Schwarz-rot-Sylt

shz.de von
19. Juni 2014, 15:13 Uhr

Carsten behauptet, ich sei ein „WM-Trittbrettfahrer“ übelster Sorte. Das ist seiner Meinung nach jemand, der sich nur zur WM für Fußball interessiert, das dann aber absolut fanatisch. Soll er reden. Ich sehe es eher so, dass ich unser Land gerade tatkräftig unterstütze. Wann soll man das denn machen, wenn nicht zur WM? Jogis Jungs und Leute wie ich haben es innerhalb eines Spieles geschafft, ein Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen. Ok, Jogis Jungs vielleicht ein wenig mehr, als ich.

Bei mir ist zur Zeit alles schwarz-rot-gold. In Kiel und in Morsum. Ich ernenne mich hiermit zur absoluten Deko-Queen. Vergessen Sie RTL’s „Einsatz in vier Wänden“, vergessen Sie Tine Wittler. Ich habe alles: von Autofähnchen und Magneten über Flaggen in allen Größen bis hin zu Bergen an Luftschlangen. Letztere sind mit dem obligatorischen schwarz-rot-gold-Rollstift fürs Gesicht, den Tattoos und der Blumenkette ein absolutes Verkleidungs-Muss für WM-Fußballabende in der Öffentlichkeit. Ich habe sogar eine gelbe und eine rote Karte (habe ich bis dato aber nur bei der ein- oder anderen Schiedsrichter-Entscheidung ziehen müssen) und gerade gestern wurden auch meine Sylt-Fahrräder mit Fähnchen ausgestattet. Selbstverständlich habe ich sie selbst angebracht, nachdem Carsten schon nicht in der Lage war, meinen neuen Fahrradkorb anzumontieren („man muss schließlich nicht alles können“, waren seine Worte). Bei mir ist quasi alles dreifarbig und ich stehe dazu. Ich glaube, ich muss Ihnen nicht sagen, wie Carsten das findet. Das ist mir, ehrlich gesagt, auch alle vier Jahre egal.

Es beruhigt mich zudem enorm, dass ich nicht die einzige bin. Meine Freundin, Vermieterin und Nachbarin ist meine absolute WM-Seelenverwandte. Sie hat ihre Garage (wie bereits zu den großen Turnieren zuvor) in ein tolles WM-Studio umgebaut, mit allem Schnick und Schnack, vor allem aber mit einem großen Fernseher und einem noch größeren Kühlschrank. Da kann sich die ARD dekomäßig mal ´ne Scheibe von abschneiden. In ihren ehrwürdigen Hallen sind wir 2006 Dritter geworden. Was für ein Fest das war. Carsten schüttelt noch heute den Kopf: „Wir sind NUR Dritter geworden! Ich feiere erst, wenn wir den Titel holen.“ Männer sind wirklich komisch, wenn es um Fußball geht. Wenn meiner ein Cent-Stück auf dem Boden findet, wünscht er sich tatsächlich, dass Holstein Kiel aufsteigt. Mal ernsthaft...

Ebenfalls ein schönes Beispiel: Bereits Samstagmorgens wird vor diversen Restaurants und Cafés der Friedrichstraße dasselbe Schild aufgestellt : „Hier Fußball-Bundesliga live“. Es kann draußen der erste und einzige sonnige, windstille Sommertag mit 25 Grad sein - die Männer sitzen tatsächlich drinnen, starren auf den Fernseher und schweigen sich an. Das habe ich ab und an auf dem Weg Richtung Toilette beobachten können. Das erste Mal habe ich ernsthaft gedacht, da wäre eine geheime Sitzung. Aber nein, die Herren haben nur Fußballbundesliga geschaut. Das soll einer verstehen.

Carsten guckt die WM-Fußballspiele am liebsten alleine, aber wenigstens im Original-Trikot. Er müsse sich schließlich konzentrieren. Bitte, wenn er meint. Ich dachte eigentlich immer, dass das Jogi Löws Aufgabe wäre. Ich gucke lieber in Gemeinschaft und voll verkleidet. Ach, ich freue mich jetzt schon auf die nächsten Spiele in der Morsumer WM-Garage. Wenn Sie sich irgendwann fragen, wer die Mädels sind, die hupend und mit Fahnen wedelnd durch Sylt-Ost fahren - das sind meine Freundinnen und ich, wenn wir endlich Weltmeister geworden sind. Bis dahin wünsche ich uns allen, echten Fußball-Fans sowie „WM-Trittbrettfahrern“, noch tolle Spiele!

Jeden Sonnabend beschreibt Miriam Köthe exklusiv für die Sylter Rundschau, was ihr auf Sylt so auffällt und gefällt. Die Kieler Journalistin besucht mit ihrem Mann, dem R.SH-Morningman Carsten Köthe, in jeder freien Minute die Insel.

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