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RWE sucht Depot in NF : Nordfriesland als Endlager für Kohlendioxid?

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Soll der Norden Nordfrieslands eine Adresse für die Einlagerung von Kohlendioxid werden? Der Konzern RWE hat bereits bodenkundliche Untersuchungen beantragt. Inzwischen formiert sich der Widerstand in der Region, denn dieses Verfahren ist keineswegs erprobt.

shz.de von
erstellt am 22.Mai.2009 | 09:47 Uhr

Nordfriesland | Das nördliche Nordfriesland und Schleswig-Flensburg sind ebenso wie Ostholstein als Lagerstätten für Kohlendioxid aus Kohlekraftwerken für den Energie-Riesen RWE interessant geworden. Durch Salzstollen in über 1000 Metern Tiefe sollen in den drei Kreisen günstige Voraussetzungen existieren (wir berichteten). Der Konzern plant, in Zusammenarbeit mit dem Land Schleswig-Holstein die Möglichkeiten der CO2-Einlagerung zu erkunden. Das Projekt wird vom Wissenschafts- und Umweltministerium unterstützt und soll vom Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie in Clausthal-Zellerfeld genehmigt werden.

Doch bevor nach Ostholstein nun in Nordfriesland und Schleswig-Flensburg bodenkundliche Untersuchungen mit Spreng- und Messteams beginnen dürfen, müssen Kreise und Ämter als Träger öffentlicher Belange Stellung beziehen: bis zum 15. Juni. An diesem Tag werden Haupt- und Umweltausschuss des nordfriesischen Kreistages gemeinsam tagen, um das wichtige Papier anschließend sofort auf den Weg zu bringen.
Transport per Pipeline

Der Eingriff in Natur und Landschaft für diese Art der Deponierung wäre gewaltig: Immerhin muss eine 530 Kilometer lange Pipeline das von RWE geplante CCS-Kraftwerk in Hürth (Nordrhein-Westfalen) mit den potenziellen Speicherstätten im Norden verbinden. Ende 2014 soll die Versuchsanlage mit einer Leistung von 450 Megawatt in Betrieb gehen - jährlich 2,6 Millionen Tonnen Kohlendioxid müssten dann Richtung Norden transportiert werden.

Der Entwurf eines Gesetzes zur Regelung von Abscheidung, Transport und dauerhafter Speicherung von Kohlendioxid - kurz CCS-Gesetz (Carbon Capture and Storage) - ist in erster Lesung im Bundesrat gescheitert. Von der CCS-Technologie verspricht sich die Bundesregierung, Kohle weiter nutzen zu können und dennoch nicht dem Ziel der Europäischen Union, den CO2-Ausstoß bis 2020 um 20 Prozent zu reduzieren, zuwider zu handeln. Die Länder haben nun mit Verweis auf zahlreiche technische, ökologische als auch finanzielle Fragen den Regierungsentwurf nicht verabschiedet. Eine zentrale Forderung des Bundesrates zielt auf eine "bessere Verteilung der Lasten und Risiken" zwischen Bund, Ländern und Betreibern. So verlangt er vom Bund, die mit den noch nicht erprobten Deponien verbundenen Risiken allein zu tragen. Dies sei angemessen, da noch nicht abgesehen werden könne, ob die dauerhafte Speicherung tatsächlich ungefährlich sei. Deshalb wollten sich Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern die Gefahren einer unterirdischen Speicherung in ihren Ländern auch mit einer "Speicherabgabe" vergüten lassen. Der Antrag hat im Bundesrat jedoch keine Mehrheit gefunden.
Land stehe hinter CCS-Technologie

Schleswig-Holsteins Umweltminister Dr. Christian von Boetticher hatte im Vorwege argumentiert, dass bei der Nutzung von CCS für die Unternehmen Kosten für "CO2-Emissions-Zertifikate" entfallen. "Ich möchte noch einmal betonen, dass Schleswig-Holstein hinter der CCS-Technologie steht. Hierzu sind allerdings umfangreiche Untersuchungen notwendig, um die vom Gesetz geforderte Sicherheit für unsere Bevölkerung zu gewährleisten", ließ der Minister über seine Pressestelle erklären. "Die CCS-Technologie halten wir mittelfristig für unverzichtbar, wenn wir die von uns selbst gesteckten Klimaschutz-Ziele insbesondere angesichts des weltweit zu erwartenden Ausbaus von Kohlekraftwerken erreichen wollen", betonte von Boetticher. Bei einem Erfolg der Abscheidung und Speicherung in Deutschland könnte dies zum Export-Schlager werden und in Ländern, die auf heimische Kohle nicht verzichten und entsprechende Speichermöglichkeiten haben, den Ausstoß von Kohlendioxid bremsen.
Speicher für Erneuerbare Energien nicht mehr zu nutzen

Doch das sind Zukunftsträume, denn ob sich die Deponierung des Treibhausgases bewähren wird, steht noch in den Sternen. Die weltweit erste Pilotanlage eines CO2-freien Braunkohlekraftwerkes ist erst im September 2008 von dem Konzern Vattenfall in Spremberg (Brandenburg) in Betrieb genommen worden. Von dort aus werden in den nächsten drei Jahren 100.000 Tonnen CO2 per Lkw in die Altmark (Sachsen-Anhalt) transportiert und unterirdisch gelagert. Die Erkenntnisse hieraus sollen dann bis 2015 in den Bau einer Demonstrationsanlage mit 500 Megawatt im Lausitzer Kraftwerk Jänschwalde einfließen. Die Grundlage für eine solche Anlage muss per Bundesgesetz geschaffen werden.

