Sylt : Sand als Bollwerk gegen Überflutung

Am Strand vor Hörnum  kontrollieren Spezialisten die Schrauben an dem rund 900 Meter langen Rohr für die Sandvorspülung auf der Insel.
Am Strand vor Hörnum kontrollieren Spezialisten die Schrauben an dem rund 900 Meter langen Rohr für die Sandvorspülung auf der Insel.

An der Westküste der Nordseeinsel Sylt werden jedes Jahr eine Million Kubikmeter Sand aufgespült.

shz.de von
18. Mai 2018, 14:26 Uhr

Seit den 1990er Jahren hat man sich auf Sylt in Bezug auf den Schutz der sandigen Küste eindeutig auf den Sand festgelegt. Mit dem System der Sandaufspülung wird seit 1992 regelmäßig Sand an der Westküste der Insel vorgespült, immer wieder, jedes Jahr aufs Neue. Die Sandentnahme ist von den Behörden genehmigt worden. Es sei genügend Sand vorhanden und man kann wohl noch viele Jahre mit diesem System die Küsten der sandigen Inseln sichern. Bis zum Ende des letzten Jahrhunderts gab es eine Fülle von alternativen Vorschlägen zum Schutz der Küste. Es gab aber keinen Vorschlag, der besser oder effektiver war als die Sandaufspülung. Man ist froh über die Mengen des Kaolinsandes, die auf dem Meeresboden vor der Küste liegen.

Eine Million Kubikmeter Sand jedes Jahr

Das System des Sandtransportes ist einfach: Man braucht einen Bagger, der zur See fährt, Rohleitungen und ein paar Radlader, die den aufgespülten Sand zurecht schieben. Natürlich gehört dazu noch eine Mannschaft, die die Geräte bedient. Die Landesregierung Schleswig-Holstein ist Träger dieser Küstenschutzmaßnahme. Anfänglich wurden die Arbeiten Jahr für Jahr ausgeschrieben. Seit einiger Zeit wird eine vierjährige Ausschreibung praktiziert. Dieses ist für beide Seiten effektiver. In der Regel wird mit diesem System der jährliche Sandverlust an der Westküste der Insel Sylt von etwa einer Million Kubikmeter Sand ersetzt.

Aus den Niederlanden hört man, dass dort mit dem Projekt „Zandmotor“ wesentlich mehr Sand bewegt wird. Nach der Kenntnis der Strömungsverhältnisse im Küstenbereich wird an bestimmten Stellen ein großes Sanddepot angelegt. Dieses soll dann von den Strömungen vor der Küste dorthin transportiert werden, wo ein Sandersatz erforderlich ist. Die ersten Ergebnisse zeigen eine positive Wirkung.

Große, flächenhafte Ausspülungen im Meer

Die schleswig-holsteinische Landesregierung hat mit dem Arbeitspapier „Strategie für das Wattenmeer 2100“ die Idee zu großen Sandbewegungen aufgegriffen und zieht große, flächenhafte Ausspülungen im Wattenmeer in Erwägung. Damit soll dem steigenden Meeresspiegel begegnet werden. Es soll das „Ertrinken“ des Wechselspieles zwischen Ebbe und Flut verhindert werden. Bei einem Ansteigen des Meeresspiegels würde der heute erlebte Sedimenttransport im flachen Wattenmeer kaum noch stattfinden.

Sand als Schutzmittel der Zukunft

Die Ablagerungen von Schwebeteilchen im Wasser der Flut würden geringer werden. Vor vielen Jahren hatte Professor Karsten Reise, ehemals Leiter der Wattenmeerstation in List, das Aufspülen von wesentlich mehr Sand an der Westküste der Insel gefordert. Unlängst hat das Alfred-Wegner-Institut, unter anderem Träger der Wattenmeerstation in List, eine Studie vorgelegt, die mit dem Titel „Weiche Kante“ signalisiert, dass einem Küstenschutz mit weichen Materialien, also Sand, die Zukunft gehört.

Immer mehr Sand, immer mehr Wasser von oben, immer höhere Wasserstände? Unsere gewohnten Lebensräume werden sich wohl verändern müssen. Seit Jahrhunderten leben die Menschen im Bereich des Nordfriesischen Wattenmeeres mit den Entwicklungen der Natur. Lange Zeit hat man sich gefügig den Gewalten der Natur gebeugt. Erst als die maschinellen Kräfte der Menschen stärker wurden, und eine Menge Wissen um die Eigenarten der Kräfte des Wassers, des Windes und der Sonne angesammelt werden konnte, hat man damit begonnen, sich gegen die Naturgewalten zu stemmen.

Die Tetrapoden bröseln vor sich hin

Ein Spaziergang auf der Ufermauer in Westerland zeigt dem aufmerksamen Betrachter wie vergänglich die menschlichen Bollwerke sind. Die großen Tetrapoden bröseln langsam vor sich hin und werden zerfallen. Die seinerzeit erwünschte Wirkung haben sie auch nicht erzielt. Selbst die über 100 Jahre alte Ufermauer würde ohne unterstützende Baumaßmahmen heute nicht mehr bestehen können.

Die Natur der Küste wird sich verändern

Die Idee, mit wesentlich mehr Sand die Küstenlinie zu erhalten, mag logisch sein. Es muss dabei akzeptiert sein, dass die bisher bekannte Natur unserer Küste deutlich verändert werden wird. Massive Sandvorspülungen im Wattenmeer werden wahrscheinlich helfen, die erwünschte Sedimentation in diesem Bereich fortbestehen zu lassen.

Der Entwicklung der Natur mit riesigen Sandmengen entgegentreten zu wollen birgt eine große Faszination und belegt die vorhandene Ingenieurskunst. Dabei darf man sich über den massiven Eingriff in die Natur nicht hinweg täuschen. Die Erhöhung des Meeresspiegels wird stattfinden, langsam und stetig. Bei aller Abwägung der Möglichkeiten Schutzmaßnahmen gegen die Überflutung unseres Lebensraumes einzuleiten, bleibt der Sand als einzig vernünftiges Mittel übrig. Es ist das Material aus dem die Küste seit Jahrhunderten besteht. Die Natur selbst hat die Umlagerung von Sand stetig geschehen lassen.


Helge Jansen initiierte im Jahre 2007 die Gründung der Stiftung Küstenschutz Sylt. Bis heute ist er der Vorsitzende dieser Stiftung.

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