Infektionsschutz in Sylter Altenpflege : Pandemie belastet Alltag im Pflegeheim

Bewohner von Pflegeheimen müssen in der Coronazeit viele Entbehrungen erdulden.
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Bewohner von Pflegeheimen müssen in der Coronazeit viele Entbehrungen erdulden.

Christine Haug-Reyer von den Johannitern berichtet aus der Arbeit mit Senioren.

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26. Oktober 2020, 18:04 Uhr

Sylt | „Es war absolute Stille“, sagt Christine Haug-Reyer, die in der Seniorenbetreuung und -beratung für die Johanniter tätig ist. Das Johanniterheim, das sonst so voller Leben ist, sei in den ersten Wochen nach dem Lockdown kaum wiederzuerkennen gewesen. Denn was bleibt, wenn man aus dem Alltag der Bewohner Besuche, Berührungen, gemeinsames Singen, Spielen, Basteln und Kochen streicht? Wenn Ausflüge nicht mehr möglich sind und auch sonst keinerlei Veranstaltungen? Ja, die ersten Wochen nach Ausbruch der Pandemie seien hart gewesen.

Die markanteste Veränderung im Alltag der Bewohner sei, dass sie nicht mehr „ungehindert“ Besuche empfangen können, erzählt Christine Haug-Reyer weiter: „Einfach, dass das Haus nicht mehr frei geöffnet ist für jeden.“


Berührungen sind in Ausnahmen gestattet

Seit dem 15. Juni sind die Besuche von Angehörigen, allerdings nur von wenigen ausgewählten, wieder möglich. Die Johanniter haben dafür extra ein Besucherzimmer eingerichtet – darin können Angehörige und Bewohner, räumlich durch eine Plexiglasscheibe voneinander getrennt – miteinander kommunizieren. Telefonisch müssen die Angehörigen sich vorab anmelden, Berührungen sind nur in Ausnahmen und besonderen Situationen gestattet. „Der Körperkontakt fehlt natürlich“ , sagt Christine Haug-Reyer dazu. Zudem sind auch Besuche im Garten und im Einzelfall auch auf dem Zimmer möglich, wenn die Einrichtungsleitung einverstanden ist. Außerdem können Bewohner nach Anmeldung auch abgeholt werden.

„Wir dürfen unseren Bewohnern ja auch nicht zu nahe kommen. Das ist natürlich schwierig im Heimalltag.“ Überhaupt sei durch die Pandemie alles schwieriger geworden. Das fängt schon damit an, dass das Personal durch die Besucherregelung gebunden ist, immer wieder die Tür zu öffnen, die Besucher zu begleiten – und dadurch aus Arbeitsabläufen gerissen wird. Gerade die Zeit des Lockdowns habe sowohl die Bewohner als auch das Personal viel Energie gekostet. „Wir mussten uns ja auch selbst mit der Pandemie und den eigenen Ängsten auseinander setzen“, so Haug-Reyer. Dazu kommt das Bewusstsein über die eigene Verantwortung : „Diejenigen, die was Neues reintragen – das sind wir“, sagt sie. Die Bewohner sind in ihren Wohngruppen in Kohorten eingeteilt, der Kontakt zur Außenwelt ist beschränkt.

„Schwierig wird es auch, wenn Bewohner Anzeichen der Erkrankung zeigen“ , fährt sie fort. Denn dann müssen die Bewohner getestet und isoliert werden – eine Beeinträchtigung für alle Beteiligten.

Der Sommer brachte ein Stück Normalität. Die Senioren konnten den Garten des Altenheims nutzen. Kleinere interne Events fanden wieder statt – Christine Haug-Reyer erzählt vom Tanztee mit Jali Schneider, Openair-Gottesdiensten, dem Oktoberfest und der Sommer-Olympiade (wir berichteten).

Außerdem hätten viele Angehörige und Bekannte den Kontakt zu den Bewohnern über den Zaun hinweg gesucht. Diese „Zaungespräche“ seien für manche Bewohner „Lebenselixier“ gewesen. Endlich hätten sie Enkel, Bekannte oder Nachbarn wiedergesehen, die sonst keinen Zutritt zur Einrichtung haben. „Anderen reicht es auch ein Mal die Woche zu telefonieren“, erzählt die Sozialpädagogin. Und auch die Sing-Runden konnten zur Freude aller wieder stattfinden – draußen mit Abstand, versteht sich.

In der Zwischenzeit habe man andere musikalische Angebote – die auch in geschlossenen Räumen stattfinden können – kreiert. „Die Musik ist uns erhalten geblieben“, sagt Haug-Reyer.

In einem früheren Gespräch erklärte sie, warum gerade Musik ein wichtiger Bestandteil in der Arbeit mit Senioren ist. „Musik schafft einen Zugang zu den Menschen“, so Haug-Reyer. „Außerdem gibt es ein Gefühl von Zusammengehörigkeit, wenn man gemeinsam singt oder musiziert.“ Das liegt daran, dass alle Menschen eine „Musikbiografie“ haben: „Mit Rhythmik kommen wir bereits im Mutterleib in Berührung, wo das Pochen des Herzens der ständige Begleiter ist. Später hören wir Kinderlieder, singen zu Weihnachten und entwickeln einen ganz eigenen Musikgeschmack. Spricht man diesen an, kommen bei den Betroffenen oft Gefühle und Erinnerungen hoch“, erklärt Christine Haug-Reyer.

Allgemein habe der psychosoziale Aspekt ihrer Arbeit seit Ausbruch der Pandemie stark zugenommen. Zwar hätten die Bewohner Verständnis für alle Maßnahmen, doch ab und an seien auch sie genervt. „Ach, musst du das Ding immer noch tragen?“, heißt es dann, wenn sie der Sozialpädagogin mit Mundschutz begegnen.


Psychosoziale Belastung hat zugenommen

Christine Haug-Reyer schüttelt traurig den Kopf. „Wir haben in diesem Jahr alles hingenommen“, sagt sie. Fast klingt sie ein bisschen wütend, als sie anfängt, über die anstehende Weihnachtszeit zu sprechen. Alle Veranstaltungen, die den Bewohnern die dunkle Jahreszeit verschönern sollen, sind unter Coronabedingungen nur schlecht umzusetzen. „Ich überlege mir etwas“, sagt sie und klingt fest entschlossen. „Ich denke, dass vieles in Kleingruppen stattfinden wird.“

Die ständigen Neuerungen und steigenden Infektionszahlen würden es allerdings unmöglich machen, längerfristig zu planen. „Aber irgendetwas Besonderes sollte in dieser Zeit ja schon möglich sein.“

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