Caatapult Air : Schluss mit lustig

Catapult Air: Statt stundenlang mit der Bahn gelangen die Feriengäste im Video innerhalb von zwei Minuten vom Festland an den Sylter Strand.
Catapult Air: Statt stundenlang mit der Bahn gelangen die Feriengäste im Video innerhalb von zwei Minuten vom Festland an den Sylter Strand.

Alle lachen über Catapult Air, aber zu wenige unterschreiben die Petition zum zweigleisigen Ausbau der Bahnstrecke.

shz.de von
09. August 2018, 04:40 Uhr

Es ist schon erstaunlich: Das Video „Im hohen Bogen nach Sylt“ über die fiktive „Catapult Air“ hat fast zwei Millionen Menschen allein im Netz begeistert. Tourismusorganisationen von Kiel bis zum Tegernsee greifen die Handlung der Anreise via Katapult nach Sylt auf und erzählen sie weiter. Dadurch unterstützen sie die Sylt Marketing Gesellschaft (SMG), die durch den amüsanten Film auf die Petition zum zweigleisigen Ausbau der Bahnstrecke nach Sylt hinweisen und zur Unterschrift motivieren möchte.

Doch das gewünschte Ziel ist noch nicht erreicht, erst rund 13 000 Menschen haben unterschrieben, davon nur 2000 Sylter.

Das mag daran liegen, dass der fast dreiminütige Film nach zwei Minuten und 20 Sekunden eigentlich zu Ende zu sein scheint und zu früh weggeklickt wird. Bis dahin hat der Zuschauer die witzig-skurrile Handlung verstanden, sich vielleicht gefragt, ob es sich nicht doch um ein ernsthaftes Anreiseangebot handelt und sich dann königlich amüsiert, wie viel Kreativität die Macher haben walten lassen.

Nach Schleswig-Holstein hat Nordrhein-Westfalen bei der Stimmabgabe die Nase vorn. Stand: 6. August 2018
Nach Schleswig-Holstein hat Nordrhein-Westfalen bei der Stimmabgabe die Nase vorn. Stand: 6. August 2018

Doch wer nicht weiß, dass die Geschichte um Catapult Air nicht nur der Erheiterung dient, sondern ein ernstes Anliegen hat, stoppt den Film, bevor er über die Petition zum zweigleisigen Ausbau der Bahnstrecke informiert wurde. Viel gelacht, doch die Chance auf Veränderung verpasst.

Oder das geringe Engagement der Sylter liegt daran, dass die Unterschrift unter eine Petition für viele Menschen etwas sehr Abstraktes ist. Was ist überhaupt eine Petition, wozu verpflichtet sich der Unterschreibende und warum braucht es im besten Fall 50 000 Unterstützer, wenn Sylt doch nur 15 000 Einwohner hat?

Die Sylter Rundschau hat nachgefragt und sich vom Petitions-Initiator Moritz Luft, SMG-Geschäftsführer und Jessica Seip von der Internetplattform Open Petition Deutschland den Ablauf erklären lassen, um im Folgenden einige wichtige Fragen zu beantworten.

Was ist eine Petition?
„Jedermann hat das Recht, sich einzeln oder in Gemeinschaft mit anderen schriftlich mit Bitten und Beschwerden an die zuständigen Stellen und an die Volksvertretung zu wenden“, lautet Artikel 17 des deutschen Petitionsrechtes. Dahinter steckt die Möglichkeit, Sorgen, Nöte und Anregungen an das Deutsche Parlament heranzutragen. Der Petitionsausschuss holt Stellungnahmen zu dem Sachverhalt bei den zuständigen Bundesministerien ein. Im besten Fall gibt er eine Handlungsempfehlung an den Deutschen Bundestag, der diese dann beschließt.

Im Fall der Sylter Petition geht es um den Wunsch nach dem zweigleisigen Ausbau der Bahnstrecke zwischen Niebüll und Westerland, der dem Petitionsausschuss vorgelegt wird.

