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Interview : „Reinefarth wird mich weiter begleiten“

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Der Historiker Philipp Marti spricht über seine Sicht auf den ehemaligen Westerländer Bürgermeister und warum er auch kritische Sylter verstehen kann.

von
erstellt am 11.Aug.2014 | 05:56 Uhr

Vergangene Woche entschuldigte sich Petra Reiber, Bürgermeisterin der Gemeinde Sylt, in Warschau öffentlichkeitswirksam für die Taten des ehemaligen Westerländer Bürgermeisters Heinz Reinefarth während des Warschauer Aufstands- und dafür, dass es möglich war, dass der ehemalige SS-Offizier im Nachhinein jahrelang Bürgermeister von Westerland und Landtagsabegeordneter werden konnte (wir berichteten). Dieser Warschau-Besuch hat die Debatte um den richtigen Umgang mit Reinefarth auf der Insel noch einmal angefacht. Der Schweizer Historiker Philipp Marti (35) hat die Sylter Debatte um Reinefarth in den vergangenen Monaten eng begleitet. Im Interview mit der Sylter Rundschau lässt er die Entwicklungen Revue passieren und versucht zu erklären, warum es einigen Syltern auch heute noch schwer fällt, ihren ehemaligen Bürgermeister kritisch zu sehen.

Sie konnten relativ nah verfolgen, wie sich die Auseinandersetzung mit dem „Fall Reinefarth“ auf der Insel in den vergangenen Monaten entwickelt hat. Wie würden Sie diesen Prozess beschreiben?

Einfach gesagt: Es war eine sehr dramatische Entwicklung. So wie ich es mitbekommen habe, war man noch im vergangenen Sommer sehr weit davon entfernt, mit einer Mahntafel auf Reinefarths Verbindung zur Niederschlagung des Warschauer Aufstands hinzuweisen. Doch nachdem mir die Gemeinde Sylt vor einem knappen Jahr einen Druckkostenzuschuss für mein Buch „Der Fall Reinefarth“ genehmigt hat, was für mich eine tolle Sache war, kam die Diskussion auf, wie mit der Angelegenheit weiter umgegangen werden soll. Ob man also einen Gedenkstein auf den Friedhof stellt - den wahrscheinlich kein Mensch gesehen hätte - oder ob eine Mahntafel ans Rathaus gehängt werden soll. Ich durfte als historischer Sachverständiger Stellung dazu beziehen, was auf der Mahntafel stehen soll – für mich war es sehr schön, zu sehen, was man als Historiker bewirken kann - wie Geschichte in der Mitte der politischen Diskussion ankommt. Ich habe auch mitbekommen, dass es hinter den Kulissen verschiedene Meinungen gab, ob Reinefarths Name nun auf dieser Mahntafel stehen soll oder nicht.

Nun steht der Name am Rathaus, zudem hat sich eine Sylter Delegation in Warschau offiziell zu Reinefarths Taten bekannt. Ist nach Ihrer persönlichen Meinung hier richtig entschieden worden?

IIch würde persönlich sagen: ja, unbedingt. Auf der Tafel musste die Verbindung der Opfer zu Reinefarth hergestellt werden. Denn was haben die Opfer des Massakers von Wola sonst mit Westerland zu tun? Ich will mir auch gar nicht vorstellen, was es für mediale Folgen gehabt hätte, wenn vor eineinhalb Wochen eine Gedenktafel ohne den Namen enthüllt worden wäre. Darauf hatte ich vorher auch hingewiesen: Selbst wenn ich mir als Gemeinde nicht sicher bin, ob diese Namensnennung wirklich sein muss – selbst dann hätte ich den Namen aus eigenem Interesse auf die Tafel gesetzt. Denn es gab nur zwei Optionen in Sachen Reinefarth - entweder mache ich als Gemeinde Sylt einmal reinen Tisch oder ich werde immer und immer wieder damit konfrontiert. Dass der gewählte Schritt nicht leicht ist, ist mir dabei sehr wohl klar.

Am vergangenen Freitag haben Sie in Westerland aus ihrer Dissertation „Der Fall Reinefarth“ gelesen. Bei der anschließenden Diskussion mit den Zuhörern ist die Debatte um den richtigen Umgang mit Reinefarth gleich wieder hoch gekocht. Warum, glauben Sie, tun sich einige Sylter immer noch so schwer damit, den ehemaligen Bürgermeister in einem kritischen Licht zu sehen?

Ich habe dazu keine fertige Theorie, die ich jetzt aus dem Handgelenk schütteln könnte. Es hat aber ganz bestimmt damit zu tun, dass Reinefarth ein Mensch war, der hier sehr viel Gutes für die Insel getan hat, der, nach allem was ich gehört und gelesen habe, einen tollen Job als Bürgermeister gemacht hat. Während seiner Amtszeit ist auf Sylt eine gewaltige wirtschaftliche Entwicklung von statten gegangen. Zudem war er als Mensch sehr zugänglich und hatte etwas sehr Gewinnendes an sich. Außerdem darf man nicht vergessen, dass die Leute, die Reinefarth damals beurteilten, selber auch mit gewissen Denkmustern, mit einer gewissen politischen Haltung aufgewachsen sind. Nicht, dass das unisono Nazis waren, das möchte ich ausdrücklich sagen. Aber man hatte in der Zeit einen anderen Blickwinkel als wir heute. Da gab es das Bild von einem Mann der gekämpft, und seine Pflicht getan hat und ein netter Mensch war. Hätte Reinefarth von der Erscheinung her stärker dem Typus „Nazi-Bonze“ entsprochen, dann wäre er sicher ganz anders wahrgenommen worden. Dann hätten sich die Leute weniger schwer getan, dass er irgendwann ins Abseits gestellt wurde.

Ist der „Fall Reinefarth“ jetzt abgeschlossen?

Reinefarth wird mich Zeit meines Lebens in irgendeiner Form begleiten, darauf stelle ich mich ein. Der momentane große Medienhype wird allerdings abflauen, und das ist auch gut so. Reinefarth bündelt momentan viel Aufmerksamkeit Es gibt aber bezüglich der NS-Vergangenheit nach wie vor vieles aufzuarbeiten – nicht nur auf Sylt natürlich – und so kann es nicht schaden,wenn es wieder Raum für neue Themen gibt.

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