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Folgen der NS-Zeit auf Sylt : Nicolaus Ehlers: Ein Sylter Schicksal

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Der Sylter SPD–Politiker Nicolaus Ehlers überlebte das KZ Sachsenhausen. Später sprach er sich offen gegen Heinz Reinefarth aus.

Ein Besuch auf Sylt und die Lektüre des jüngst erschienen Buches „Wie der Nationalsozialismus die Insel Sylt eroberte“ riefen bei der südlich von Kopenhagen lebenden Marianne Nielsen ein Stück Familiengeschichte in Erinnerung, das von Verfolgung, Widerstand und einem tragischen Lebensende gekennzeichnet war.

Eine große Mappe liegt auf dem kleinen Tisch eines Westerländer Cafes, behutsam entnimmt ihr die 68-Jährige alte Zeitungsauschnitte, Dokumente, Briefe. Fotos zeigen einen eleganten, gut aussehenden Mann. Er lächelt beim Tanz mit seiner Frau in die Kamera, streicht auf einer anderen Fotografie konzentriert den Cellobogen. Es ist ihr Vater Nicolaus Ehlers. Nur ein kurzes Leben war ihm vergönnt, und dieses hatte ihm viel auferlegt.

1907 in Westerland geboren, arbeitete Nico Ehlers nach der Schule bei der örtlichen Post. Dass er sich als Mitglied der SPD engagierte, wurde ihm schon bald zum Verhängnis. Kaum drängten die Nationalsozialisten 1933 an die Macht, wurde er aus dem Postdienst entlassen und schlug sich fortan mit anderen Tätigkeiten durch.

Doch es kam noch schlimmer: Als er in einem Gespräch seine antifaschistische Haltung bekundete, wurde er denunziert, in Untersuchungshaft genommen und schließlich 1942 in das Konzentrationslager Sachsenhausen überstellt.

„Es war ein großes Glück, dass er dieses Martyrium überlebte – er hatte sich beim Roten Kreuz als Däne ausgegeben und wog bei seiner Entlassung kurz vor Kriegsende weniger als 50 Kilogramm“, weiß seine Tochter. Nico Ehlers siedelte dann zunächst nach Dänemark über, wo er eine Dänin heiratete und deutsche Vertriebene unterrichtete. Ende 1949 kehrte die Familie nach Sylt zurück, wo Ehlers an seine berufliche Tätigkeit bei der Post anknüpfte.

Doch die Auswirkungen der Nazi-Ära waren noch nicht getilgt: Als Nico Ehlers, inzwischen für die SPD im Westerländer Stadtrat, 1958 von ersten Hinweisen erfuhr, die Westerlands Bürgermeister Heinz Reinefarth mit der blutigen Niederschlagung des Warschauer Aufstands in Verbindung brachten, verlangte er die Beurlaubung des Bürgermeisters. Fast alle Stadtvertreter lehnten dieses Ansinnen ab – und Ehlers zog seine Konsequenzen: Er legte alle Ämter nieder.

„Diese Vorgänge sind meinem Vater sehr nahe gegangen“, berichtet Marianne Nielsen. Und vielleicht spielte dieser Umstand auch eine Rolle bei dem Tod, der Ehlers wenige Monate später ereilte: Am zweiten Weihnachtstag des Jahres 1958 verstarb er im Alter von erst 51 Jahren an den Folgen eines Autounfalls, dessen Ursache nie geklärt werden konnte. „Vielleicht war er wie so oft in dieser Zeit mit seinen Gedanken woanders“, mutmaßt seine Tochter.

Erst am Grab wurde Ehlers die angemessene Anerkennung zuteil: Er habe staatsbürgerliche Verantwortung übernommen, sei unbeirrt seinen Weg gegangen und habe dafür im KZ leiden müssen, betonte der Pastor bei der Trauerfeier unter großer Beteiligung und Anteilnahme. „Die deutsche Sozialdemokratie hat einen tief überzeugten Gefährten verloren“, vermerkte die Presse in einem Nachruf.

Und die Westerländer SPD schrieb in einer Beileidsanzeige: „Er war ein Kämpfer für unsere Idee und wich trotz aller Bedrängnis nie von seiner Idee ab.“
In diesen grauen Herbsttagen stand Marianne Nielsen wieder einmal vor dem Grab ihres Vaters in Westerland. Sein Schicksal hat sie zeitlebens begleitet. Privat, aber auch beruflich: Als Deutschlehrerin an einer dänischen Handelsschule „haben wir die Nazi-Zeit oft thematisiert“. Die Lektüre des neuen Buches über das Aufkeimen des Sylter Nationalsozialismus wühlte wieder viel in ihr auf. „Ich musste es zwischendurch immer wieder weg legen. Es ist unfassbar, was man Menschen damals angetan hat.“

Die Nazis aber konnten die Moral ihres Vaters dennoch nicht brechen. In einem Brief an eine Verwandte schrieb er 1947: „Du musst nicht denken, dass ich irgendwie rachsüchtig bin, auch gönne ich keinem Menschen etwas Schlechtes.“



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