Warum braucht es viele Unterschriften?
Um es einfach zu formulieren – je mehr Unterschriften, desto mehr Beachtung findet eine Petition. Schließlich ist jeder, der unterschreibt, auch ein potenzieller Wähler und deshalb reagieren die Politiker entsprechend. Sobald eine Petition beim Ausschuss des Deutschen Bundestages eingereicht wurde, muss sie behandelt werden. Damit der Initiator einer Petition, der sogenannte Petent, die Möglichkeit hat, in den Ausschuss eingeladen zu werden und selbst seine Argumente vorzubringen, müssen 50 000 Unterschriften vorliegen. Sylt Marketing möchte die 50 000 Unterschriften natürlich gerne erreichen, hat das sogenannte Sammelziel allerdings erst einmal auf 20 000 Unterschriften festgelegt.

Was hat das Land Schleswig-Holstein mit der Petition zu tun?
Der Verkehrsminister des Landes Schleswig-Holstein, Bernd Buchholz ist mehrfach auf Sylt gewesen, um sich von der Bahnsituation vor Ort ein Bild zu machen. Im September wird das Land Schleswig-Holstein einen Antrag zum Ausbau der Bahnstrecke auf Zweigleisigkeit beim Bundesministerium für Verkehr in Berlin vorlegen. Die Sylter Petition verstärkt und unterstützt diesen Antrag.

Warum eine Online-Petition?
Durch eine Online-Petition können mehr Menschen in einem kürzeren Zeitraum und größerem Gebiet erreicht werden. Vor allem für die Urlaubsdestination Sylt ist der digitale Weg sinnvoll, denn auch viele Gäste wünschen sich einen Ausbau der Bahnstrecke und damit eine bessere An- und Abreise. Online können sie sich von ihrem Heimatort aus an der Petition beteiligen. Das zeigen auch die bislang abgegebenen Stimmen: Nach Nordfriesland hat Nordrhein-Westfalen bei der Stimmabgabe die Nase vorn. Generell gibt es Unterschriften aus der gesamten Bundesrepublik, was auch die bundesweite Relevanz des Themas belegt. Als wichtigsten Grund für ihre Unterschrift geben die Teilnehmer ihre eigene Betroffenheit an.

Warum läuft die Petition über den Anbieter Open Petition?
Open Petition ist eine zivilgesellschaftliche Plattform, die bei der Umsetzung von Petitionen hilft. Dahinter steckt der Wunsch nach mehr Demokratie und Transparenz, damit das Handeln der Politik öffentlich wird und jeder die Chance hat, sein Anliegen auf Bundesebene vorzutragen. Finanziert wird Open Petition aus Spenden, Kooperationen und Förderbeiträgen. Die SMG muss also nichts für diesen Dienst zahlen.

Wer darf die Sylter Petition unterschreiben und bis wann ist dafür Zeit?
Die Sylter Petition kann noch bis zum 19. September unterschieben werden. Teilnehmen darf jeder, es gibt weder ein Mindestalter noch die Vorgabe, den Wohnsitz in Deutschland haben zu müssen.

Unterschrieben werden kann online unter sylt.de/petition und in Listen, die in den Touristinformationen und vielen Geschäften auf Sylt ausliegen.

Was muss ich bei meiner Unterschrift angeben?
Bei der Sylter Petition müssen – wie bei jeder anderen Petition auch – Vor- und Nachname sowie die Adresse angegeben werden. Die Daten sind wichtig, um als real existierende Person identifizierbar zu sein. Der Unterschreibende kann danach aber selbst entscheiden, ob sein Vorname und Name veröffentlicht werden. Es gibt auch die Möglichkeit, seine geleistete Unterschrift zu widerrufen.

Pro und Contra und weitere Informationen:

Unter www.sylt.de gibt es einen regen Austausch von Argumenten für und gegen die Zweigleisigkeit. Außerdem finden sich Statistiken über die Teilnehmer an der Petition und ihre Beweggründe.

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