"Diese Technik stützt überholte Strukturen der Energieversorgung und bremst die weitere Entwicklung erneuerbarer Energien aus, die wir aus Klimaschutzgründen so dringend brauchen", warnt der Präsident des Bundesverbandes Windenergie, Hermann Albers aus Simonsberg. Abgesehen von den Risiken sei die CCS-Technik selbst bisher nicht erprobt und gesichert und berge auch nach Meinung von Experten unbekannte und unkalkulierbare Gefahren, betont Albers.
Dauerhafte Lagerung giftiger Gase?
Zudem wären unterirdische CO2-Lagerstätten für die Speicherung erneuerbarer Energien (EEG) nicht mehr zu gebrauchen, die derzeit ebenfalls erforscht werde. Auch eine mögliche geothermische Nutzung sei in einem solchen Fall ausgeschlossen. "Und da Nachfolgestrategien nicht absehbar sind, müssen wir davon ausgehen, dass wir es hier mit der Endlagerung großer Mengen giftigen Gases zu tun bekommen." Albers verweist zudem auf Auswirkungen auf den für die Region wichtigen Wirtschaftszweig Tourismus: "Wer will schon gern das Gefühl haben, auf einem Endlager Urlaub zu machen?"

CCS schreibe eine Dinosaurier-Technik fest, kritisiert auch Carl-Heinz Christiansen, Vorsitzender des nordfriesischen Bundes für Umwelt- und Naturschutz (BUND) und stellvertretender BUND-Landesvorsitzender. Dabei würden Studien inzwischen belegen, dass der Energiebedarf zu 100 Prozent mit erneuerbaren Energien zu decken sei. Um Windenergie wetterunabhängig anbieten zu können, wollen Betreiber auch Druckluft zum Antrieb von Turbinen nutzen. Diese Druckluft könnte in unterirdischen Thermen gespeichert werden - eben den Speicherplätzen, auf die RWE nun ein Auge geworfen hat. Christiansen: "Der Ausbau erneuerbarer Energien wird dadurch behindert."
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Gas trete im Laufe der Zeit sicherlich weiträumig aus
Im Gesetzentwurf sei bisher vorgesehen, dass die Hersteller 30 Jahre haften. Die Lagerung müsse aber tausende von Jahren gewährleistet werden. "Das Atommüll-Lager Asse in Niedersachsen wurde gerade mal 25 Jahre alt und schon fingen die Probleme an." Christiansen stellt außerdem die Effizienz der neuen Kohlekraftwerke in Frage. Zehn Prozent der erzeugten Leistung würden allein für die Verdichtung und den Transport des CO2 gebraucht.

Der Kreisvorstand der nordfriesischen SPD spricht sich ebenso wie der SSW gegen die Lagerung von CO2 unter der Erde aus. Das Gas würde im Laufe der Zeit mit "absoluter Sicherheit" weiträumig wieder austreten und so die "hier noch gesunde Natur" gefährden. Da das "zu verpressende Verbrennungs-Gas" auch andere umweltschädliche Bestandteile enthalte, sei auf Dauer die Vergiftung des gesamten Raumes zu erwarten: Als erstes werde das Grundwasser negativ belastet. "Bei größeren Lecks, deren Auftreten ebenfalls nicht mit Sicherheit auszuschließen ist, könnten sogar Weide-Tiere und auch spielende Kinder gefährdet werden", so die Sozialdemokraten in einer Mitteilung. In jedem Fall würde sich durch das Einbringen von solchen gewaltigen Mengen von Kohlendioxid unter hohem Druck die Erdoberfläche an manchen Stellen derart stark bewegen, dass sich Risse in Gebäuden bilden. "Die nordfriesische SPD ist entschlossen, sich mit ganzer Kraft gegen diesen Versuch zu stemmen, auf Kosten unserer Menschen und unserer Natur, den Profit der Konzerne zu mehren", erklärt ihr Vorsitzender Horst Deyerling.
Anhörung zum Thema CO2-Lagerung

Der Umweltausschuss des Kreistages lädt für Mittwoch, 3. Juni, von 13 bis 17.20 Uhr zu einer öffentlichen Anhörung zum Thema in den Sitzungssaal des Kreishauses in Husum ein. Den technischen Hintergrund erläutert Prof. Dr. Andreas Dahmke vom Institut für Geowissenschaften an der Universität Kiel. Zum Stand der Forschung und Entwicklung sprechen Dr. Gabriela von Goerne von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (Hannover) und Dr. Felix Christian Matthes vom Öko-Institut in Berlin. Weitere Redner sind: Dr. Gustav Sauer aus dem Ministerium für Wissenschaft, Wirtschaft und Verkehr, Heiko Oppermann, Projektleiter bei RWE Dea, Alexander Boehringer aus dem Umweltbundesamt und Tobias Münchmeyer von Greenpeace.
Carbon Capture and Storage (CCS)
Bei der CCS-Technologe wird das Kohlendioxid, das beim Verbrennen der Kohle entsteht, nicht in die Luft geblasen. Stattdessen wird das sogenannte Treibhausgas abgetrennt und verflüssigt.

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