Trotz Abschaltung : Schleswig-Holstein unter Atomstrom

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Zwei der drei Kernkraftwerke in Schleswig-Holstein sind bereits abgeschaltet. Dennoch ist Kernenergie der bestimmende Energiefaktor - trotz diverser Pannen.

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07. März 2012, 11:23 Uhr

Kiel/Hamburg/Hannover | Knapp ein Jahr nach dem Fukushima-Schock werden die Vorbereitungen für die Energiewende eingeläutet. Zwei der drei Kernkraftwerke (KKW) in Schleswig-Holstein, Krümmel und Brunsbüttel, sind bereits abgeschaltet. Das KKW Brokdorf soll nach dem von der Bundesregierung beschlossenen Atomausstieg 2021 abgeschaltet und stillgelegt werden. Gleichwohl: Die Kernenergie im nördlichsten Bundesland ist noch der bestimmende Energiefaktor im Norden, auch wenn diverse Pannen und Abschaltungen den Betrieb der Meiler Brunsbüttel und Krümmel seit 2007 begleiteten und das KKW Brokdorf als einziges relativ konstant im Betrieb war. Eine Übersicht:
Energiebilanz: Im Jahr 2010 wurde nach Angaben des Statistikamtes Nord "trotz der weiter bestehenden Abschaltung von zwei Kernkraftwerken" knapp die Hälfte des in Schleswig-Holstein produzierten Stroms aus Kernenergie gewonnen - nämlich 49,8 Prozent, nach 51,4 im Vorjahr und 50,9 Prozent im Jahr 2008. Die aktuellsten Zahlen von 2011 liegen zwar noch nicht vor. "Die Größenordnung des Kernenergieanteils an der Stromerzeugung in Schleswig-Holstein dürfte aber in etwa beibehalten werden", sagt Dr. Hendrik Tietje, Referatsleiter im Statistikamt Nord in Hamburg. Insgesamt wurden 2010 knapp 23 Milliarden Kilowattstunden Strom erzeugt. Zum Vergleich: Der durchschnittliche Stromverbrauch eines Drei-Personen-Haushalts liegt bei etwa 3500 Kilowattstunden pro Jahr. Welches Gewicht die Meiler im Norden für die Energiebilanz noch haben, macht Tietje mit einem Beispiel deutlich: "Rein rechnerisch könnte allein das Kernkraftwerk Brokdorf den Strombedarf in Schleswig-Holstein zu etwa 85 Prozent decken." Ähnlich sehen die Bilanzen der inzwischen abgeschalteten Meiler in Krümmel und Brunsbüttel aus.
KKW Krümmel: "Das Siedewasserkraftwerk in Krümmel mit einer Nettoleistung von 1346 Megawatt produzierte im Leistungsbetrieb rund zehn Milliarden Kilowattstunden Strom pro Jahr und lieferte damit etwa 30 Prozent der insgesamt in Schleswig-Holstein erzeugten Strommenge", sagt Alexander Hauk, Sprecher des Energiekonzerns und Betreibers Vattenfall. Damit habe Krümmel täglich in etwa so viel Strom produziert, wie in Hamburg verbraucht wurde. Seit Aufnahme des kommerziellen Leistungsbetriebs Ende März 1984 seien in Krümmel gut 199 Milliarden Kilowattstunden Strom ins Netz eingespeist worden, so Hauk weiter.
KKW Brunsbüttel: Der Siedewasserreaktor in Brunsbüttel mit einer Nettoleistung von 771 Megawatt produzierte nach Vattenfall-Angaben im Leistungsbetrieb sechs Milliarden Kilowattstunden Strom pro Jahr. "Das entspricht etwa einem Fünftel der in Schleswig-Holstein erzeugten Strommenge", so Hauk. Seit Aufnahme des kommerziellen Leistungsbetriebs Anfang Februar 1977 seien in Brunsbüttel knapp 119 Milliarden Kilowattstunden Strom ins Netz eingespeist worden.
KKW Brokdorf: Der Druckwasserreaktor mit einer Nettoleistung von 1410 Megawatt speist laut Eon pro Jahr im Schnitt zehn Milliarden Kilowattstunden Strom in das Höchstspannungsnetz. Seit der kommerziellen Inbetriebnahme des Kraftwerks im Jahr 1986 wurden demnach 276 Milliarden Kilowattstunden elektrische Energie erzeugt. Was sagt die Zahl aus? "Mit dieser Strommenge kann man die gesamte Hansestadt Hamburg, Haushalte wie Industrie, fast 20 Jahre rund um die Uhr mit Strom versorgen", sagt Dr. Petra Uhlmann, Sprecherin von Eon Erzeugung Deutschland in Hannover.
Wirtschaftsfaktor: Der Anteil der Kernkraft am Bruttoinlandsprodukt in Schleswig-Holstein ist "eher bescheiden", wie es der Statistiker Dr. Hendrik Tietje ausdrückt. Er liege bei etwa einem Prozent. Dennoch: Die Kernkraftwerke waren und sind wichtiger Wirtschaftsfaktor, Arbeitgeber und Gewerbesteuerzahler für die Region, sagt Manfred Duffke, Referent für Standortpolitik der IHK in Kiel.
"Viele Unternehmen im Umfeld profitierten von Aufträgen", bestätigt auch Vattenfall-Sprecher Hauk. Profitierende Gewerbe seien viele kleine und mittelständische Unternehmen. Und zwar "die üblicherweise am Kraftwerk tätig werdenden Dienstleister wie Landschaftspfleger, Maler, Maurer, Gerüstbauer, Elektriker, Tischler", sagt Eon-Sprecherin Uhlmann, "aber auch der Einzelhandel wie Bäcker, Supermärkte, Metzger und natürlich Gastronomie und Hotelgewerbe."
Die KKW Krümmel und Brunsbüttel bestellten laut Vattenfall jährlich Waren und Dienstleistungen im In- und Ausland mit einem Gesamtvolumen von knapp 100 Millionen Euro. Davon seien im Falle von Brunsbüttel im Jahr 2010 mehr als 21 Millionen Euro direkt in die Unterelberegion vergeben worden, beim KKW Krümmel seien es mehr als 37 Millionen Euro gewesen. Beim KKW Brokdorf sind nach Eon-Angaben in den vergangenen fünf Jahren jährlich Aufträge mit einem Volumen von im Schnitt 70 Millionen Euro vergeben worden. Davon seien 20 Millionen Euro in der Region verblieben. "Dazu kommt noch die Kaufkraft der beschäftigten Mitarbeiter, die ja auch hauptsächlich in der Region verbleibt", so die Eon-Sprecherin. Diese bewege sich ebenfalls bei 20 Millionen Euro pro Jahr.
Zudem profitiert das Land Schleswig-Holstein vom "Wasserpfennig" - der Oberflächenwasserabgabe. Die Einnahmen lagen nach Angaben des Wirtschaftsministeriums in Kiel zu Zeiten des Betriebs aller drei Atomkraftwerke bei 30 Millionen Euro, beim verbliebenen KKW Brokdorf seien jährlich etwa 15 Millionen Euro fällig.
Stilllegung als Wirtschaftsfaktor: Hätte auch ein direkter Rückbau wirtschaftliche Bedeutung für die Region? "Dabei würden überwiegend spezialisierte Abbruchfirmen profitieren", sagt der Vattenfall-Sprecher. "Auch örtliche Handwerksbetriebe und Zulieferer könnten von den Aufträgen profitieren." Es gebe allerdings auch Fachfirmen aus dem Ausland, die sich für dieses Geschäft vorbereiten.
Energiewende: Die Energiewende tragen die KKW-Betreiber mit - das schnelle Ende der Atomkraft aber mit Zähneknirschen. "Vattenfall respektiert die Ausstiegsentscheidung der Regierung zur Kernenergie", sagt Konzern-Sprecher Hauk. "Wir halten jedoch eine angemessene Entschädigung für notwendig. Dafür prüfen wir alle juristischen Möglichkeiten, denn der finanzielle Schaden ist enorm." Ähnlich blickt Eon auf den Atomausstieg: "Diese Entscheidung ist rein politisch motiviert und orientiert sich in keinster Weise an den sicherheitstechnischen Gegebenheiten im Kernkraftwerk Brokdorf. Die damit eingeleitete Energiewende akzeptieren wir als Primat der Politik." Gleichwohl hat Eon Verfassungsklage eingereicht. "Die aber richtet sich eben nicht gegen die Energiewende", macht Sprecherin Petra Uhlmann deutlich. Vielmehr betreffe die Klage die vorzeitige Abschaltung der KKW Isar 1 und Unterweser. Eon hofft dabei auf Milliarden-Entschädigungen vom Bund.

