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Kreis Nordfriesland : Pension Jensen auf Sylt: Tragisches Ende eines Lister Kleinods

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Die Pension muss schließen - obwohl alles gut läuft. Doch laut Bauamt hat das Haus Mängel.

shz.de von
erstellt am 20.Apr.2017 | 18:39 Uhr

List/Sylt | Die Tage der Pension Jensen in List sind gezählt – obwohl weder die Gäste fehlen, der Besitzer verkaufen will oder die Mitarbeiter streiken. Nein, eigentlich lief in der Pension alles bestens. Bis das Bauamt des Kreises Nordfriesland sich meldete, und plötzlich ging alles ganz schnell. Michael Perlick, der Inhaber der Pension Jensen, ist Rechtsanwalt und schafft es, den Fall – so weit es ihm möglich ist – nüchtern zu betrachten. Dass ihm die ganze Geschichte aber zu schaffen macht, ist offensichtlich. Zu viel Geld und Herzblut sind bereits in das Haus geflossen.

Aber der Reihe nach: Die Fremdenpension wurde 1966 erbaut und ist nach Angabe des jetzigen Besitzers Perlick „eine echte Institution im Norden“. Vor etwa zehn Jahren kauften er und seine Frau Bettina das Haus, haben dort 16 Ferienappartements sowie drei Wohnungen und beschäftigen vier Mitarbeiter. Die Perlicks leben in Königstein im Taunus, ein Mitarbeiter vor Ort betreibt den Pensionsbetrieb. In sechs bis acht Jahren wollte sich das Ehepaar auf Sylt niederlassen, der Betrieb sollte ihrer Altersvorsorge dienen.

Der Ärger begann nach einer sogenannten Brandverhütungsschau: „Wir bekamen aus heiterem Himmel ein Schreiben, dass das Haus Mängel habe“, erzählt Michael Perlick. „Anscheinend hat irgendjemand beim Bauamt Anzeige erstattet.“ Dann nahm das Drama seinen Lauf: Wie sich herausstellte, war die erste Baugenehmigung vom 15. Februar 1965 nicht für eine Pension, sondern lediglich für ein Einfamilienhaus ausgestellt worden. Die nächste Genehmigung, die Perlick in seinen Unterlagen hat, ist vom 1. November 1965 und enthält lediglich einen Nachtrag über den Anbau eines Wintergartens.

„In den neun Monaten zwischen Februar und November 1965 muss aber viel passiert sein“, glaubt Rechtsanwalt Perlick. Das erkenne man an der Nachgenehmigung des Wintergartens, bei dem das Gebäude eben kein Einfamilienhaus mehr, sondern eine Fremdenpension ist. In großen Lettern, deutlich zu erkennen, steht dort: geändert am 12.3.1965 und nochmals geändert am 11.5.1965. „Aber diese beiden Änderungen sind weg, die gibt es beim Kreis einfach nicht – oder nicht mehr. Es fehlen also zwischen der ursprünglichen Baugenehmigung für ein Wohnhaus und dem Nachtrag mit der Änderung für den Wintergarten zwei weitere Baugenehmigungen.“ Und Perlick ist sich sicher: Diese Änderungen enthalten die Genehmigung für eine Fremdenpension.

Dass Perlick mit seinen Vermutungen recht haben könnte, darauf deuten weiteren Genehmigungen hin, die die Pension erhielt – wie eine Gewerbezulassung und eine Schankgenehmigung. „Wäre eine Pension nie genehmigt worden, wäre das doch alles nicht passiert“, sagt Perlick.

In den vergangenen Monaten kümmerte sich der Hausbesitzer um eine Nutzungsänderung von Wohnhaus zu Fremdenpension. „Damit habe ich mich schon schwer getan. Denn die Pension ist doch genehmigt, aber der Kreis hat einfach die Unterlagen verloren“, ärgert er sich. Seine Frau und er hätten dennoch einen Ingenieur beauftragt, der viel Arbeit und viel Geld in das Haus stecken ließ, damit alles der Landesbauordnung von 2017 entspricht. Allerdings ergab sich hier ein weiteres Problem: Das im B-Plan festgesetzte Maß der baulichen Nutzung ist überschritten und das Gebäude in seiner jetzigen Ausdehnung etwa 20 Quadratmeter zu groß. Ein jüngster Brief aus Husum zerstörte dann letztendlich Perlicks Hoffnung: Es wurde kurz und bündig die „Unzulässigkeit des Vorhabens“ festgestellt.

