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Asklepios Nordseeklinik : "Ohne Sylter Geburtshilfe wären Kinder gestorben"

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Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Seit 2006 hat Dr. Rainer Stachow hunderte Sylter Geburten begleitet – Im Interview erklärt der Ärztliche Leiter der Fachklinik Sylt, warum Geburtshilfe auf Sylt weiterhin möglich sein muss

von
erstellt am 08.Dez.2013 | 11:59 Uhr

Dr. med Rainer Stachow ist Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin an der Fachklinik Sylt. Er kennt die Strukturen der Sylter Geburtshilfe im Detail.

 

Herr Dr. Stachow, sie arbeiten als ärztlicher Leiter in der Fachklinik Sylt. Was verbindet sie also mit der Geburtshilfe in der Nordseeklinik?
Rainer Stachow: Seit August 2006 betreue ich zusammen mit meinem Facharztkollegen Herrn Burmester die Nordseeklinik konsiliarisch. Diese Beratung betrifft den Bereich der Neugeborenen und auch der älteren Kinder bei Notfallbehandlungen.

Wie sieht diese Hilfe in der Praxis aus?
Wenn die Gynäkologen oder die Hebammen ein Problem bei einem Kind sehen - möglichst natürlich vor der Entbindung - dann rufen sie uns an und einer von uns beiden fährt vorbei. Allerdings ist das kein Bereitschaftsdienst, sondern ein Konsildienst, um die Notfallversorgung zu unterstützen. Wenn es irgendwie vertretbar ist, dann warten die Gynäkologen auch mit dem Kaiserschnitt auf uns. Manchmal kommt es allerdings auf Sekunden an. Wenns drauf ankommt liegt auch unsere Einsatzzeit bei ca. zehn Minuten.

Wie oft sind Sie in den vergangenen Jahren „ausgerückt“?
Wir haben in den letzten sieben Jahren etwa 750 Entbindungen gehabt. Von diesen Neugeborenen habe ich 414 betreut und mein Kollege den Rest. Wir werden bei rund 13 Prozent der Geburten zu Notfalleinsätzen gerufen. Dass sind bei etwa 100 Geburten im Jahr 13 Einsätze, wo es dann heißt: 'jetzt aber schnell hin'. Von diesen Problemfällen in den letzten Jahren waren fünf richtige Reanimationen. Bei elf Patienten musste über einen längeren Zeitraum maschinell beatmet werden. Fünf Prozent der Kinder wurden in diesem Zeitraum zur weiteren Betreuung nach Flensburg verlegt.

Welche Probleme treten auf?
Die Notfälle, die hier auf Sylt eingetreten sind, waren bis auf wenige Ausnahmen, immer unvorhersehbare Notfälle. Das liegt daran, dass von den beteiligten Ärzten keine Risiken eingegangen werden. Alles was vorher auch nur andeutungsweise absehbar ist, wird ausgeflogen oder verlegt. Weil wir alle wissen, dass wir das Problem zwar auch auf Sylt notfallmäßig behandeln könnten, trotzdem aber keinerlei Risiken eingehen wollen. Festzuhalten ist: Wir reden hier über Notfälle, die bei jeder Entbindung vorkommen können. Es sind Nabelschnur- oder Plazentakomplikationen, das Kind hat mal zu viel Fruchtwasser in der Lunge oder kommt nicht richtig heraus.

Die Asklepios-Geschäftsführung verweist auf zu wenig Fachpersonal, um die nötige Qualität in der Sylter Geburtshilfe sicherzustellen. Wie steht es um die Strukturqualität in der Nordseeklinik?
Die Strukturqualität ist in den letzten Jahren kontinuierlich verbessert worden. Da muss man die Nordseeklinik einmal wirklich loben. Zu nennen ist hier der Kreißsaalumbau, bei dem allen Anregungen, auch gefolgt wurde. Alles was man braucht ist da. Die Ausstattung ist sehr gut. Das ist auch die Voraussetzung für uns Kinderärzte, um hier als Berater mit im Boot zu sein. Alles andere wäre verantwortungslos.

Dass heißt, die Qualität ist gewährleistet?
Die Gesamtsituation beim Notfallmanagement und der Sicherheit von Geburten darf nicht subjektiv bewertet werden. Das ist auch der Grund, warum die Medizinische Fachgesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, aufgrund von aktuellen Entwicklungen auch bei Schadensfällen, eine Leitlinie für Qualitätsanforderungen erlassen hat, die zum Teil im Rahmen der aktuellen Diskussion auch schon falsch zitiert worden ist. Die Fachgesellschaft schreibt darin wichtige Mindestanforderungen vor. Denn grundsätzlich muss ein Standard gelten. Man darf sich nicht entschuldigen und sagen, weil wir hier auf Sylt sind, können wir diesen Standard nicht halten. Das darf nicht gelten. Und das gilt auch nicht für die Nordseeklinik.

