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Sylter Schwangere : Schwangere: Niebüll keine Option mehr

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Die Geburtshilfe-Abteilung in der Klinik Niebüll bleibt von morgen an zunächst geschlossen. Sylter Hebammen zeigen sich betroffen.

„Es ist fünf nach Zwölf“, sagt die Sylter Hebamme Anke Bertram und ist merkbar bestürzt. „Die Niebüller Geburtsstation war in der Vergangenheit für viele Sylterinnen eine wichtige und nahe liegende Option, ihr Kind nicht weit entfernt von der Insel entbinden zu können“. Diese Option wird es allerdings künftig nicht mehr geben, denn heute Nacht um 24 Uhr hört die Entbindungsstation aufgrund von akutem Hebammen-Mangel auf zu bestehen (siehe Berichterstattung auf Seite 11).

Auf Sylt, wo die Geburtsstation im Januar 2014 schloss, sorgt diese Nachricht für Betroffenheit – überraschend kam sie für die drei Insel-Hebammen Cornelia Bäcker, Anke Bertram und Heidrun Hepper aber nicht. „Es ist schon ziemlich lange bekannt, dass die Station früher oder später schließen wird“, sagt Hebamme Bäcker, „die meisten Frauen fahren ohnehin schon nach Flensburg oder Husum“. Das liege hauptsächlich daran, dass das Niebüller Krankenhaus keine angeschlossene Kinderklinik und keinen Kinderarzt habe und die Versorgung in den beiden anderen Kliniken einfach die bessere sei.

Auch Heidrun Hepper überrascht die Schließung nicht. „Nach dem Ende der Geburtsstation auf Sylt war schon lange bekannt, dass Niebüll die nächste sein wird“, sagt sie, „ich bedaure das aber sehr, es ist schon wirklich bitter“, so die Hebamme. Sie habe erst kürzlich zwei Frauen gehabt, bei denen es „ganz knapp war und wir es noch gerade so bis nach Niebüll geschafft haben“, so Hepper.

Wie das Klinikum gestern bekannt gab, soll die Schließung nur vorübergehend sein. Die Geburtsstation könne wieder geöffnet werden, wenn genug Hebammen da seien. „Das ist doch Quatsch!“, ärgert sich Anke Bertram, „die wird nie wieder geöffnet werden.“ Bertram ist sich sicher, dass es nicht nur bei dieser einen Schließung bleibt: „Ich lehne mich einfach mal aus dem Fenster und sage, dass Husum als nächstes geschlossen wird“, so die Hebamme. Und nicht nur das, Bertram geht ebenfalls davon aus, dass Geburtshilfe generell aussterben wird. „Die Kolleginnen hören alle nach und nach auf und es wird früher oder später zur Katastrophe kommen“, sagt sie und rechnet vor, warum sich der Beruf für Hebamenn nicht mehr rentiert: „Für ihre Versicherung muss eine Hebamme 7  000 Euro im Jahr bezahlen, 327,94 Euro erhält sie pauschal für elf Stunden Geburt. Das rechnet sich einfach nicht.“ Aus diesem Grund würde auch Niebüll keine Hebammen finden, „obwohl es in Schleswig-Holstein mit 680 gemeldeten Hebammen so viele gibt wie noch nie“, so Bertram.

Derzeit betreue sie auch werdende Mütter, die ursprünglich in Niebüll entbinden wollten und nun auf eine andere Klinik ausweichen müssen. „Flensburg bricht aus allen Nähten und auch Husum pfeift aus dem letzten Loch“, sagt sie. „Die Boarding-Häuser sind permanent voll und Frauen, die zwei Wochen vor dem errechneten Termin aufs Festland wollten, wurden schon abgewiesen, weil kein Platz mehr frei war. Da stellt sich mir auch die Frage, wo jetzt noch zusätzlich die 230 Geburten jährlich aus Niebüll noch hin sollen.“ Die Lösung sei für Bertram eine flächendeckende Geburtshilfe, die allerdings von oben kommen sollte. „Ich sehe hier ganz klar die Bundesregierung in der Pflicht“. So sieht es auch Eberhard Eberle: „Normalerweise müsste das in Berlin geregelt werden“, so der Vorsitzende des Sozialausschusses der Gemeinde Sylt.

„Die fahren jetzt den Karren mit vollem Schmackes an die Wand“, sagt Bertram, „bis sie feststellen, dass das ein Fehler war und sie wieder zurückrudern müssen. Allerdings wird es dann vielleicht gar keine Hebammen mehr geben.“



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erstellt am 30.Jun.2016 | 05:15 Uhr

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