Serie "12 Stunden, 12 Orte" : Oase der Ruhe mitten in der Stadt

Rund um die alte Dorfkirche St. Niels leben immer noch viele Insulaner.
Rund um die alte Dorfkirche St. Niels leben immer noch viele Insulaner.

In einer exklusiven Serie für die Sylter Rundschau reist unser Autor in zwölf Stunden über die Insel. Teil 3: Um 10 Uhr in Alt-Westerland

shz.de von
28. August 2018, 15:16 Uhr

Einmal abbiegen von der Keitumer Chaussee in Westerland und dann ein paar hundert Meter geradeaus weiter fahren, das Auto abstellen: der Besucher ist in einer anderen Welt. Willkommen in Alt-Westerland.

Ein Vormittag unter der Woche, 10 Uhr: Thomas Habke macht eben eine kurze Pause. Der gelernte Autoschlosser arbeitet seit 23 Jahren bei der evangelischen Kirchengemeinde Westerland. Der Friese ist in Westerland geboren worden, und sagt: „Ich wollte nie weg, meine Frau auch nicht. Obwohl auf der Insel alles immer schlimmer wird.“ Das Wohnen sei für Einheimische schier unbezahlbar. Auch in Alt-Westerland.

Dem 59-jährigen Mann mit der wettergegerbten Haut gefällt dieser Teil der Inselmetropole trotzdem gut, er spricht vom „Ruhepol der Insel“. Rund um die alte Dorfkirche St. Niels lebten immer noch recht viele Insulaner. Jetzt muss Habke aber los, die Arbeit ruft. Zusammen mit einem Kollegen will er Gräber auf dem neuen Friedhof sauber machen.

Eine alte Dame mit Rollator tippelt am Gotteshaus vorbei. Ja, sie lebe schon immer hier. Sehr gerne sogar. Sie müsse aber jetzt schnell weiter: „Ich habe einen Arzttermin.“

Die Pforte von St. Niels. Ein Schild fordert die Gäste auf: „Tritt ein, Kirche ist offen“ – von 10 Uhr bis 17 Uhr. Wer Ruhe sucht auf der nimmermüden, hektischen Nordseeinsel, der findet sie ganz bestimmt in diesem Jahrhundert alten Gotteshaus.

Die Tür ist schnell wieder ins Schloss gefallen. In der Kirche hört man nun nur noch, ganz leise das Rauschen der Blätter in den Bäumen und das Gekreische von ein paar Möwen.

Im Gästebuch haben sich ein paar Besucher verewigt. „Lass uns gut heim kommen“, hat einer geschrieben, „der Urlaub war schön. Lass mich nächstes Jahr wieder kommen.“ „Zum ersten Mal hergekommen, zum Gedenken an unseren Ur-Ur-Großvater drei Kerzen angezündet.“ „Heute zum ersten Mal seit meiner Taufe vor 19 Jahren eine Taufkirche besucht: was für ein schöner Ort der Ruhe.“

Draußen auf dem Gehweg arbeitet unterdessen Kay-Uwe Ley, er ist gebürtiger Sylter und seit rund zehn Jahren beim Bauhof der Gemeinde beschäftigt. Ley erzählt, dass er ganz in der Nähe von St. Niels aufgewachsen sei, die dänische Schule besucht habe und heute in Tinnum wohne.

Alt-Westerland, sagt er, habe sich nur wenig verändert, sei immer noch ursprünglich. St. Niels ist für ihn ein ganz besondere Ort, in der Kirche ist der 61-jährige Ley 1972 konfirmiert worden. Er hat in St. Niels geheiratet. Die Kinder sind in der 1637 geweihten Kirche getauft worden.

Heute indes lebe keiner der Sprösslinge mehr auf Sylt, denn sie könnten sich die Mietpreise nicht leisten. Zwei Söhne pendeln täglich von Festland zur Arbeit auf die Insel und am Abend wieder zurück. Traurig, traurig, sagt der Mann, der auch noch erzählt, dass er entfernt verwandt sei mit der legendären Sylter Familie Lassen.

Ein paar Gehminuten weiter, im Hedigenring, steht ein Mann, geschätzt 70 Jahre alt, und schneidet die Hecke auf dem Grundstück seines Hauses. Seinen Namen will der Diplom-Ingenieur lieber nicht verraten, zu erzählen hat er aber viel: Er stamme aus NRW, habe lange in Ellwangen beim Batteriehersteller Varta gearbeitet und sei schon als Kind regelmäßig nach Sylt gekommen.

Vor rund 25 Jahren habe er das Haus auf der Insel gekauft, seit 15 Jahren ist Sylt der erste Wohnsitz. Warum ist die Wahl auf Alt-Westerland gefallen? Ganz einfach: Alt-Westerland sei „der schönste Ort zum Wohnen“. Die pulsierende Stadtmitte: nur fünf Minuten zu Fuß entfernt. Trotzdem sei man „fernab vom totalen Trubel“. Er genieße die Ruhe.

Die ärztliche Versorgung auf Sylt sei aber schlecht. „Wer ernsthaft krank ist, der stirbt auf dem Weg zum Festland.“ Der Gemeinde wirft er mit Blick auf das ausgedünnte Insel-Krankenhaus „politisches Versagen“ vor. Jetzt ist der Wahl-Sylter so richtig in Fahrt, sagt, an den überhitzten Immobilienpreisen seien die Sylter nicht ganz unschuldig. Sie müssten ja nicht alles immer sofort verscherbeln.

Viele Makler seien dreist, „die rennen hinter den Särgen her“ - versuchten schon während der Beerdigungen der Toten von deren Erben die Häuser anzuwerben. Jetzt ist aber genug geschimpft. Der Mann, der trotz der herben Kritik keinesfalls wegziehen will von der Insel, widmet sich wieder seiner Hecke.

Zurück in St. Niels. Am späten Vormittag schaut Regine Erken im Gotteshaus vorbei. Sie ist die Küsterin der Kirchengemeinde und lebt seit 1980 auf Sylt. Alt-Westerland, sagt die gelernte Krankengymnastin aus Hessen, sei „immer noch ein Dorf“.

Ihre 29-jährige behinderte Tochter sei hier aufgewachsen, „jeder kennt sie“. Ihren Posten bei der evangelischen Kirche bezeichnet Frau Erken als Traumjob: „Ich höre mir während der Arbeitszeit viele gute Predigten an.“

Nächste Folge: Um 11 Uhr im

Gewerbegebiet Tinnum




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