Was wird in dieser Leitlinie konkret gefordert und genügt die Geburtshilfe in der Asklepios Nordseeklinik den Anforderungen?
Die gute, verantwortungsbewusste Ärztliche-Übung und die entsprechenden Strukturen des jeweiligen Fachgebietes werden gefordert und sind auch gegeben. Es muss zudem ein Facharzt für Geburtshilfe oder Frauenheilkunde innerhalb von zehn Minuten im Krankenhaus verfügbar sein, das ist ebenfalls gegeben. Es stehen zwei Gynäkologen weiterhin zur Verfügung - Herr Dr. Budkowski und Herr Dr. Kirstein - alle anderen Behauptungen sind falsch. Dasselbe gilt für die Hebammen, die innerhalb von fünf Minuten erscheinen muss und kann. Auch die Verfügbarkeit eines Anästhesisten und einer OP-Bereitschaft werden gefordert. Beides ist auf Sylt sieben Tage die Woche und 24 Stunden am Tag gewährleistet. Ganz entscheidend ist auch die Frage, wie schnell kann man in einem geburtshilflichen Notfall mit einem Kaiserschnitt reagieren. Hier ist in der Leitlinie zwingend vorgegeben, dass dieser nach maximal 20 Minuten möglich sein muss. Das ist nach meiner Erfahrung auf Sylt zu jeder Tages- und Nachtzeit der Fall.

Das klingt, als würde man auf Sylt allen Anforderungen an verantwortungsvolle Geburtshilfe gerecht. Gibt es auch Defizite?
Die Mitversorgung durch einen Kinderarzt ist in der gegenwärtigen Diskussion ein bisschen zurückgefallen. Sie steht ja auch nicht primär auf der Tagesordnung, denn wir sind ja in der Regel da. Da wir aber nur zu zweit sind, tut sich hier eine kleine Lücke in dem Versorgungskonzept auf. Nämlich dann, wenn wir mal beide nicht auf der Insel sind. Das ist vielleicht zwei Wochen im Jahr der Fall. Wir sprechen solche Überschneidungen aber grundsätzlich mit den Kollegen in der Nordseeklinik ab. Glücklicherweise hat der neue Chefarzt Dr. Castan auch eine Kinderanästhesiologische Ausbildung und auch im Bereich der Neonatologie Erfahrung sammeln können, sodass wir uns gegenseitig ergänzen.

Wäre eine Geburtshilfeabteilung mit den rund 90 Sylter Geburten im Jahr auch auf dem Festland denkbar?
Eine solche Abteilung hätte auf dem Festland keine Berechtigung auf Existenz. Man müsste sie sofort schließen. Nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen, sondern auch weil die Größe letzten Endes nicht ausreicht. Aber wenn wir auf dem Festland wären, dann hätte die gesamte Nordseeklinik keine Existenzberechtigung. Denn dann wäre Niebüll das nächste Kreiskrankenhaus. Aber die Insellage gibt hier den Ausschlag: Wenn wir die Sylter Geburtshilfe in den letzten sechs bis sieben Jahren nicht gehabt hätten, dann wären zwei Kinder hier verstorben, die nicht hätten gerettet werden können. Diese Kinder wurden nur gerettet, weil qualifiziertes Personal da war, weil ein Notfallkaiserschnitt durchgeführt werden konnte und auch weil der Kinderarzt in schnellster Zeit vor Ort sein konnte.

Wie schlägt sich diese Situation in der Statistik nieder?
Verglichen mit Zahlen des Statistischen Bundesamtes über die sog. „perinatale“ Säuglingssterblichkeit innerhalb von sieben Tagen, liegt die Insel in den letzten sieben Jahren nur um weniger als. 0,1% über dem Bundesdurschnitt. Auch die geringe Zahl der Komplikationen ist im Verhältnis zu 2011 und 2012 weiter rückläufig. Wir liegen mit unseren Zahlen und Daten nicht entscheidend über dem Bundesdurchschnitt, so dass man die Sylter Geburtshilfe meiner Meinung nach durchaus verantwortungsvoll betreiben kann.

Die Geschäftsführung der Asklepios Nordseeklinik vertritt den Standpunkt, dass mit den verfügbaren Sylter Fachärzten keine qualitative Geburtshilfe mehr gewährleistet werden kann. Wie klingt das für sie?
Das kann ich nicht nachvollziehen. Die Erfahrungen der Vergangenheit sind gut. Was die formalen, wie auch die personellen Voraussetzungen und die Erfahrung angeht, werden die Vorgaben der Fachgesellschaft erfüllt.







 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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