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Literatur auf Sylt : Neuer Roman über „Revolte der Sylter Gutmenschen"

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Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Mit seinem Debüt-Roman „Syltopia“ legt der bekannte Sylter Naturschützer Lothar Koch die Geschichte einer „Revolution auf der Insel“ vor. Damit liefert er besten Stoff für die Diskussion um die Zukunft der Insel.

shz.de von
erstellt am 22.Jun.2015 | 10:58 Uhr

„Syltopia“ heißt das neue Buch des Sylter Biologen und engagierten Naturschützers Lothar Koch. Nach seinem viel beachteten Erlebnisführer „Natürlich Sylt“ (Feldhaus Verlag) legt Koch mit seinem ersten Roman eine „Doku-Fantasy aus dem Jahr 2050“ vor, in der er von einer Revolte auf Sylt erzählt, die die Insel in ein wahres Öko-Paradies mit tiefenentspannten Bewohnern führt. Auch der Tourismus wandelt sich in Kochs amüsant geschriebener Vision grundlegend in Richtung: „Natur, Gesundheit und heilsamen Genuss“.

Der Hindenburg-Damm wird weggesprengt, die Urlauber kommen mit dem Schiff oder per „Solar-Zigarre“, einem elektrisch betriebenem Luftschiff, in langsamer Fahrt und für mindesten drei Wochen (kürzere Aufenthalte werden nicht mehr geduldet) auf die Insel, die ihnen dann nur noch ausgewählte Bio-Hotels und viele private Unterkünfte bietet. Urbane Hässlichkeiten und marode Kasernenbauten werden abgerissen. Sylt wird zur EU-geförderten Vorbild-Destination mit der Anmutung vom Auenland der kleinen Hobbits, auf der vegane Ernährung die Küchen und Teller beherrscht.

Den Wandel von einer durch „Gewinnmaximierung um jeden Preis“ geprägten Insel („Die Machenschaften des Kartells, die Verödung der Inselorte, der stinkende Autoverkehr, die Drogen, die Kommerzialisierung von fast allen Lebensbereichen“) zu dem neuen Wohlfühlort hat die Bewegung RIF gebracht. Die drei Buchstaben stehen für „Rückschritt ist Fortschritt“. „Ich weiß, dass sich das wie eine altbacken wirkende Provokation anhört, sagt Koch, aber wer das Buch liest, wird verstehen, das Rückschritt unheimlich modern sein kann“, lacht Koch im Interview.

Kopf der RIF ist ein philosophischer Ur-Sylter „Häuptling“ Namens Urdig. Lothar Koch lässt Urdig erzählen, wie der mentale, touristische und wirtschaftliche Wandel auf Sylt überhaupt möglich wurde. Durch eine Revolte mit einem speziellen Stoff der den Wunsch auslöst, „nach Hause zu gehen“. Wie das genau geschieht, ist einer der „durchgeknallten“ Höhepunkte des Buches und sei deshalb hier nicht verraten. Urdig erzählt: „Nachdem alle Bewohner, in deren Herz nicht die Insel wohnte, Sylt freiwillig verlassen hatten, leiteten wir Phase 2 unseres Befreiungsplanes ein. Jetzt waren wir unter uns und viele Insulaner verspürten den unwiderstehlichen Drang, etwas Uneigennütziges für ihre Heimatinsel zu tun“. Dann holt Koch mit einem reichen Strauss an Ideen aus, was seine Zukunftsgesellschaft auf Sylt alles verändern könnte.

Im Jahr 2050 ist es die auf Sylt bei ihrer Mutter Conny Wein groß gewordene Hanna Lundt, die als erfolgreiche, aber ziemlich kaputte New Yorker Journalistin erstmals wieder in ihre Heimat kommt, um eine Reportage zu schreiben. Der charismatische Urdig erzählt ihr von der märchenhaften Entwicklung der vom Untergang bedrohten Insel. Hannas Sehnsucht, das eigene Leben in ruhiges Fahrwasser zu bringen und ihr Burn-Out zu heilen, scheinen auf Sylt den richtigen Ort und in dem 91-Jährigen Urdig den passenden Heiler gefunden zu haben.