Der Rechtsanwalt konnte zwar noch einen vorläufigen Kompromiss aushandeln: Das Erdgeschoss und das erste Obergeschoss dürfen bis Ende dieses Jahres an Pensionsgäste vermietet werden. Allerdings musste den Gästen aus dem Dach und den Dauermietern im Souterrain bereits gekündigt werden. Kreissprecher Hans-Martin Slopianka bestätigt auf Nachfrage der Sylter Rundschau Michael Perlicks Aussage: „Es gibt eine Baugenehmigung von 1965 für einen Wohnhausneubau und einen Anbau. Das Gebäude wurde somit zu Wohnzwecken, aber nicht zum Zweck eines Beherbergungsbetriebes mit Zimmer- und Appartementvermietung genehmigt.“

Dr. Falk Dümichen ist Rechtsanwalt und Notar in Westerland. Er kennt Fälle wie diesen: „Es ist nicht das erste Mal, dass so etwas auf Sylt passiert“, sagt er und stellt klar: „Wenn man nicht nachweisen kann, dass es eine Baugenehmigung für eine Pension gab, kann man nicht viel machen.“ Denn rein juristisch habe die Baubehörde recht. Es sei denn, Michael Perlick könne nachweisen, dass der Bau einer Pension genehmigt war. Und in diesem Fall spreche ja einiges dafür, dass es bereits eine Baugenehmigung gab, die verloren ging. „Falls es zum Rechtsstreit kommt, könnte man damit vorgehen.“

Der Sylter Anwalt nimmt allerdings bewusst das Bauamt in Schutz: „Wenn die Behörde durch eine Anzeige weiß, dass es Mängel gibt oder etwas baurechtswidrig errichtet wurde, dann müssen sie handeln“. Perlick könnte aber möglicherweise einen Kompromiss vor Gericht erzwingen, weil hier die Behörde vielleicht einen Fehler gemacht hat. „Die Erfolgschancen schätze ich jedoch nur auf 30 Prozent“, so Dümichen . Die Behörde habe einfach keinen Spielraum, dürfe sich nur am Baurecht orientieren. Und das besagt: Wenn keine Baugenehmigung da ist, ist rechtswidrig gebaut worden.

Im Grunde sei es sogar so, gibt der Rechtsanwalt zu bedenken, dass es ungerecht wäre, wenn das Gebäude stehen bliebe, da es rechtswidrig erbaut worden sei. Richtige Probleme würden genau dann entstehen, wenn ein Auge zugedrückt und sich nicht ans Baurecht gehalten werde. „Die Behörde darf sich nicht rechtswidrig verhalten, in dem sie sagt: Bei Einem lassen wir es zu und bei dem Nächsten nicht. Dann hätten wir hier die Verhältnisse einer korrupten Gesellschaft“. Auf Sylt kämen solche Fälle häufiger vor, weil „früher einfach wilder gebaut wurde“, sagt Falk Dümichen. „Wir wissen, dass manchmal Baugenehmigungen fehlen. Und da verhält man sich am besten ruhig, denn sonst droht ganz schnell die Abrissverfügung.“ Von alleine würde die Behörde allerdings selten auf die Suche nach Mängeln gehen, sagt der Fachanwalt. „Sie werden meistens mit einer Anzeige darauf gestoßen und müssen dann ermitteln.“

Auch der Lister Bürgermeister Ronald Benck bedauert den Fall: „Michael Perlick hat auch unsere Gemeinde gebeten, Ausnahmeregelungen zu finden, um den Wünschen des Kreises nachzukommen.“ Das sei auch gemacht worden, betont Benck – ebenso alles, „was sonst noch in unserer Macht steht, würden wir tun. Aber schlussendlich liegt es am Kreis und nicht an uns“, so der Bürgermeister. „Dass so eine kleine Pension verschwindet, ist natürlich sehr traurig. Sie ist ein Kleinod in List und war bei den Gästen sehr beliebt.“ Es sei eine der letzten Erinnerung an die 60er und 70er Jahre, in denen es oft die Möglichkeit gab, einfach nur ein „Zimmer mit Frühstück“ buchen.

Perlick geht davon aus, dass sein Gebäude Anfang 2018 abgerissen werden muss. „Juristisch kann man da nichts machen. Aber einige Fragen sind für mich noch offen – allen voran: Wo sind nur die verlorenen Genehmigungen?!“

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