Nach Schiffsunglück vor Amrum : Reeder Paulsen: Die Ruhe bewahren

Behält alles im Blick Sven Paulsen
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Behält alles im Blick: Sven Paulsen.

Was geht in einem Reeder vor, wenn eines seiner Schiffe in einen schweren Unfall verwickelt ist? Sven Paulsen, Geschäftsführer der Adler-Reederei, spricht über das Unglück seines Schiffes „Adler Express“.

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07. Juni 2014, 12:41 Uhr

Westerland | Es dauert, bis Sven Paulsen in den Besprechungsraum seiner Reederei Adler-Schiffe kommt. Er muss noch telefonieren, Absprachen treffen, soll gleich aufs Festland. Man meint zu spüren, dass hier alle sehr konzentriert sind. Das Unglück der Adler Express ist gerade vor drei Tagen passiert. Normalität stellt sich so schnell nicht wieder ein. Denkt man. „Wir haben ein Notfall-Management, das sofort greift, wenn etwas auf oder mit unseren Schiffen vorfällt“, wird Sven Paulsen später erzählen. Wer 25 Passagierschiffe in Nord- und Ostsee laufen hat, muss immer damit rechnen, dass irgendwo etwas passiert. „Aber ein solches Unglück wie jetzt hatten wir zum Glück noch nie.“

Sven Paulsen wirkt gefasst. Er besitzt das Kapitänspatent für die große Fahrt. Sein Leben sind Schiffe, er ist in einer Familie groß geworden, die vom Fährverkehr lebte. Zu gern steht er heute noch selbst am Ruder, steuert eines seiner Adler-Schiffe. Als Kapitän muss man gerade in schwierigen Situationen die Ruhe bewahren.

„Wir konnten es erst gar nicht glauben“, erzählt der 55-Jährige von dem Moment, als er die Nachricht bekam, die Adler Express sei ungebremst gegen die Kaimauer im Amrumer Hafen gefahren. Für Sven Paulsen war sofort klar, dass er „sich selbst ein Bild vor Ort machen musste“. Seine erste bange Frage war, wie viele Verletzte hat es gegeben, wie schwer sind die Verletzungen – gab es Tote? Am Unglücksort trifft er auf Menschen, die teilweise noch unter Schock stehen. „Doch die Rettungskräfte, die vor Ort waren, denen ich nur herzlich danken kann, haben ganz hervorragend gearbeitet, aber auch unsere Notfall-Trainings, die regelmäßig absolviert werden müssen, beweisen in solchen Situationen ihren Sinn.“ In der Westerländer Adler-Schiffe-Zentrale laufen nach wie vor die Fäden zusammen, werden die Nachfragen von Passagieren und Angehörigen beantwortet. „Niemand soll ohne befriedigende Auskunft bleiben“.

Für Sven Paulsen war die letzte Zeit von schlaflosen Nächte gezeichnet. „Man denkt natürlich vor allem an die Verletzten, möchte helfen.“ Beruhigend ist die Tatsache, dass es keine Toten gegeben hat „und dass wir sehr gut versichert sind, es können alle Ansprüche großzügig geregelt werden. Ich kann mich bei den Fahrgästen, insbesondere bei den Verletzten, nur aufrichtig entschuldigen.“

Die Sicherheitsstandards an Bord waren okay, dennoch wird es Konsequenzen aus dem Unglück geben. „Wir werden es nicht mehr zulassen, dass vor Abschluss des Anlegemanövers die Fahrgäste sich schon erheben und wir werden zukünftig den Joystick, mit dem die Maschine gesteuert wird, in kurzen Intervallen austauschen.“ Kommenden Mittwoch soll die „Adler Express“ wieder fahrbereit sein. Sven Paulsen glaubt nicht, dass jetzt weniger Menschen mit der „Adler Express“ oder einem anderen Schiff fahren. „Auch diejenigen, die bei dem Unglück dabei waren, haben eher verständnisvoll reagiert, weil sie ja schnell wussten, dass nicht der Kapitän, sondern die Technik versagt hat.“ Das Gefühl von Sicherheit geht vor allem vom Kapitän aus. Paulsen weiß das auch, empfindet es als Verantwortung. Auch deshalb muss er das Gespräch beenden. Er will nach Husum. Ins Krankenhaus, die Verletzten besuchen, hören wie es ihnen geht, was er und seine Reederei für sie tun können.

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