„Total durchgeknallt: Revolution auf Sylt“, schreibt Lothar Koch im Untertitel seines Debüt-Romans, erzählt im Interview aber auch von der tieferen Absicht, die ihn zum Schreiben des gut 270 Seiten starken Buches gebracht hat. „Wenn mein Buch zur Phantasie und zur Diskussion über mehr Lebensqualität für Sylter und Urlauber der Zukunft anregt, erfüllt es seinen Zweck. Ich denke als Romanautor darf man mit starken, bewegenden Bildern arbeiten.“ Koch will aber mit seinem Buch auch Lesefreude auslösen. „Syltopia soll nicht frusten, sondern Spaß machen. Es ist mein Versuch, die Themen, die die Insel bewegen, in einer spannenden, lesenswerten Form nahe zu bringen.“

Der Kritik, mit seinem Buch einer Diktatur des Guten das Wort zu reden, seine Figur Urdig wie einen unfehlbaren Häuptling auftreten zu lassen, weist Lothar Koch zurück. „Ich habe ja nicht den Anspruch, das Geschriebene eins zu eins verwirklicht zu sehen. Es geht um den Kontrast, das Gegenmodell zum Bestehenden. Ich werfe ein etwas schrilleres Licht auf die Verhältnisse, die wir haben und damit auch auf die Lösung der Probleme. Urdig ist für mich ein sympathischer, wohl auch von Weisheit und Erkenntnis geprägter Zauberer, aber kein Diktator oder Religionsführer. Er ist ein Menschen - und ein sehr bewusst lebender Inselfreund.“

Wer als Sylter das Buch liest, wird viele bekannte kaum veränderte Namen, Verbindungen, Ereignisse und Orte erkennen. Doch als Sylter Schlüsselroman will Lothar Koch seine Geschichte nicht verstanden wissen. „Keiner ist persönlich gemeint. Natürlich habe ich aber versucht, so viel wie möglich an Lokalkolorit in den Roman einzubringen, weil ich es sowohl für den Einheimischen als auch für den Urlauber schön finde, wenn er das Gefühl hat, ich bin mittendrin im Schauplatz des Geschehens.“

Der aus den Begriffen Sylt und Utopia zusammengesetzte Titel des Buches nimmt vor allem Bezug auf die Zukunftsvisionen, die Koch in seinem Buch entwickelt, wenn es zum Beispiel um die Mobilität in 2050, um Energiegewinnung oder Straßenbau geht. Dazu bietet er den Lesern seines Buches auf seiner Onlineseite sogar einen Faktencheck an, bei dem die Visionen mit den bereits technisch möglichen oder in der Entwicklung befindlichen Dingen verglichen werden können. Letztlich aber „ist es ein Märchen. Und Märchen sind für Kinder und ich möchte gern das Kind im Leser ansprechen. Ich hoffe, die Leser lassen ihren analytischen Verstand immer wieder beiseite und tauchen in die fantasievolle Geschichte ein. Es soll das Kind in der Frau oder im Mann das Buch lesen, das ganz naiv an die Chance glaubt, dass das Leben noch lebenswerter sein kann. Nicht nur was die Fakten und Entwicklung der Insel betrifft. Das Buch hat auch eine tiefenpsychologische Ebene.“

Geschrieben hat es Koch, der sich auch viele Jahre in politischen Gremien für den Umwelt- und Naturschutz engagierte, seine Syltopia „in erster Linie für die Sylter und alle, die Sylt wirklich lieben, die an der Entwicklung der Insel interessiert sind, also auch die Urlauber, die öfter kommen, weil ich meine, dass es anregend ist, mal eine ganze Reihe von Ideen im Kopf schwirren zu lassen. Es ist kein total bierernst gemeintes Buch, sondern auch eines, das einen Schmunzeln lassen darf. Man darf es auch als ganz normale Strandlektüre genießen.“

 

 

❍Lothar Koch, Syltopia,

Verlag Clarity Project, 14,90 Euro

Erhältlich in allen Sylter

Buchhandlungen

www.syltopia.de

 

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