich als „Werkstatt-Testerin“ outete, war ich einfach nur froh, ihm endlich die Wahrheit sagen zu können. Eine Werkstatt werde ich so schnell aber nicht mehr testen.

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