Strandgut : Novemberaner und Hackfleisch

Rundschau-Redakteurin Friederike Reußner.
Rundschau-Redakteurin Friederike Reußner.

In der SR-Kolumne Strandgut hadert Redakteurin Friederike Reußner mit Sylt im November.

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02. November 2013, 15:00 Uhr

Unbestritten ist der November, vielleicht mit Ausnahme des Februars, der scheußlichste Monat des Jahres. Wenigstens ist dieser November ehrlich: Er beginnt mit widerlichem Wetter und dem Welt-Vegantag, beides eher freudlose Angelegenheiten. Das Ansinnen der Veganer wird auf Sylt allerdings perfide untergraben: Das Burgerrestaurant verteilt zum Tag ohne Tierprodukte Angebotscoupons. Mit Skrupeln im Hirn und 3 000 Kalorien auf der Zunge begehe ich den Novemberanfang also frei nach der Liedzeile der Band Deichkind: „Ich winke dem Veganer mit dem Mund voller Hackfleisch.“

In ganz Deutschland ist dieses Verhalten und allgemein gereizte Stimmung in diesem Monat aus der Hölle gesellschaftlich akzeptiert – bloß auf 44 Kilometern in der deutschen Nordsee nicht. Denn als wahre Sylt-Freunde gelten jene Menschen, die den November und all die Pfui-Bah-Monate, die ihm folgen, von ganzem Herzen lieben. In ihren tropfenden Allwetterjacken sitzen sie in den Cafés,die Bäckchen rot von der frischen, frischen Luft wärmen ihre Hände am Heißgetränk mit Schuss und schwärmen von der Ruhe auf der Insel, der Idylle, davon, dass sie auf ihrer Strandwanderung zwischen Rantum und Kampen – diese Menschen sind extrem beharrliche Läufer – nur drei anderen Spaziergängern begegnet sind („Heeeerlich!“).

Novemberaner auf Sylt. Ich stelle sie mir nach ihrer Wanderung so vor: Sie lesen sich zum Einschlafen gegenseitig ein paar traurige Gedichte von Storm vor, während draußen der Wind die Terrassenmöbel und den Nachbarshund davon trägt. Verstehen Sie mich nicht falsch – die Novemberaner machen es unbestreitbar richtig, damit haben sie mit den Veganern etwas gemein. Es kann nur nicht jeder ohne Burger leben. Oder mit Sylt Grau in Grau. Menschen wie mir bleibt nichts anderes übrig, als sich von den Novemberanern gelegentlich an die frische Luft locken zu lassen. Um dadurch im Anschluss einen Grund zu haben, sich den November mit vielen Heißgetränken mit Schuss schön zu trinken.

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