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Sylter Rundschau

20. Oktober 2017 | 22:02 Uhr

Schweißtreibender Jahresabschluss

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Beim 38. Sylter Silvesterlauf starten knapp dreihundert Insulaner und Gäste / Erfahrungsbericht eines rennender Reporters

Das fängt ja gut an. Gegenwind, gefühlt von allen Seiten. Immerhin, die Sonne lässt sich gelegentlich blicken. Und es regnet nicht. Trotzdem ist es mitunter lausig kalt am Nachmittag dieses letzten Tages im alten Jahr im Sylt-Stadion am Stadtrand von Westerland.

Musste das wirkliche sein? Mitlaufen beim traditionellen Sylter Silvesterlauf des TSV Westerland und des Insel Sylt Tourismus-Service? Eigentlich bin ich doch für ein paar Tage im Urlaub in der alten Heimat. Warum also sitze ich nicht gemütlich bei einem heißen Kaffee in unserem Ferienhäuschen in Hörnum? Oder bei einem guten Glas Wein in meiner neuen Lieblingskneipe? Wäre im Moment vermutlich angenehmer.

Solche Fragen stellen sich am 31. Dezember gegen 14 Uhr ganz bestimmt auch einige Mitläufer. Jetzt ist es aber zu spät. Ich hab den Kumpels erzählt, dass das alte Jahr diesmal schweißtreibend mit einem Massen-Dauerlauf auf Deutschlands schönster Nordseeinsel verabschiedet wird. Kneifen geht nicht mehr.

Noch ein paar Minuten bis zum Start. Ein paar Läufer haben sich verkleidet. Im Pulk sind zwei Weihnachtsmänner, ein Cowgirl und ein Mann im Dress eines US-Baseballspielers zu erkennen. Die meisten Mitläufer tragen aber eng anliegende Sportklamotte. Peter Schnittgard, der Vorsitzende des TSV Westerland, erklärt über die Lautsprecheranlage, das dieser Lauf besondere Regeln hat. „Wir wollen mit Spaß ins neue Jahr.“ Spitzentempo ist tabu. Das gelte für alle Strecken, für die 2,5 Kilometer, die sechs Kilometer und für die Hauptdistanz über elf Kilometer bis nach Rantum und zurück. „Wenn Ihr meint, Ihr müsst Erster werden – uns kümmert das gar nicht.“

Alle drei Gruppen haben Tempowächter. Den Hauptlauf kontrolliert Wolfgang Jensen. Der Marathonläufer trägt eine knallgelbe Weste mit einer großen 65 auf dem Rücken: Keiner soll schneller laufen als 65 Minuten, also einen Kilometerschnitt von etwa sechs Minuten. Das ist für gut trainierte Sportler nicht besonders anstrengend, für Otto-Normalbürger und Co gerade so zu schaffen.

Der Startschuss. Kurz nach halb drei geht's endlich los. Zunächst immer in Richtung Süden. Inklusive der beiden Kinderläufe und der Walker sind knapp 300 Insulaner und Gäste am Start. Einer von ihnen ist Holger Reinhardt, der 41-jährige wohnt bei Frankfurt und macht Urlaub auf Sylt. Der stämmige Karatekämpfer sagt, der Syltlauf sei wie geschaffen für ihn. Ganz schnell wolle und könne er eh nicht rennen. Die Kameradschaft stehe im Vordergrund. „Und ich muss mal nicht – wie beim Karate – den Gegner bezwingen, sondern den inneren Schweinehund überwinden.“ Zum Läuferpulk gehören diesmal auch der ehemalige Fußballprofi Manni Kaltz vom HSV und der Leiter der Fußballschule von Hannover 96, Jürgen Holletzek.

Nach ein paar Minuten rennen wir vorbei am Campingplatz und dann auf dem Radweg immer in Richtung Rantum. Wolfgang Jensen guckt regelmäßig auf seine Armbanduhr. Ab und zu hupt ein Autofahrer und winkt den Sportlern zu.

Manchmal klatschen ein paar Schaulustige. Entgegen kommende Radfahrer müssen mitunter anhalten. Ein paar Mal überholen wir Läufer, die allein unterwegs sind. Das ist der Beweis: Es gibt Jogger, die deutlich langsamer unterwegs sind als die Sylter Silvesterläufer. Nach gut einer halben Stunde erreicht der mittlerweile ordentlich schwitzende Trupp das Feuerwehrgerätehaus am Ortsrand von Rantum, den Wendepunkt.

Kurz vor der Rückkehr ins Stadion halten sich ein paar Herren der Schöpfung dann nicht mehr an das Reglement. Sie sprinten los. Dietlinde Gutbrodt hat dafür nur wenig Verständnis. Die rüstige Rentnerin rennt seit mehr als drei Jahrzehnten immer mit beim Sylter Silvesterlauf. „Einmal im Jahr“, sagt sie streng, „kann man doch zusammen laufen“. Wenn alle gemeinsam ins Stadion zurück kämen, das sei doch „ein geiles Gefühl“.

Nach ziemlich genau 65 Minuten erreichen Wolfgang Jensen und die anderen Silvesterläufer das Ziel. Im Stadion werden die Sportler mit Glühwein und Berlinern versorgt. Viele verabschieden sich mit den Worten: „Feiert heute Nacht mal schön – und bis nächstes Jahr beim Silvesterlauf.“ Spätestens jetzt wissen alle, warum sie mit gerannt sind: Wer zwischen Weihnachten und Neujahr beim Sport ein paar Kalorien verbrennt, der hat ein gutes Alibi für ein zusätzliches Gläschen Sekt um Mitternacht.


Martin Tschepe ist seit fast 20 Jahren Redakteur der Stuttgarter Zeitung. Der 48-jährige Reporter ist in der 70er-Jahren in Hörnum zur Schule gegangen. Er besucht regelmäßig seine zweite Heimat und schreibt gelegentlich für die Sylter Rundschau.


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