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Die Insel und ihre Dächer : Reet macht Sylter Häuser wertvoll

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Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Mit Reet gedeckte Häuser gehören zum Bild der Insel – doch das Inselbauamt möchte weniger teure Reetdeckung, um mehr Wohnraum schaffen zu können

shz.de von
erstellt am 20.Sep.2014 | 06:08 Uhr

Es wird zu viel an ungeeigneten Orten unter Reet gebaut. Diese Auffassung vertritt jedenfalls das Inselbauamt mit Blick auf bestimmte Flächen in Tinnum. So sollen zum Beispiel viele der alten Reetdachhäuser, die abgerissen wurden oder werden, nach Auffassung des Amtes im Falle eines Neubaus nicht wieder mit Reet, sondern mit Hartdach ausgestattet werden. Hintergrund dieser Überlegung sind die Kosten und die Nutzbarkeit der Häuser. Denn der Wohnraum unter Reet ist deutlich teurer als der ohne diese Deckung. Auch dürfen Reetdachhäuser nicht so dicht beieinander stehen wie Hartdachhäuser, bieten also auf der zur Verfügung stehenden Fläche weniger Wohnraum. Angesichts der Wohnraumproblematik auf der Insel ein bedeutender Aspekt.

Doch Reetdächer sind auf Sylt seit vielen Jahrhunderten Tradition und prägen das Landschaftsbild der Insel. Als lebende Kulturdenkmäler sind sie nicht mehr wegzudenken und in Kampen laut Ortsgestaltungssatzung sogar Vorschrift. Auch in Keitum und Rantum findet sich eine weitestgehend homogene Ortsgestaltung mit dem Naturprodukt, die den Dörfern erst den besonderen Charme verleiht.

In der Tat vermittelt eine Reetdachbedeckung immer eine gewisse Behaglichkeit, „einen Vorteil zum Hartdach bietet es aber nicht“, sagt Christoph Maus von Maus Immobilien in Kampen. Und er fügt hinzu, dass es sich bei einer Reetbedachung heutzutage eher um Dekoration als um einen bausubstanzlichen Vorteil handelt. Vor allem persönlicher Geschmack und der historische Kontext sind bei Käufern und Hausbesitzern ausschlaggebend bei der Entscheidung für Reet. Nicht zuletzt der Aspekt, dass für Reetdachhäuser einen höherer Verkaufswert erzielt werden kann.

Die Entscheidung werde jedoch oft durch die Sorge beeinflusst, eine Reetbedeckung sei, vor allem im Hochsommer, besonders feuergefährdet. Diese Bedenken kann Christoph Maus zumindest etwas nehmen: „Was die Sicherheit eines guten Reetdaches angeht, ist der Baukörper an sich gut geschützt“, erklärt er. Die moderne Bauweise mit Folie, Dämmung und DWD-Platten ermöglicht es, das Dach viel sicherer gegen Brände von Innen zu schützen als noch vor 20 Jahren. Bei von außen wirkenden Faktoren brennt das getrocknete Schilfrohr jedoch schnell lichterloh und breitet sich innerhalb kürzester Zeit großflächig aus – wie der Brand eines Reetdachhauses in Rantum Ende Juni gezeigt hat.

Olde Bartlefsen, Reetdachdecker in zweiter Generation aus Risum-Lindholm, deckt in diesen Tagen einen Neubau in Morsum. Obwohl es für ihn nach eigenen Angaben abwechslungsreicher ist, ein Hartdach zu bauen, schätzt er Reet als Baumaterial und die handwerkliche Machart dieser Dächer sehr. Das Reet, das sein Vater Sönke Bartlefsen und er verbauen, stammt hauptsächlich aus Ungarn, Rumänien und der Türkei, ein kleiner Teil kommt aber auch aus dem Gotteskoog in Nordfriesland.

Die Reeternte ist immer zwischen Januar und März. Die Dachdecker reisen regelmäßig vor der Ernte in die Anbaugebiete, um die Qualität der Ware zu prüfen. Denn wie gut der Halm ist, kann keiner besser beurteilen, als der Reetdachdecker selbst.

Für den besonderen Charme der Insel, ihr Bild und Image bei vielen Menschen, sind Reetdachhäuser ein wesentliches Element. Für den Wiederverkauf eines Sylter Hauses ebenfalls. Ob sich die Insel aber an allen Stellen den „Luxus“ von Reet erlauben kann, wenn es zugleich um die Beschaffung von Wohnraum geht, steht dabei auf einem anderen Blatt.

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