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Sylter Rundschau

20. Oktober 2017 | 14:37 Uhr

Nicht jeder Tag ein Sonnentag

vom

Deutschlands bekanntester Liedermacher liebt Sylt, leidet unter Lampenfieber und hat kein Problem mit dem Alter - ein Spaziergang mit Reinhard Mey

shz.de von
erstellt am 17.Aug.2013 | 07:26 Uhr

Sylt | Hier ein kurzes "Moin", dort ein freundliches "Hallo" und jeder, der ihn direkt anschaut, bekommt ein kleines Lächeln zurück. Während sich andere prominente Zeitgenossen auf Sylt gerne mit Sonnenbrille, Basecap und Schlabber-Pulli tarnen, um möglichst nicht erkannt zu werden, taucht Reinhard Mey zum gemeinsamen Spaziergang über die Braderuper Heide in weißem Hemd, Jeans, weißen Turnschuhen und mit offenem Visier auf. An jedem Schritt, an jeder Geste merkt man: Hier fühlt sich Deutschlands bekanntester Liedermacher zuhause. Wann immer es geht, verbringt der in Berlin lebende Sänger mit seiner Frau Hella ein paar Tage im Kampener Ferienhaus, springt im Sommer morgens in die Fluten, dreht seine acht Kilometer lange Joggingrunde, ist fasziniert vom blitzartig wechselnden Wetter, füllt die Computerfestplatte mit Meer-Fotos oder lässt es sich bei Muffel im Dorfkrug gut gehen. "Sylt ist unsere Zuflucht", sagt der 70-Jährige, dessen mittlerweile 26. Studio-CD "Dann machs gut" in diesem Sommer wenige Wochen nach Erscheinen Platz eins der deutschen Album-Charts erklommen hat.

Ein Erfolg, der für Reinhard Mey auch nach fast 50 Jahren und hunderten Liedern - von denen einige längst zum deutschen Kulturgut gehören - noch immer keine Selbstverständlichkeit ist. Der Satz "für Beifall gibt es keine Garantie", klingt mit seiner weichen, sanften Stimme längst nicht so abgedroschen wie aus anderer Künstler Münder - eher wie eine Zeile aus einem seiner Lieder. Jene Lieder, mit denen er in gut einem Jahr wieder auf Konzerttour gehen wird, wie er es alle drei Jahre tut.

62 Konzerte in 62 Tagen - in der Regel alle lange vorher ausverkauft. Doch seine Bühnenerfahrung verhilft ihm dabei weder zu Routine, noch zu Sicherheit, wie er gesteht: "Das Lampenfieber wird mit den Jahren eigentlich immer schlimmer. Das erste Lied am ersten Abend ist für mich jedes Mal eine Qual." Daran ändert auch nichts, dass er einige Stunden vor jedem Auftritt als eine Art Meditation das gesamte Konzert einmal nur für sich alleine durchspielt - alle 24 bis 27 Lieder. In Kürze wird er mit den Proben beginnen, damit auch diese Tour "ein Fest mit 60 schönen Erlebnissen" wird. Für das Publikum und für ihn selber. "Meine Motivation ist, dass auch das letzte Konzert noch Spaß macht."

Vielleicht ja so viel Spaß, wie ein langer Herbstspaziergang am Meer. "Als junger Mann gab es für mich nur Südfrankreich - heute habe ich erkannt, dass nicht jeder Tag ein Sonnentag sein muss", sagt der von der rauen Schönheit der Insel begeisterte "Wetter-Junkie", während am Himmel über dem Watt gerade die Sonne die Oberhand über die Wolken erringt. "Das binnen kürzester Zeit wechselnde Wetter, das immer wieder neue Lichterspiel an wohlbekannten Plätzen - die Insel bietet einem wirklich alles. Mal ist es wie in der Karibik, mal wie auf Grönland", schwärmt Reinhard Mey von der Insel, die er seit über 20 Jahren als zweites Zuhause betrachtet. "Unser Haus in Kampen war neben meiner Frau und meinem Beruf die beste Entscheidung meines Lebens. Dort haben wir die glücklichsten Stunden verbracht."

Anfangs mit Kind und Kegel, heute oft zu zweit. Die eigenen Kinder sind längst erwachsen, Reinhard Mey ist mittlerweile Großvater. "Ich empfinde das als großes Glück. Es ist wunderbar, aber auch schwer. Als Großvater hat man noch mehr Ängste, dass etwas passiert, als bei den eigenen Kindern - und man wird sich des körperlichen Alterns bewusst." Ein unvermeidbarer Prozess, dem er jedoch gelassen ins Auge zu sehen scheint. "Ich habe keine Sehnsucht, nochmal jung zu sein", sagt der irgendwie alterslos wirkende Siebzigjährige. Vielleicht, weil er innerlich nie richtig alt geworden ist. Einen anderen Grund liefert er selbst: "Ich habe mein Leben in jeder Phase genossen und weiß, dass es irgendwann aufgezehrt ist." Die Voraussetzungen, dass dieser Moment noch auf sich warten lässt, sind zumindest gut: Mey ist Vegetarier, hat vor 35 Jahren mit dem Rauchen aufgehört, joggt - "mehr meditativ als für die Fitness" - und hat höchstwahrscheinlich gute Gene. "Mein Vater starb mit 89 Jahren, meine Mutter wurde 94. Und ich fühle mich mit 70 richtig wohl."

Auf den wundesten Punkt seines ansonsten vom Glück begünstigten Lebens kommt Reinhard Mey am Ende des Spazierganges von selbst zu sprechen, während die ersten Regentropfen fallen: "Es ist jetzt Teil meines Berufes, mehr denn je für unser krankes Kind zu sorgen." Sohn Max liegt seit 2009 als Folge einer verschleppten Lungenentzündung im Wachkoma. Eine "schwere und bittere Erfahrung", wie Mey mit wohl bedachten Worten sagt. Die Frage, ob es ihm schwer gefallen sei, das Schicksal von Max zu akzeptieren, ist die einzige dieses Spazierganges, die er nicht direkt beantwortet. "Es ist unser Leben", sagt er schlicht. Um sich gleich darauf über das Sylter Wetter an diesem Tag zu freuen: "Ist doch toll. Es war wieder von allem etwas dabei."

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