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Grundschulen auf Sylt : Schulrätin im Interview

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Schulrätin Maike Jennert zeigt Verständnis für die Empörung der Morsumer Eltern über Schließung der Grundschule, wartet auf ein Sylter Grundschulkonzept und lobt die Sylter Schulen.

Seit August 2013 ist Maike Jennert (41) Schulrätin für das nördliche Nordfriesland. Die Grund- und Hauptschullehrerin für Chemie, Deutsch, Geschichte und Kunsterziehung hat in Kiel und München studiert, in Bayern und Schleswig unterrichtet sowie drei Jahre als Schulrätin in Ostholstein gewirkt. Auf Sylt wird ihr Name bislang vor allem mit der Schließung der Morsumer Grundschule verbunden. Im Interview zeigt sie sich jedoch zuversichtlich, alle übrigen Schulen erhalten zu können – und schließt auch Wiedereröffnungen nicht aus.

 

Frau Jennert, haben Sie die wütenden Reaktionen auf die von Ihnen verkündete Schließung der Außenstelle Morsum eigentlich überrascht?
Nein, die haben mich nicht überrascht. Sie sind aus Sicht der Eltern ja auch verständlich, weil es ein hoch emotionales Thema ist. Ich hätte mir gewünscht, dass man sachlichen Argumenten noch etwas aufgeschlossener gegenüber getreten wäre, nachdem die erste Elternversammlung ja verschoben wurde, um noch einige Möglichkeiten auszuloten. Die Rahmenbedingungen konnte man ja in der Zeitung oder im Internet nachlesen. Trotzdem fand ich die Reaktionen der Eltern völlig in Ordnung und fand es wichtig, ihnen auch den Raum dafür zu geben.

Wie beurteilen Sie die Sylter Grundschullandschaft insgesamt? Wird es in den nächsten Jahren zu weiteren Schließungen kommen?
Wenn die Eltern ihre Kinder dort einschulen, wo sie wohnen, sehe ich die verbleibenden vier Standorte als nicht gefährdet an. Wenn viele Eltern für ihre Kinder andere Schulen wählen, kann ich es nicht vorhersagen. Wenn die Eltern den Schulen in ihrer Nähe den Rücken stärken, liegen wir in den Prognosen des Kreises an allen vier Schulen für die nächsten zehn Jahre über den 44 Schülern, die für den Erhalt eines Standortes erforderlich sind. Wohlgemerkt des Standortes und nicht der Eigenständigkeit.

 

Wie wirkt sich die Schließung in Morsum auf die Mutterschule Am Nordkamp aus? Wie geht es dort weiter?
Rein formal gehören die Morsumer Schüler jetzt zur Schule am Nordkamp. Aber man muss auch schauen, wo die Schüler wohnen und welcher Weg für sie der kürzeste ist. Darum gibt es eine Ummeldefrist bis zum 7. April, in der sich die Eltern alle vier Schulen angucken und sich entscheiden können. Räumlich ist sicher die Nähe zu Tinnum gegeben, vom Schulkonzept her zur Schule Am Nordkamp. Deren Schulleiterstelle wird ab Sommer nicht wieder besetzt. Die Entscheidung, mit welcher Schule eine Kooperation eingegangen wird, wird wohl am 19. Februar im Schulausschuss getroffen. Ich würde gern auch noch über ein gemeinsames Grundschulkonzept mit den beiden Sylter Grundschulträgern reden, weil man auch eine Kooperation mit der Norddörferschule in Betracht ziehen könnte. Auf eine Rückmeldung des Schulverbandes Norddörfer warte ich noch. Für die Stundenzuweisung und die Versorgung der Nordkamp-Schüler spielt das aber keine Rolle. Auch das Konzept dort kann weiter fortgeführt und falls gewünscht um Elemente des Primarhauses Morsum weiterentwickelt werden.

Ist die Situation auf Sylt vergleichbar mit der auf dem Festland?
Die Größe der Schulen ist sicherlich mit der im nördlichen Nordfriesland vergleichbar. Der Schülerrückgang ist auf Sylt allerdings dramatischer als anderswo. Während wir landesweit einen Rückgang von 13 Prozent in den kommenden zehn Jahren erwarten, rechnen wir auf Sylt mit dem Doppelten. Allein in der Grundschullandschaft sind es über 26 Prozent. Das ist vorhersehbar und deshalb wäre es wichtig, jetzt über die künftigen Strukturen zu sprechen und ein Grundschulkonzept zu erarbeiten.

