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MUTPROBE : „Nun gibt es kein Zurück mehr“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Wie es sich anfühlt, drei Kilometer über Sylt mit 300 Stundenkilometern aus einer kleinen Tür zu stürzen, hat unser Reporter Bruno Pischel am eigenen Leib getestet

Frei wie ein Vogel durch die Luft geflogen bin ich in meinem Leben schon oft. Allerdings nur im Traum. An die reale Alternative, das Fallschirmspringen, habe ich mich nie herangetraut. Zu extrem, zu lebensmüde. Obwohl ich gerne Achterbahn fahre und im Schwimmbad mit vollem Einsatz vom Ein-Meter-Brett springe: Ich muss nicht mit einem Flugzeug bis kurz vor den Mond fliegen, um dort eine Tür zu öffnen, auszusteigen und mit der Geschwindigkeit eines Kometen gen Erde zu rasen. Dieses Szenario ist von der Natur für Menschen einfach nicht eingeplant. So meine Überzeugung bis vor ein paar Tagen. Dann kam ein Anruf aus der Redaktion der Sylter Rundschau: „Hallo Bruno, Du musst Fallschirmspringen, ein Tandemsprung, morgen, hier traut sich sonst keiner“. Ich habe nicht überlegt, sondern sofort „Ja, mache ich“ gesagt. Das war wohl besser so.


Mischung aus Zirkus und Chill-Out-Zone


Die Dropzone der Firma „Seventhsky“ liegt unmittelbar am Sylter Flughafengelände. Genauer gesagt neben Halle 74. Halle 74 liegt zwischen Marine Golfclub und Halle 28. Halle 28 ist bekannter als Halle 74, aber das ist eine andere Geschichte. Zwischen April und Oktober schlagen hier die Skydiver, wie Fallschirmspringer auch genannt werden, ihr Lager auf. Dieses gehört ebenso zur Dropzone wie der Landeplatz nebenan, so heißt das Gebiet der Fallschirmspringer. Dieses Camp sieht aus wie eine Mischung aus Zirkus-Backstage-Bereich und Chill-Out-Zone. In einem 50 Quadratmeter großen Zelt hängen bunte Anzüge, neonfarbene Helme, überall liegen Backpacks, Strippen und Fallschirmseide. Profis falten hoch konzentriert riesengroße Schirme auf Rucksackformat zusammen. Vor dem Zelt räkeln sich in Hängematten junge Menschen, die hinter einer Sonnenbrille ihre Nervosität vor dem Erstsprung verbergen. Und andere, die sich durch einen Fall aus dem Weltall noch einmal jugendlich fühlen möchten. Daneben, in einer liebevoll angemalten Gartenhütte, ist das Büro von Seventhsky untergebracht. Hier hält Heike Almeling die Strippen in der Hand. Regelt den Papierkram am Boden. Und bestimmt, wer wann mit wem in die Luft gehen wird. Dort muss ich schriftlich einwilligen, dass ich auf Regress größtenteils verzichte. Im Falle eines Falles. Was mich wieder daran erinnert, dass ich gleich in 3000 Metern Höhe aus einer winzigen Cessna-182 springen werde. Notlos.

Um die körperlichen und koordinativen Anforderungen während des Sprungs sorge ich mich nicht. Kann mich aber nicht von dem Gedanken trennen, eines der seltenen Quoten-Opfer zu werden, bei dem sich dummerweise weder Hauptschirm noch Reserveschirm öffnen. Passiert so gut wie nie. Aber ich bin vorbelastet: Bei einem Reitausflug mit zehn Pferden sitze ich garantiert auf dem Gaul, der durchgeht. Beim Kart-Racing am Kindergeburtstag verreckt von 50 Rennsemmeln ausgerechnet mein Motor. Und so weiter. Die Liste ließe sich mannigfaltig fortführen. Allein deshalb interessiert mich die Sicherheit der Schirme ganz besonders. Heike Almeling beruhigt mich: „Von 3500 Sprüngen, die ich bisher absolviert habe, ist zwei Mal der Hauptschirm nicht aufgegangen, dafür aber der Reserveschirm.“ Es sei wahrscheinlicher, dass ich an der Treppe zu Halle 74 stolpere, mir den Fuß verknackse und so unglücklich stürze, dass mein Genick bricht. Wenn die von den Pferden und Rennsemmeln wüsste ...

Immerhin haben wir perfektes Wetter, Sylt ist aufgrund des tollen Panoramas aus der Vogelperspektive ein beliebtes Ziel von Springern aus aller Welt ist. Deutschlandweit sogar der einzige Ort, an dem von April bis Oktober durchgehend gesprungen wird. Zurzeit feiern sie bei Seventhsky den Inselboogie – das bedeutet, dass bis zu 35 Loads pro Tag geflogen werden. Loads, so heißen die Flüge mit je vier Springern an Bord der kleinen Shuttle-Cessna. Ich bin heute in Load 7. Gerade ist Load 5 auf der Landewiese mit zwei Tandemspringern sicher gelandet, Load 6 geht just in die Luft. Nun wird es ernst.

Jetzt erst lerne ich Täs kennen. Täs ist mein Tandem-Master, 45 Jahre alt und heißt im echten Leben Frank Täsler. So nennt ihn auf der Szene aber keiner. Täs, nein, damals noch Frank, war in seinem alten Leben Telefonanlagen-Installateur bei Siemens. Verdiente gut und hatte Lust auf regelmäßiges Einkommen und eine schöne Rente, bevor er in die Kiste springt.


