Reinen Wein einschenken

Sommelier Nils Lackner
Sommelier Nils Lackner

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18. Mai 2018, 10:53 Uhr

Immer wieder erlebt man es. Ein Pärchen sitzt zusammen im Restaurant, sie bestellt den Wein. Der Kellner bringt ihn und gibt wie selbstverständlich den Probeschluck an den Herren. Was ist da los? Männer, es ist 2018! Schonmal was von Gleichberechtigung gehört? Erschreckend ist ja, dass selbst weibliche Servicekräfte sich oft nicht trauen, den ersten Schluck der Dame zu geben. Dabei ist es doch so einfach. Wer bestellt, gilt als Gastgeber und probiert.

Es gibt noch eine andere, viel simplere Variante. Man fragt einfach am Tisch, wer den Wein testen möchte und gibt zur Not auch einfach mehreren Personen etwas ins Glas. In schicken Restaurants macht es übrigens der Sommelier, also nicht erschrecken, wenn der sich mal einen kleinen Schluck aus Eurer Buddel nimmt. Der darf das, ist sein Job.

Wie geht es denn jetzt weiter? Der Gast findet den Wein spitze und es darf eingeschenkt werden. Ursprünglich einmal lautete die Regel, die älteste Dame am Tisch zuerst. Eine Schlangengrube, in die man sich in Zeiten von Botox und Hyaluron besser nicht setzen möchte. Dann lieber gegen den Knigge verstoßen. Im Uhrzeigersinn einmal um den Tisch rum ist vollkommen okay. Hierbei könnte man tatsächlich nochmal Old School werden und den Damen zuerst geben. Nette Geste, muss aber nicht. Gleichberechtigung geht ja immer auch in beide Richtungen.

Eine beliebte Stolperfalle, in die immer wieder gerne getreten wird, ist das Vergessen des Gastgebers. Er (oder sie) hat den Probeschluck bekommen, den Wein abgenickt und jetzt geht die Flasche um den Tisch und alle bekommen etwas zu trinken. Alle, außer er. Wie oft habe ich erlebt, dass das Servicepersonal den Gastgeber dann einfach vergisst. Heißt, alle haben ein volles Glas, nur er sitzt mit einem klitzekleinen Probeschluck da.

Zu guter Letzt das Szenario ‚mehr Gäste als Wein‘. Im Idealfall hat der Sommelier mitgedacht und direkt eine Großflasche angeboten. Magnum oder größer. Sollte es den Wein aber nur in kleinen Flaschen geben, kann ja nicht eine Person alle Flaschen probieren. Also entweder als Weinkellner selber machen, oder einfach jeweils denjenigen bitten, der eben gerade dran ist, wenn eine neue Pulle geöffnet wird. Hauptsache, es bleibt fair und wird nicht kompliziert. Am Ende muss Wein Spaß machen – und zwar beiden Geschlechtern gleichermaßen.



Nils Lackner ist ein international gefragter Sommelier und Wein-Dozent. Auf seiner Heimatinsel Sylt organisieren er und sein Team Proben der Sylter Weine. Info: booking@

nilslackner.com oder 0163-2090710.

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