 

Was muss ein gutes Grundschulkonzept beinhalten? Die Anzahl der Standorte allein reicht ja noch nicht aus, oder?

Ich glaube, man möchte den Eltern Vielfalt bieten. Ein Konzept könnte also beinhalten, dass einige Standorte Jahrgangsunterricht anbieten, andere unterrichten jahrgangsübergreifend oder bieten wie St. Nicolai eine Montessori-Klasse an. Auch jetzt unterscheiden sich die Schulen ja deutlich, auch in der Gestaltung des Unterrichts, leisten aber alle eine hervorragende Arbeit. Bemerkenswert positiv finde ich, dass alle vier Schulen Verbindungen zum Hort- oder Kita-Bereich geschaffen haben. Da ist man hier weiter als auf dem Festland. Erstmal ist es aber wichtig, dass sich die politischen Vertreter äußern, welche Standorte sie erhalten wollen. Aus Sicht des Schulamtes muss man keinen weiteren Standort schließen. Wenn die Gemeinde Standorte zusammenfassen möchte, ist es deren Entscheidung, nicht die des Ministeriums.

 

Sind allein die Träger, also die Gemeinden, für so ein Konzept verantwortlich?

Rahmenbedingungen kann der Schulverband stellen, aber die pädagogischen Konzepte beschließt allein die Schulkonferenz, gemeinsam mit Lehrerkollegium und Elternvertretern. Deshalb kann man das Konzept eines Standortes nie eins zu eins auf einen anderen übertragen. Insgesamt ist ein inselweites Konzept natürlich einfacher, wenn sich alle Gemeinden als ein Träger einig wären, was sie wollen. Das ist derzeit offenbar schwierig. Für mich als Schulrätin ist es aber nicht maßgeblich. Ich arbeite mit den vier Schulen zusammen, egal ob es einen oder mehrere Schulträger gibt. Es macht zwar viele Verfahrenswege einfacher, ist für mich aber keine Bedingung.

 

Kommt so ein Konzept nicht zehn Jahre zu spät?
Ich finde es müßig, darüber nachzudenken. Mein Blick geht auf die nächsten fünf bis zehn Jahre. Wir haben jetzt ganz frische Schulentwicklungszahlen und damit einen neuen Stand, von dem wir ausgehen und unsere Visionen entwickeln können.

Ist die Schließung kleiner Schulstandorte in den Randlagen der Insel auf Dauer die richtige Lösung? Junge Familien holt man so nur schwer ins Dorf. Spielt die Schule als Standortfaktor in Ihren Planungen überhaupt eine Rolle?
Wir haben natürlich die langfristige Entwicklung im Blick. Ein Ort stirbt nicht, weil er keine Schule hat. Es bleiben ja erst die Familien weg und dann schließt irgendwann eine Schule. Die Reihenfolge ist also eine andere, als teilweise dargestellt. Man kann auch umgekehrt die Frage stellen, warum man nicht längst Baugebiete ausgewiesen hat, wenn die Entwicklung auf lange Sicht absehbar war.

Nehmen wir an, die Wohnungsbaupolitik der Inselgemeinden sorgt in einigen Jahren für einen Kinderboom. Könnten Orte wie Morsum oder auch List dann wieder eine Schule bekommen?
Selbstverständlich. Wenn die nötige Schülerzahl vorhanden ist, kann man auch Grundschulen wieder gründen. Über so ein Szenario würde ich mich sehr freuen und wäre gern daran beteiligt.

Wären private Schulträger möglicherweise eine Variante für den Erhalt solcher Einrichtungen wie dem Primarhaus in Morsum?
Es steht jedem Träger frei, Privatschulen zu gründen. Ob es sich realisieren lässt, wird man sehen, wenn der erforderliche Wirtschaftsplan aufgestellt wird. Bei den momentanen Schülerzahlen, die uns bewogen haben, den Standort nicht weiter aufrecht zu erhalten, glaube ich allerdings, dass es für jeden Träger schwierig wird. Man kann es sicherlich machen, muss sich aber auch überlegen, was diese zusätzliche Konkurrenz für die anderen Grundschulstandorte bedeutet.

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erstellt am 16.Feb.2014 | 09:00 Uhr

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