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RDC-Autozug nach Sylt : „Schande der Insel“: Heftige Kritik an blauen Autozügen

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Politiker der Gemeinde Sylt geben RDC die Hauptschuld für das Desaster an den Terminals. Dringlichkeitssitzung mit allen Akteuren beschlossen.

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erstellt am 15.Okt.2017 | 21:56 Uhr

Westerland | „Überflüssig wie ein Kropf“, „Lauter leere Versprechen“, „Ursache allen Übels“, „Pure Verarschung“ – mit harschen, teilweise deftigen Worten kritisierten Politiker in der jüngsten Sitzung des Hauptausschusses der größten Inselgemeinde die Situation bei den Autotransporten nach beziehungsweise von Sylt. Und sie benannten auch gleich die Verantwortlichen für die „Schande der Insel“ und den „Sylter Kollateralschaden“, der gleichermaßen Urlauber und Einheimische, die Wirtschaft und den Tourismus treffen würde: „Die Amis mit ihren blauen Zügen sind schuld“ – so lautete die Meinung fast aller Gemeindevertreter quer durch die Reihen der verschiedenen Parteien und Wählergemeinschaften.

Kaum ein Politiker ließ ein gutes Haar am Wirken der Autozug Sylt GmbH von RDC Deutschland, die als Konkurrent des DB Sylt Shuttle seit Herbst 2016 Fahrzeuge über den Hindenburgdamm transportiert. Anlass der heftigen Kritik waren zum einen die Ereignisse der vorvergangenen Woche, als es wegen des Endes des Surfcups, des Beginns der Herbstferien in vielen Bundesländern sowie des Brückentags vorm Tag der Deutschen Einheit zu kilometerlangen Staus und mehrstündigen Wartezeiten an den Verladestationen in Niebüll und Westerland kam. Manche Anreisenden mussten am ersten Oktober-Wochenende, weil sie keinen Autozug mehr erwischen konnten, sogar auf dem Festland übernachten oder dort zumindest ihre Fahrzeuge stehenlassen und mit Personenzügen auf die Insel fahren.

Zum anderen sorgte ein Bericht von Bürgermeister Nikolas Häckel für Empörung: RDC habe ihm aktuell mitgeteilt, dass es immer noch keinen Hersteller gebe, der Doppelstockwagen für die blauen Autozüge produzieren könne. Dies sei „erneut nur eine faule Ausrede“, kritisierten die Politiker. RDC hätte bereits zum Betriebsstart höhere Kapazitäten versprochen – aber noch immer würden nur „Flachwagen aus der Steinzeit“ eingesetzt. Außerdem habe das Unternehmen wegen angeblich zu geringer Nachfragen seine Spätfahrten wieder eingestellt, eben diese jedoch wären Anfang Oktober dringend notwendig gewesen. Es könne doch nicht angehen, dass der Autozug Sylt die Trassen blockiere und damit seinen Verpflichtungen nicht nachkäme, so die Gemeindevertreter. Niemand habe die blauen Züge gewollt, niemand brauche sie und es wäre die beste Lösung, sie so schnell wie möglich wieder loszuwerden.

Über den Schaden und Ärger für die Reisenden hinaus sei das Verhalten von RDC auch die Hauptursache sich „ständig wiederholender völliger Blockaden“ der Anfahrtswege zur Westerländer Autoverladung, bemängelte Holger Flessau. „Stundenlang kann niemand zu den Verbrauchermärkten im Industrieweg kommen“, so der CDU-Politiker, „und wir haben deshalb massive Umsatzeinbußen zu verzeichnen.“ Gemeinsam mit anderen Gemeindevertretern forderte er, dringend eine Sondersitzung des Hauptausschusses einzuberufen, zu der sämtliche, „an dem Dilemma beteiligten Akteure“ geladen werden sollen – nicht nur die Verantwortlichen von RDC und DB Sylt Shuttle, sondern auch DB Netz als Vergabeinstanz und Bundesnetzagentur als Kontrollgremium, Vertreter des schleswig-holsteinischen Verkehrsministeriums und vom Verkehrsverbund Nah.SH sowie Dieter Harrsen, der Landrat des Kreises Nordfriesland. Der Antrag wurde einstimmig angenommen, ein Termin für die Sondersitzung steht bislang jedoch nicht fest.

Allerdings ist mehr als fraglich, in wie weit die geladenen Gäste überhaupt in der Lage sind, die hohen Erwartungen der Politiker zu erfüllen. Anfragen der Sylter Rundschau bei den Institutionen zufolge handelt es sich bei der Vergabe der Autozüge um ein hochkomplexes Verfahren von Zuständigkeiten und Vorschriften. Sprecher des Verkehrsministeriums in Kiel und der Bundesnetzagentur in Bonn erklärten beispielsweise, dass die Autozugverkehre eigenwirtschaftlich erbracht und nicht etwa durch den Aufgabenträger Nah.SH ausgeschrieben würden. Es gäbe keinen Auftraggeber, der irgendwelche Vorgaben mache. Die zugewiesenen Trassen seien ein Nutzungsrecht, jedoch keine Nutzungspflicht. Es liege also beim Autozug Sylt oder auch beim DB Sylt Shuttle in der Entscheidung des jeweiligen Unternehmens, die Trassen zu bedienen oder nicht. Auch gibt es laut Auskunft der Bundesnetzagentur keine Vorschriften, wie viele Fahrzeuge ein Betreiber je eingesetztem Autozug oder je Tag mindestens transportieren muss. Vorgaben hinsichtlich der Kapazität von Zügen würden allenfalls im öffentlichen Personennahverkehr durch Aufgabenträger wie Nah.SH gemacht, so der Pressesprecher.

Zum Thema „Einsatz von Doppelstockwagen“ jedoch gibt es neue überraschende Nachrichten: Nach dem für den Fahrplan 2018 zugeteilten zusätzlichen zweiten Umlauf habe RDC den Bau nun angestoßen. Die Umsetzung würde aber mindestens zwei, eher drei Jahre Zeit benötigen, teilte Pressesprecherin Meike Quentin mit. „Daher bemühen wir uns intensiv um vorhandene, für diese Strecke bereitstehende Doppelstockwagen, die wir interimsweise anmieten möchten, um insbesondere an Peaktagen pro Fahrt mehr Fahrzeuge befördern zu können. Solche Doppelstockwagen stehen zum Beispiel in größerer Menge abgestellt, rot lackiert, ungenutzt in Tinnum ...“

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