Stilllegung von Atomkraftwerken - zwei Varianten
Für die Meiler Krümmel und Brunsbüttel sind die Berechtigung zum Leistungsbetrieb nach dem Gesetz zum beschleunigten Ausstieg aus der Kernenergie im August 2011 erloschen. Sie produzieren keinen Strom mehr. Für die endgültige Stilllegung der bereits abgeschalteten Meiler werden nach Angaben von Vattenfall-Sprecher Alexander Hauk derzeit "alle Optionen, die nach dem Atomgesetz möglich sind, geprüft und bewertet". Dabei kommen der direkte Rückbau und der Sichere Einschluss in Frage. Beim Sicheren Einschluss werden alle Brennelemente und weitere radioaktive Anlagenteile entfernt. Anschließend wird die Anlage für einen längeren Zeitraum versiegelt und - abgesehen von einigen Sicherungsmaßnahmen - außer Betrieb genommen. Während dieses Zeitraums klingt die Radioaktivität auf natürliche Weise ab, "was unter Strahlenschutzkriterien positiv ist und den anschließenden Rückbau vereinfacht", so Hauk weiter. Ein Beispiel für den Sicheren Einschluss ist das Kernkraftwerk Lingen. Beim direkten Rückbau wird die Anlage sofort abgebaut und entsorgt. Hauk: "Am Ende des Prozesses steht die grüne Wiese." Das Know-how des Betriebspersonals könne hierbei noch intensiver als beim Sicheren Einschluss genutzt werden. Der direkte Rückbau wird laut Vattenfall bei den Kernkraftwerken Stade und Obrigheim angewandt. Grundsätzlich dauere ein Rückbau drei bis vier Jahre, sagt der Vattenfall-Sprecher weiter. "Die daran anschließenden Arbeiten dauern bei allen Varianten mehrere Jahre."

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