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Sylter Rundschau

23. Oktober 2017 | 15:50 Uhr

Strandgut : Orden für die Sylt-Pendler

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

In unserer wöchentlichen Kolumne Strandgut erläutert Nils Jesumann die Tricks und Leiden des Pendler-Lebens.

von
erstellt am 07.Sep.2013 | 06:00 Uhr

Es gehört zu den wunderbarsten Erfahrungen eines Syltpendlers: Die Rede ist von dem Versuch, während der Hochsaison in den 19.22-Uhr-Zug in Richtung Festland zu steigen. Eine Vorhaben, das dem Berufsreisenden ebenso viel Nervenstärke abverlangt, wie als HSV-Anhänger im Block des Fußballvereins St.Pauli Fangesänge anzustimmen. Das Problem: Um in den Genuss von Feierabend mit Privatleben und Entspannung zu kommen, muss man sich erst einen Platz in den überfüllten NOB-Abteilen sichern. Szenen wie in der Tokioter U-Bahn sind dann am Bahnsteig keine Seltenheit. Bei der Sylter Quetsch-Arie sind es nur keine Japaner mit Aktentaschen, sondern Touristen, Hunde, Kinderwagen, Luftmatrazen, Sonnenschirme, Surfbretter, Fahrräder und eben Pendler, die verstaut werden müssen. Macht man den Fehler und kommt auf den letzten Drücker (selber Schuld), so rennt man auf der Suche nach einer Einstiegsmöglichkeit an den geöffneten Abteiltüren vorbei. Hier beginnt der Nervenkrieg: Aus jeder Zugtür funkeln einem dutzende Augenpaare entgegen. Jeder Blick bedeutet unmissverständlich: „Das Boot ist voll.“ Sieht man dann im Augenwinkel den Schaffner an seiner Pfeife herum friemeln und die Kelle zücken, wird es allerhöchste Eisenbahn. Sich mit dem Gedanken tröstend, dass man diese Menschen eh nie wieder treffen wird, presst der Profipendler sich spontan und dabei freundlich lächelnd in die amorphe Menschenmasse. Rasten schließlich die Hydrauliktüren laut piepend ein, ist die erste Hürde genommen. Doch dieser kurze Moment der Erleichterung kann schnell in tiefe Demut umschlagen: Nämlich genau dann, wenn der Reisende realisiert, dass er plötzlich von halb nackten, angetrunkenen und stark behaarten Fußballhühnen eingekesselt ist. In solchen Momenten ist Selbstbeherrschung Trumpf: Im Rückgriff auf über tausendjährige Zen-Traditionen schließt man am besten die Augen und bildet sich ein, als Schmetterling über eine Alpenwiese zu flattern oder wie ein Stein auf dem Grund des Ozeans zu liegen.

Öffnen sich schließlich die Zugtüren in Niebüll und die Tortur hat ein Ende, so wünscht man sich als Belohnung einen Empfang mit scheppernder Blaskapelle, die den Bundespräsidenten oder zumindest den Dalai Lama musikalisch begleitet, während er dem geplagten Pendler einen Orden verleiht. Verdient hätten wir ihn.

 

 

 

 

 

 

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