Kommentar : Ratlosigkeit, Wut und cooles Zahlenspiel

Michael Stitz, Chefredakteur  sh:z Medienhaus Sylt
Michael Stitz, Chefredakteur sh:z Medienhaus Sylt

Warum die Geburtshilfe auf Sylt erhalten bleiben muss, aber die zuständigen Akteure sich hilflos verhalten: Ein Kommentar von Michael Stitz.

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30. November 2013, 12:00 Uhr

Wenn die Diskussion um die Geburtshilfe auf Sylt eines zeigt, dann ist es Ratlosigkeit. Dabei ist besonders bemerkenswert, dass die nicht nur die besorgten und langsam immer wütender werdenden Sylter umtreibt. Die Insulaner können kaum noch durchblicken, was angesichts der Fakten- und Behauptungslage zu tun ist und was nicht. Die Ratlosigkeit prägt auch die politischen Statements. Vom Westerländer Rathaus bis ins Kieler Landeshaus werden zwar Mahnrufe in Richtung Nordseeklinik laut, eine überzeugende und schnelle Lösung des Konflikts ist dabei weder in Sicht noch vorgezeichnet.

Das Verhalten von Asklepios im Ringen um eine Lösung ist vor allem von einer Haltung geprägt, die sich ein Krankenhaus niemals erlauben sollte: Mangelndes Mitgefühl.

Anstatt sich an der Spitze der Bewegung für den Erhalt der Geburtshilfe auf Sylt einzusetzen, zieht sich die Klinikleitung auf eine Argumentationskette zurück, die von der Sprache des kalten Herzens geprägt ist.

Auch wenn es stimmt, dass die Fallzahl bei den Entbindungen auf Sylt dramatisch niedrig ist, die Versicherungsprämien für Hebammen und Ärzte astronomisch hoch und die juristischen Tücken bei der Übernahme dieser Prämien nicht ohne sind, hätte nie der Eindruck entstehen dürfen, dass sich der Klinikkonzern mit diesen Zahlenspielen in die Büsche schlägt, um sich möglichst schnell von einem unrentablen Bereich im Unternehmen zu verabschieden. Gerade Asklepios sollte ein elementares Interesse daran haben, auf der Insel als fürsorglicher Partner der Menschen und nicht als von Kontrollern gesteuertes Profitcenter wahrgenommen zu werden. Konnte man nach dem desaströsen Streik beobachten, dass sich langsam und überzeugend das Bild der Klinik in der Öffentlichkeit zum Positiven wandelte, zerstört das Haus gerade mit eigener Hand sein zu recht gewonnenes Ansehen und Vertrauen durch die eindimensionale Betrachtung der Geburtshilfe als Zahlenspiel.

Es ist ein Jammer, denn die Nordseeklinik beschäftigt hervorragende Ärzte, Schwestern und Pfleger, bietet ihren Patienten ein in vielerlei Hinsicht kompetentes und komfortables Angebot. Sylt hätte allen Grund, stolz auf sein kleines Krankenhaus zu sein. Ihm die Geburtshilfe zu nehmen, würde aber bedeuten, ihm eine Lebensader abzuklemmen.

Für die Insel wäre das eine Bankrotterklärung. Zeigt sich schon jetzt, dass die bundesweite Wahrnehmung dieser Diskussion Wellen schlägt, die geeignet sind, für einen nachhaltigen Imageschaden zu sorgen.

Man muss weder seinen Realitätssinn einbüßen noch in Wunschdenken verfallen, wenn man sich der Forderung anschließt, dass die Geburtshilfe auf Sylt erhalten bleiben muss. Diese Forderung muss die Politik dringend mit klaren Entscheidungen für eine Versorgung in der Flächen auf belastbare Zusagen zu stellen. Appelle allein helfen in der aktuellen Situation nicht!

Die Klinik muss sich auf die Unterstützung der Politik in rechtlicher und finanzieller Hinsicht verlassen können. Sie selbst muss sich aber auch ihrer Pflicht bewusst sein, für die Menschen und ihre Nöte da zu sein. Es muss nach außen hin klar werden, dass Klinik und Sylter gemeinsam die Geburtshilfe erhalten wollen. Denn es geht um die lebendige Zukunft der Insel.

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