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Heinz Strunk im Interview : „Ratgeber-Bücher sind richtiger Schwachsinn“

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Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Am Freitag kommt Heinz Strunk mit seiner „Jürgen-Show“ nach Kampen und vorher zur Signierstunde nach Westerland. Im Interview spricht er über die Insel und warum Ratgeber nicht funktionieren.

shz.de von
erstellt am 09.Mai.2017 | 04:43 Uhr

Heinz Strunk hat viele Talente: Der Musiker, Schauspieler und Schriftsteller wurde dem breiten Publikum vor allem mit seinem Debutroman „Fleisch ist mein Gemüse“ bekannt. Darin beschreibt er weitgehend autobiografisch, von seiner Zeit als Musiker in der Tanzkapelle „Tiffany’s“. Sein Roman „Der goldene Handschuh“, dessen Protagonist der Hamburger Serienmörder Fritz Honka ist, stand monatelang auf der Bestsellerliste und war für den Leipziger Buchpreis nominiert.

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Im März ist sein neuer Roman „Jürgen“ erschienen, mit dem er derzeit auf Lesereise ist – oder besser auf Show-Reise. Denn eine klassische Lesung ist hier nicht zu erwarten. So wie am kommenden Freitag, 12. Mai, im Kaamp-Hüs, wenn Heinz Strunk mit Buch, Platte und Präsentation auf die Insel kommt. Aber davon soll er besser selbst berichten:

 

Herr Strunk, kennen Sie die Insel?
Ja, ich war Ende der 90er Jahre mehrmals auf Sylt. Da das schon so lange her ist, freue ich mich riesig, dass sich jetzt mal wieder die Gelegenheit bietet, dort ein Wochenende zu verbringen.

Also hat es Ihnen damals gefallen?
Ja, allerdings hatte ich damals noch kein Geld und habe in Westerland für 70 Mark in einer Einliegerwohnung gewohnt. Das ganze Ambiente war irgendwie sehr „oma-mäßig“, mit so einem ausklappbaren Bett in der Wand. Zweimal war ich auch beim Biike-Brennen. Das fand ich sehr schön, denn ich habe ein Faible für die Nordsee im Winter. Im Sommer ist es mir dort allerdings zu voll.

Der Protagonist ihres neuen Romans, Jürgen Dose, begibt sich auf eine Reise, um eine Frau kennenzulernen. Würde es ihm auch auf Sylt gefallen?
Nein, das glaube ich nicht. Jürgen wäre ob des Reichtums und der vielen schönen Menschen wahrscheinlich eingeschüchtert und würde sich das wahrscheinlich auch gar nicht leisten könnten.

Was ist Jürgen Dose denn für ein Typ?
Jürgen gehört zu den Menschen, die man gemeinhin als die „schweigende Mehrheit“ kennt. In Amerika nennt man solche Leute auch „White Trash“. Das sind die Männer, die nicht sehr gebildet sind. Sie führen kein attraktives Leben, haben keinen tollen Job, sind nicht gutaussehend und haben keinen Geschmack. Dieses Millionenheer der Männer lebt überwiegend in der Provinz und erfüllt keines der Attribute, das für Frauen in der Regel attraktiv ist. Und solche Männer haben es dann auch entsprechend schwer bei der Frauenwelt. Jürgen ist aber, obwohl er kein tolles Leben führt, ausgesöhnt mit seinem Dasein. Für ihn ist das Glas immer halb voll. Nur eine Frau hätte er dann doch ganz gerne.

Und genau darum dreht sich das Buch dann auch?
Ja, es geht um die verschiedenen Möglichkeiten und Versuche, Frauen kennenzulernen und mündet in der großen Reise von Jürgen und seinem Freund Bernd mit dem Veranstalter „Eurolove“ nach Stettin.

Auch wenn er wenig Erfahrung hat: In dem Buch spricht Jürgen immer so, als würde er genau wissen, was die Frauen wollen.
Diese Ideen hat er sich zusammengelesen. Denn Jürgen ist ein großer Fan von Ratgeber-Büchern und hat alles theoretisch drauf. Ihm fehlt es einfach nur an praktischer Übung.

Er gibt viele Tipps, die er aus den Ratgeber-Büchern hat. Darunter: „Ein weiterer Indikator für Interesse: Sie zieht Augenbrauen und obere Augenlider hoch, öffnet dabei leicht den Mund und schürzt die Lippen“, oder: „Richtig Lächeln kann ein Liebesbooster sein“. Könnte ihr Buch nicht auch glatt als Ratgeber durchgehen?
Es gibt bei Amazon verschiedene Bestsellerlisten. Verrückterweise steht das Buch „Jürgen“ derzeit auf Platz 1 der Bestsellerliste „Partnersuche und -wahl“. Aber ein Ratgeberbuch ist es ganz sicher nicht. Denn wenn jemand uncool ist, keinen Humor hat und keine der Eigenschaften hat, die Frauen gefällt, dann kann er noch so viele Ratgeber-Tipps berücksichtigen. Das wird ihm dann auch nicht weiterhelfen. Da stehen dann so Sachen wie: „Souveräne Ausstrahlung ist wie das Motoröl bei der Partnersuche“. Aber wer die souveräne Ausstrahlung nicht hat, bei dem funktioniert das auch nicht. Frauen sehen das 1000 Meter gegen den Wind und das gelernte aus dem Buch wird niemandem nützen. Deswegen sind diese Ratgeberbücher per se richtiger Schwachsinn. Es gibt dazu einen Kaufmannsspruch: An jedem Morgen steht ein Dummer auf, dem man etwas Dummes verkaufen kann.

