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Sylter Zeitgeschichte : Seenotrettung per Kanone

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Folge 29 der SR-Serie Sylter Zeitgeschichte: Die teils abenteuerlichen Wege, wie früher Menschen aus der Nordsee gerettet wurden

shz.de von
erstellt am 13.Aug.2013 | 03:59 Uhr

SYLT | Im Lister Hafen hält der Seenotrettungskreuzer "Minden" Wacht. Auf ihn ist Verlass, wenn Schiffer, Segler oder Surfer in Not geraten.

Vor mehr als hundert Jahren freilich war man von Maßstäben wie der gut ausgerüsteten Minden noch weit entfernt. Damals stellte die Rettung Schiffbrüchiger stets ein abenteuerliches Unterfangen dar. Wenn ein Schiff im Sturm vor Sylt kenterte, dann waren oft Menschenleben zu beklagen. Für eine wirksame Hilfe fehlte es an geeigneten Rettungsmitteln. Hinzu kam: "Die Regierung hat bisher für die Rettung der Schiffbrüchigen nichts getan und überlässt dies den Strandvögten und Privatvereinen", monierte 1872 der Sylter Chronist Christian Peter Hansen. Die Verhältnisse besserten sich erst, als 1865 in Bremen die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger gegründet wurde. Von ihr bezogen die Sylter bereits 1868 die ersten Rettungsapparate. Diese wurden in Schuppen in Westerland, Rantum und Kampen aufbewahrt, 1882 kam ein weiterer Außenposten in List hinzu.

Nach Möglichkeit wurden die Besatzungen havarierter Schiffe mit einem stämmigen, aus Massivholz gebautem Rettungsboot aus ihrer misslichen Situation befreit. Wenn jedoch eine hohe Brandung die Überfahrt zu dem havarierten Schiff unmöglich machte, dann kamen die Raketenapparate zum Einsatz. Mit ihnen schossen die Helfer vom Strand aus eine Rettungsleine zum Schiff hinüber. Zwar konnte ein solcher Schuss eine Distanz von bis zu 400 Metern überbrücken, doch bei Sturm und Dunkelheit bedurfte es oft vieler Versuche, ehe es einem Mann der Schiffsbesatzung gelang, die Rettungsleine zu fangen und zu befestigen. Ein tragisches Beispiel dafür gibt die Strandung des Segler "Reintjedina" am 29. Oktober 1890 vor Wenningstedt ab: Die vier englischen Besatzungsmitglieder hatten sich mit letzter Kraft an die Masten gebunden und harrten auf Rettung. Nach 30 Versuchen, mit dem Rettungsgewehr vom Strand eine Leine zum Schiff zu schießen, traf man endlich den richtigen Punkt.

Als erster wurde der Steuermann an einer Trosse zum sicheren Ufer gezogen - doch starb er wenig später an Unterkühlung. Der Schiffskoch konnte auf dem selben Wege gerettet werden, die beiden übrigen Besatzungsmitglieder aber fanden keine Kraft, das Tau zu fassen. Nach 36 Stunden gelang es den Helfern, das Schiff mit dem Rettungsboot zu erreichen. Als sie den Kapitän vom Mast los schnitten, sackte er tot in ihre Arme. Der Schiffsjunge überlebte. Jedoch: Beide Füße waren ihm erfroren.

In anderen Fällen gelang es den Besatzungen, die Rettungsleine zügiger zu fangen und zu befestigen. War dies geglückt, wurde über die dünne Rettungsleine ein starkes Tau zum Schiff gezogen. An diesem Tau war eine sogenannte Hosenboje befestigt, die man sich vereinfacht als einen Tragekorb vorstellen kann.

Laut Vorschrift hatte sich "die Person, welche an Land gezogen werden soll, in die Hosenboje zu setzen, und zwar mit den Beinen in die Hose und die Arme über die Boje legend. Nachdem die Person gelandet ist, wird die Hosenboje wieder leer ans Schiff gezogen. Dieses Verfahren wiederholt sich, bis alle Personen gerettet sind." Neben den Raketenapparaten kamen später auch handliche Leinenpistolen und -gewehre zum Einsatz, die es allerdings nur auf eine Reichweite von maximal 150 Metern brachten.

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