      Er nimmt sich Will Smith
und Prinz Harry zur Brust


Dann entdeckte er das Fallschirmspringen und alles kam anders. Er wurde Profi, fliegender Kameramann und Tandem-Master. Hängte seinen alten, sicheren Job an den Nagel. Inzwischen verdient er am Himmel spielend dreimal so viel wie in seinem alten Job am Boden. Residiert mit seiner Familie seit ein paar Jahren im 81. Stockwerk vom „Princess Tower“ in Dubai. Nimmt sich am Himmel des Emirats Kapazitäten wie den Prinz von Dubai, Schauspieler Will Smith oder Prinz Harry zur Brust und rast mit ihnen im Doppelpack zu Boden. Der Mann, dem Celebreties und Blaublüter vertrauen. Zurzeit macht er drei Monate Pause vom Golfstaat, tingelt mit seinem Wohnmobil durch das alte Europa. Verdient sich ein paar harte Euros dazu, in dem er Menschen wie mich aus dem Flugzeug schubst.

Gleich werde ich also vor Täs geschnallt in die Tiefe stürzen. Angeheftet an einen Menschen, den ich erst eine halbe Stunde kenne. Dem ich aber trotzdem mein Leben anvertraue. „Ich quäle dich lieber nicht mit zu viel Theorie“, sagt er. „Denn wenn Du da oben auf 3000 Metern an der offenen Tür sitzt, kann es sein, dass du alles vergisst, was ich dir erzählt habe“.


Er trägt die Schirme, die uns das Leben retten


Ich soll beim Ausstieg die Hände vor der Brust lassen, leicht ins Hohlkreuz gehen und die Füße zum Hintern klappen. Auf keinen Fall darf ich in dieser Phase hinter meinem Kopf mit den Armen rumnesteln. Das könnte tödlich sein, merkt Täs nebenbei an. Merke ich mir. Kurz vor dem Einstieg in die Maschine lege ich eine Art Körper-Geschirr an. Auf meinem Rücken trage ich statt Fallschirm vier große Ösen; an denen werde ich kurz vor dem Absprung mit Karabinern an Täs Brust verbunden. Und Täs trägt die Schirme, die uns das Leben retten sollen.

Rein in die Cessna. Mit zwei Profis sowie Täs und mir im Gepäck. In gut 15 Minuten schraubt sich der kleine Flieger auf 3000 Meter Höhe. Die Luft wird immer dünner. Es ist eng an Bord, vier Springer plus Pilot teilen sich drei Quadratmeter zum Sitzen. Aber der Blick von so weit oben entschädigt, die Insel ist auch aus dieser Perspektive wunderschön. Klare Sicht, keine Wolke am Himmel. Als wir kurz vor Absprunghöhe sind, zählt der Pilot die letzten drei Minuten herunter. Der erste Springer macht die Tür auf, ein kalter Wind flutet den Raum der Maschine. Kurze Besinnung: Ein Testament habe ich nie verfasst. Wer bekommt eigentlich meine Plattensammlung? Habe ich zuhause Dinge liegen lassen, die mich im Todesfall diskreditieren könnten? Egal. Die beiden Routiniers springen zuerst aus dem Flugzeug. Mit einem Grinsen, das bis zu den Ohren reicht. Wie in einem Bond-Film drücken sie sich aus dem Fensterrahmen. Tschüss, bis gleich. Na hoffentlich.

Jetzt sind wir an der Reihe. Eingeklinkt an meinen Tandem-Master robben wir rückwärts zur Türöffnung. Täs streckt zuerst sein linkes Bein aus der Luke auf die kleine Fläche des Alu-Riffelsblechs über dem Fahrwerk der Cessna. Dann folgen meine Beine und Täs’ rechtes Bein. Er sagt: „Nun gibt es kein Zurück mehr“ und schubst mich sanft in die Tiefe. Der Wahnsinn beginnt. Ein zuvor nie gekanntes Geschwindigkeitsgefühl betäubt meine Sinne. Mit 300 Stundenkilometern stürzen wir die ersten Meter gen Erde. Ich bin berauscht vom freien Fall. Meine Gesichtsmuskeln können gegen so viel Gravitation nicht anarbeiten; ich merke, wie mir die Mimik komplett entgleist. Jetzt zieht Täs den Bremsfallschirm. Ein sehr kleiner Schirm, der uns aber immerhin von 300 km/h auf 200 km/h abbremst. Damit ich den freien Fall etwas länger genießen kann. Und mir nicht die Brille wegfliegt.


Westerland im Miniatur-Format


40 Sekunden dauert der Flug ohne Hilfsmittel. Dann, auf 1500 Metern über dem Boden, zieht Täs die Leine, die den Hauptschirm aus seinem Rucksack befreit. Es ruckt heftig. Die Situation entspannt sich aber sofort, weil wir statt 50 Meter nur noch fünf Meter pro Sekunde gen Erde fallen. Ich darf sogar in die Lenkschlaufen greifen und die Insel im Trudeln inspizieren. Ich sehe Föhr, Amrum, Röm. Und Westerland im Miniatur-Format. Kann sogar mein Zuhause in Braderup erspähen. Ach, so sieht das Rantum-Becken also von oben aus.

Nach dreieinhalb Minuten landen wir sicher auf der Wiese neben dem Camp. Ich habe überlebt! Vielleicht gehe ich eines Tages wieder in die Luft. Vielleicht aber auch nicht.

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erstellt am 11.Aug.2016 | 04:54 Uhr

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