Würde Jürgen eine Frau überhaupt glücklich machen?
Tja, das ist die große Frage! Es besteht durchaus die Möglichkeit, dass er eine Frau findet, die auch nur wieder eine Stellvertreterposition für seine Mutter einnimmt. Die Jürgen, der eigentlich ein ganz zartbesaitetes Pflänzchen ist, sehr dominieren und rumkommandieren würde. Und dann ist die andere Frage, ob er in seinem verschrobenen Sonderling-Dasein überhaupt noch in der Lage wäre, eine so einschneidende Veränderung hinzubekommen.

Das Buch wurde auch verfilmt, mit Charly Hübner in der Rolle des Bernd...

... Im Grunde gab es zuerst das Drehbuch und dann das Buch. Der Weg bei „Jürgen“ ist sozusagen nicht der normale. Üblicherweise wird ein Buch geschrieben, das ist dann erfolgreich und wird schließlich verfilmt. In unserem Fall ist es umgekehrt und ich hatte auch schon die Idee zu einem zweiten Film.

Wie würde es mit Jürgen und Bernd weitergehen?
Im zweiten Teil haben die beiden endlich eine Frau gefunden und gehen zum Beispiel mit ihnen auf Kreuzfahrt. Sie sehnen sich dort aber zurück in die Zeit, wo sie ohne Frauen waren – weil diese sie nämlich die ganze Zeit rumkommandieren und sie gar nicht so glücklich sind, wie sie sich das jetzt vielleicht ausmalen.

Am Freitag ist ihre Lesung. Was erwartet das Publikum bei der „Jürgen-Show“?
Zum Buch wurde auch ein Album veröffentlicht. Das heißt: „Die gläserne Milf“ und bezieht sich auf den Kosmos von Jürgen Dose. Daraus werde ich sechs Songs performen und es gibt die Polenreise als Diavortrag mit 90 Bildern aus dem Film.

 

Die Jürgen-Show: Freitag, 12. Mai, im Kaamp-Hüs. Beginn ist um 20 Uhr, Einlass um 19.30 Uhr. Der Eintritt beträgt 17 Euro im Vorverkauf und 19 Euro an der Abendkasse. Es herrscht freie Platzwahl. Am Freitag um 17 Uhr findet eine Signierstunde im Buchhaus Voss in der Friedrichstraße statt.

Jürgen das Buch

Jürgen Dose lebt in Harburg. Er hat es auch sonst nicht immer leicht gehabt im Leben. Kontakt hat er, abgesehen von seiner bettlägerigen Mutter und Schwester Petra vom Pflegedienst, nur zu seinem alten Freund Bernd „Bernie“ Würmer, der im Rollstuhl sitzt und eine arge Nervensäge ist. Auch wenn für ihn das Glas immer halbvoll ist: Jürgen ist ein ganz armer Willi, nur weiß er das nicht. Was er aber weiß, ist, dass er nichts so schmerzlich vermisst wie die Liebe einer Frau. Und da Freund Bernie ebenso unglücklich den Frauen hinterher hechelt, beschließen sie, endlich was zu tun. Nach ernüchternden Erfahrungen mit Old School Dating wie Speed Dating wird der Einsatz erhöht – mit der Firma „Eurolove“ fallen die beiden Glückssucher in Polen ein …

Heinz Strunk Der Autor

Der Musiker, Schauspieler und Schriftsteller Heinz Strunk heißt eigentlich Matthias Halfpape und wurde 1962 in Hamburg geboren. Er ist Gründungsmitglied des Humoristentrios Studio Braun mit Rocko Schamoni und Jacques Palminger und hatte auf VIVA eine eigene Fernseh-Show.

 Sein Debüt, der stark biografisch gefärbte Roman „Fleisch ist mein Gemüse“, verkaufte sich mehr als eine halbe Million Mal. Es ist Vorlage eines preisgekrönten Hörspiels, eines Theaterstücks und eines Kinofilms. Auch die darauffolgenden Bücher des Autors wurden zu Bestsellern. Heinz Strunk war in den frühen Siebzigern Gründungsmitglied der fiktiven Band Fraktus, den Erfindern von Techno, die 2013 ein sagenhaftes Comeback feierten. Für seinen 2016 erschienen und überall gefeierten Roman „Der goldene Handschuh“ wurde er für den Leipziger Buchpreis nominiert und mit dem Wilhelm-Raabe-Buchpreis ausgezeichnet. Der Roman über die gleichnamige Reeperbahn-Absturzkneipe erzählt die Geschichte des Hamburger Serienmörders Fritz Honka, dessen Leben sich um Alkoholexzesse, Sex und Gewalt drehte.  Im März 2017 erschien der langerwartete Roman über sein Alter Ego „Jürgen“.

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