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Zum Tod von Helmut Schmidt : „Rauchen Sie mit mir, Herr Wiggert?“

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Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Als der Sylter Künstler Lars Wiggert 2007 den Brahmsee besuchte, lernte er dort auch den ehemaligen Bundeskanzler kennen.

Der Sylter Maler Lars Wiggert lernte Helmut Schmidt 2007 kennen, als er am Brahmsee malen wollte. Anlässlich des Todes des ehemaligen Bundeskanzlers beschreibt Wiggert hier seine Begegnung mit Schmidt.

 

Anfang des Jahres 2007 überlegte ich, wie ich meine Malerei voranbringen könnte. Bis dahin hatte ich mich vor allem den Landschaften meiner Heimatinsel gewidmet. Die Wolken, der Himmel, das Meer, die Farben und das Licht: Genügend Stoff für ein ganzes Künstlerleben. Ich hatte Lust auf neue Motive und begeisterte mich für die Idee, an einem Binnensee in Schleswig-Holstein zu malen. Dass es mich an den Brahmsee führen sollte, habe ich Helmut Schmidts Erinnerungsbuch „Weggefährten“ zu verdanken. Darin schildert der frühere Kanzler in einem Kapitel die Begegnungen mit Künstlerfreunden, so auch mit Siegfried Lenz in dessen Sommerquartier in Tetenhusen.

 

Hinter seinem Haus hatte Lenz einen Fischteich anlegen lassen, und ihm war es offenbar gelungen, die Karpfen darin durch reines Flöten anzulocken. Schmidt beschreibt diese Szene in anrührender Weise, wie auch das Segeln auf dem Brahmsee mit seinem Freund Willi Berkhan. Die humorvoll geschilderten Erlebnisse ließen Farben, Gerüche und Bilder in mir aufsteigen- und den Wunsch, dort zu malen. Ich verfasste einen Brief, in dem ich mein Vorhaben schilderte und fand mich zwei Monate später auf der Terrasse des Sommerhauses von Loki und Helmut Schmidt wieder. Zu meiner Überraschung und großen Freude hatte Schmidt zugestimmt, dass ich seinen Sommersitz malerisch erkunden dürfe. In der Folgezeit besuchte ich in Begleitung von Otti Heuer – er war 26 Jahre lang Leibwächter von Helmut Schmidt – den Brahmsee zu allen Jahreszeiten, außer im Winter.

 

Wenn ich das Erlebnis der Stille als besondere Erfahrung herausstelle, dann mag dies ein wenig weltabgewandt klingen. Doch genau das suchte ich! Was mich zusätzlich anspornte war, dass noch keiner den Ausblick auf den See, auf die urwaldähnlich verwilderte Umgebung gemalt hatte. Das Erlebnis der Stille führte mich gleichsam in eine verlangsamte Bildwelt: Die farbigen Schatten der Bäume, das Rauschen der Blätter im Wind, der Paddelschlag eines Ruderers oder die Bewegungen des Schilfkleides waren voller poetischer Metaphern, die meine Phantasie beflügelten. Oder meine Aufmerksamkeit erregten, wie eine Blindschleiche, die sich in der Mittagssonne auf der Terrasse räkelte oder ein vom Entendreck garnierter Bootssteg.

 

Meine Aufenthalte am Brahmsee bestätigten denn auch meine Vorahnung, dass es für mich nichts Spannenderes gibt, als die Geborgenheit und Sanftmut einer Landschaft einerseits und ihre Weite und Erhabenheit andererseits zu zeigen. Natürlich fragte ich mich, welchen Stellenwert die Landschaft im Erleben von Helmut Schmidt einnimmt. Der Brahmsee als Sehnsuchtsort? Zumindest ein Rückzugsort, ein landschaftliches Kleinod für Schmidt und für dreißig verschiedene Vogelarten. Wenn Helmut Schmidt in freien Stunden selbst zu Papier und Farbstiften griff, so fand darin seine Liebe zu den bildenden Künsten ihren Ausdruck.

„Rauchen Sie eine Zigarette mit mir, Herr Wiggert?“ – mit diesem Satz begann ein Gespräch, das ich im Dezember 2007 mit dem Altkanzler geführt habe. Während Schmidt das Gespräch mit einem Hinweis auf einen seiner Lieblingsmaler, den Spanier El Greco, fortsetzte, nahm ich den Faden am Ende der Unterhaltung nochmals auf und bat um Einschätzung meines Lieblingsmalers, des Engländers William Turner: „Der ist großartig“, und mit dem Blick aus dem Fenster seines Büros am Hamburger Speersort ergänzte Schmidt: „Turner ist ein Meister des Lichts gewesen. Er konnte auch Figuren malen und ist unserem Caspar David Friedrich weit – mindestens dreimal – überlegen.“

Rückblickend möchte ich festhalten: Mein Respekt vor Helmut Schmidts Lebensleistung schließt sein umfassendes und vielseitiges Engagement im Kulturbereich ebenso ein wie meine tief empfundene Dankbarkeit für dessen Bereitschaft, einem damals noch weitgehend unbekannten Maler bei der Motivsuche behilflich gewesen zu sein.

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erstellt am 10.Nov.2015 | 19:30 Uhr

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