Kolumne : Rechenkünstler

Kabarettist Manfred Degen
Kabarettist Manfred Degen

Manfred Degen über seine Vergangenheit auf den Bühnen dieser Welt

shz.de von
07. September 2018, 15:03 Uhr

„Hallo, Herr Degen, Sie hatten echt ’nen geilen Job: Im Winter wurde durchgeratzt, bis die grelle Mittagssonne schien und im Sommer waren Sie im Lande unterwegs, machten die Rampensau und zogen den Windbauern ihr Stromgeld wieder aus der Tasche. Chapeau!“
Das ist eine schöne Beschreibung meiner glorreichen Vergangenheit. Wenn ich auf einer Dorfbühne stand, feuerte ich - wenn mir welche einfielen – besonders fetzige Pointen ab, sodass mein Publikum sich quasi vor Begeisterung überschlug und tosender, nicht enden wollender Beifall aufbrauste, ja, manchmal zersprangen auch die Scheiben. Zum Glück spielte ich meistens in Sälen ohne Fenster.

„… um wie hielten Sie denn den Stress so aus? Zogen Sie sich Koks rein, half Ihnen Freund Alkohol oder sind Sie ‚Shade of Gray‘-Fan und packten Sie vorher in der Garderobe Ihren Handschellenkoffer aus und machten einen Schlangentanz mit der Tochter des Dorfkrugwirts?"
Ja…nein, äh…ja – so ähnlich. Ich machte auf der Bühne gerne so einen Sekundenschlaf. Das kennen Sie doch sicher auch, wenn Sie zum Beispiel zu Ikea fahren. Gerade waren Sie noch in Höhe Rendsburg und zack, rauscht das Ortsschild unserer Landeshauptstadt an Ihnen vorbei und Sie sind ausgeschlafen und putzmunter.

„Das ist ja interessant, Herr Degen, damit beweisen Sie ja eindeutig, dass Sie nicht die charakterlich-sittliche Reife besitzen, am öffentlichen Straßenverkehr teilzunehmen.“
Ach, papperlapapp, ein Berufskollege von mir hat einmal berichtet – er hatte allerdings schon erhebliche Mengen Bier aus Flensburg im Kopf – dass er in der Lage sei, während des Bühnenprogramms die Anzahl der Besucher präzise zu erfassen. Die Summe der Leute multiplizierte er jeweils mit dem Eintrittspreis und dividierte dann das Resultat mit dem Verteilungsschlüssel des gierigen Veranstalters. Anschließend minderte er die Summe um seine Auslagen, um Reisekosten und Hotel und zum Schluss wusste er genau, wie viel Scheine sein Agent ihm nach der Show rüberrascheln würde. Er behauptete immer, diese Rechenkunststücke vollführe er mit der linken Gehirnhälfte. Seine Rechte Gehirnhälfte benutze er ausschließlich für den Text seines Programms. Nach bald über 100 Vorstellungen liefe das automatisch.

„Das ist ja phänomenal! Großer Respekt von mir! Jetzt wird mir klar, warum Ihr Bühnenarbeiter eben als ‚Künstler‘ bezeichnet werdet.“
Genau so isses. Ich hatte mal das Vergnügen, den Aphoristiker Gabriel Lau bei einer Lesung hier auf Sylt zu erleben. Der alte Gaukler zelebrierte seine böhmische Lebensart nicht nur anhand barocker Körperlichkeit, sondern auch durch unmäßigen Tabakgenuss während des Vortrags. Ihm gelang das Kunststück, während der Lesung seiner Texte unendlich tief an der brennenden Zigarette zu saugen und beim Inhalieren pausenlos weiterzureden. Der mächtige Brustkorb hob sich dabei, die Stimmlage kletterte um eine Oktave ins Umwölkte hinein und dann atmete der Mann aus. Wir, die Fans verschwanden für ihn hinter einer monströsen Qualmwolke, durch die hindurch eine zurück in die normale Tonlage rutschende Dichterstimme mit lustiger Lyrik klang. Nach zweieinhalb Stunden waren wir durch das passive Rauchen fix und fertig, während Gabriel Laub wirkte, als hätte er in einem Jungbrunnen geplanscht. Was lernen wir daraus. Kümmere dich nicht um Konventionen - gib dein Bestes …
 

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