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Weltmeister im Waveriding : Philip Kösters Ruhe nach dem Sturm

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Beim Mercedes-Benz Windsurf World Cup Sylt holt der 23-Jährige seinen vierten WM-Titel / Der Weg zurück auf den Windsurf-Thron war allerdings lang und steinig

shz.de von
erstellt am 06.Okt.2017 | 05:23 Uhr

Eben noch kämpfte sich Philip Köster durch die Gischt vor Sylt. Das Wasser ist kalt, die Nordsee bietet im Oktober kaum mehr als 15 Grad. Besucher am Brandenburger Strand wärmen sich nach einem langen Tag an der stürmischen Küste mit Tee auf. Für Köster brandet auf dem Weg hin zum Festland der nächste Sturm auf: Mit tosendem Applaus wird der neue Weltmeister auf dem feinen Sandstrand Westerlands empfangen. Der neue Titelträger schaut ruhig in die Massen, während um ihn herum Euphorie herrscht. Ganz so, als könne der 23-Jährige noch nicht glauben, dass eine unglaubliche Geschichte wahr wurde.

Die Vita von Philip Köster liest sich wie ein Märchen: Zweitjüngster Weltmeister mit 17 Jahren, zwei weitere Titel im Waveriding, einer komplexen Mischung aus hohen Sprüngen und artistischen Wellenritten, folgen schnell. Ein Liebling der Medien – jung, dynamisch, talentiert. Und konstant vorn mit dabei. Die Gegner verzweifeln reihenweise, wenn sie gegen das deutsche Wunderkind antreten müssen. Er ist auf dem besten Weg, internationale Windsurf-Legenden wie Robby Naish und Björn Dunkerbeck zu beerben. Bis sein rechtes Knie im September 2016 während einer Trainingsreise in Australien bei einem Sturz aus rund sieben Metern nachgibt und er von seinem Caddy Jorge aus dem Wasser gezogen werden muss.

Innenband, Außenband, Meniskus – viel mehr kann sich ein Mensch nicht im Kniegelenk verletzen. Mediziner geben in solchen Fällen keine Garantie für eine Rückkehr, Comebacks brauchen lange Zeit. Oder finden nie statt. Eine neue Situation für den Nachwuchssportler, der außerhalb des Wassers schüchtern und zurückhaltend auftritt. Erstmals wirft ihn eine schwere Verletzung aus seinem gewohnten Rhythmus. Operation in Hamburg, unzählige Stunden Physiotherapie auf Teneriffa und zaghafte Versuche mit dem Windsurf-Equipment – nur langsam kämpft sich Köster zurück. Dabei wird der junge Mann, der mit deutsch, englisch und spanisch drei Sprachen beherrscht, auf eine harte Probe gestellt. Die Geduld zählt nicht zu seinen Stärken. Und eine hundertprozentige Sicherheit auf ein erfolgreiches Comeback gibt es nicht.


Mama Linda kümmert sich um die Finanzen

Philip Köster ohne Windsurfen? Für Freunde und Familie unvorstellbar. Seit er acht Jahre alt ist, steht der Sportler mit der Wuschelmähne auf dem Board. Aufgewachsen am Strand von Vargas auf Gran Canaria, in dem einzigen Haus weit und breit, schaute der Sportler mit dem deutschen Ausweis von seinem Schreibtisch aus viel lieber den Surfern zu, als seine Hausaufgaben zu machen. Die Gegend gilt als eine der windreichsten überhaupt, seine Eltern wanderten genau deswegen vor über 35 Jahren hierhin aus. Als Windsurf-Lehrer brachten die Hamburger Generationen von Freizeit-Sportlern das Spiel mit den Wind und Wellen bei. Heute schauen sie stolz auf den Lohn ihres Mutes: Philip Köster, der seinen ersten Profi-Wettbewerb im Herrenbereich mit zwölf Jahren fuhr, gilt als bester Windsurfer der Welt. Trotz des Erfolgs stemmen die Kösters das „Familienunternehmen“ Windsurf-Profi alleine: Mama Linda kümmert sich um die Finanzen, Papa Rolf begleitet den Filius bei den Wettkämpfen.

So auch im Juli, als der Wahl-Kanare sein Comeback beim ersten Stopp der World Tour vor Gran Canaria feierte. „Vorher wusste ich nicht, ob ich überhaupt antrete“, blickt Köster auf seine Feuerprobe zurück. Ausgestattet mit einer Karbon-Schiene, startet er nach elf Monaten erstmals wieder bei einem Wettkampf. Die Nervosität verfliegt schnell, Heat für Heat tankt sich der Comebacker durch. Bis zum Sieg. Die Szene schreit auf – er ist wieder zurück. Ein Bild, das sich mit dem ersten Platz beim folgenden Wettkampf vor Teneriffa verstärkt. Auch hier zeigt Köster, dass er die spektakulären Doppel-Loops, die er unvergleichlich in den Himmel schraubt, nicht verlernt hat. Alles war angerichtet für das Finale auf Sylt. Heim-World-Cup. Medienrummel. Fans. Auf dem Eventgelände war der Sportler, der mit der slowenischen SUP-Weltmeisterin Manca Notar zusammen ist, selten zu sehen. Die geballte Aufmerksamkeit und das überbordende Interesse an seiner Person – Philip Köster zieht die Ruhe auf dem Wasser vor.

Am Mittwoch war es soweit: Die Herren trugen vor Sylt ihr Finale aus. Die Nordsee zeigte sich von ihrer harten Seite. Meterhohe Wellen, Wind aus Westen, Regen. Nach den Wettkämpfen fragen die Sportler hier nach Tee statt coolen Drinks. Philip Köster mag diese Bedingungen nicht unbedingt, seine Lieblings-Spots liegen allesamt in wärmeren Gebieten. Doch auch die deutsche Küste muss auf dem Weg zum vierten WM-Titel bezwungen werden.

Das gelingt Köster in einer Weise, wie sie nur allzu gut in die Dramaturgie seines Comebacks passt. Nachdem der erste Matchball vergeben wurde, bezwingt der Windsurfer in der Rückrunde vor Sylt Alex Mussolini und sichert sich so den dritten Rang. Die Platzierung reicht dank des angesammelten Punktepolsters, niemand kann dem Youngster den Titel noch entreißen. „Ein unglaubliches Gefühl, hier meine vierte Weltmeisterschaft zu feiern. Ich kann es kaum glauben“, sagt der Frischgekrönte, bevor er der jubelnden Masse entflieht. Er möchte mit seiner Freundin telefonieren und seinen Triumph in Ruhe genießen.


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