Kolumne von Manfred Degen : Neue und alte Berufe

In seiner wöchentlichen Kolumne in der Sylter Rundschau gibt der Kabarettist 'Fragen auf Antworten, die keiner gestellt hat'.
In seiner wöchentlichen Kolumne in der Sylter Rundschau gibt der Kabarettist "Fragen auf Antworten, die keiner gestellt hat".

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31. August 2018, 15:54 Uhr

 „Alles ist im Fluss: Bis vor Kurzem kannte niemand IT-Ingenieure, Webdesigner oder Junior Business Development Manager. Jetzt sind die Zeitungen, ist das Netz voll davon. Herr Degen, verstehen Sie das alles noch?“

Solche Existenzen benötigen wir auf Sylt nicht. Viel wichtiger sind Wasser- und Bier-Sommeliers, die uns in Restaurants mit ihrer elenden Besserwisserei die Ohren vollsabbeln. Personal- und Mentaltrainer machen unsere Kurgäste fit. Fasten-, Flirt- und Yogatrainer sorgen für deren Gesundheit, Glückseligkeit und Geschmeidigkeit.

„Aha. Und um unsere Autos kümmert sich der Mechatroniker, um unsere Frauen der Reiki-Meister und wo gestritten wird, ist der Mediator gefragt"

Genau. Und im Rathaus sitzen bürgernahe Diplom-Verwaltungsfachwirte, ausgestattet mit großer Empathie und sozialer Kompetenz. Und die Lawine rollt weiter. Immer mehr verschrobene Dienstleistungen werden nachgefragt, etwa Delphinstreichel-Therapeuten (… Ihr Sohn näßt ein? Da müssen wir gegensteuern, bevor seine Ausbildung beginnt. Fliegen wir mit ihm zum Delphin-Streicheln nach Florida. Zahlt alles die Kasse …!)

„Gibt es denn auch ein neues Berufsfeld, das sich um die größte Bevölkerungsgruppe auf der Insel kümmert, nämlich um die Zweitwohnungsbesitzer?“

Für diese Klientel gibt es jetzt spezielle Angsttherapeuten. Denn die Reetdach-Villenbesitzer fürchten gerne, dass ihre Anwesen einer Feuersbrunst zum Opfer fallen könnten, da durch die Verdrängung der Sylter Bevölkerung die freiwilligen Löschkräfte aussterben werden.

„Nun müssen ja nicht alle Berufe vom Markt verschwinden, um dem Neuen Platz zu machen…?“

Richtig! Heilpraktiker zum Beispiel dürfen nicht verschwinden. Die werden dringend benötigt, obwohl es davon auf Sylt mehr gibt als ordentliche, richtige Mediziner. Denn es leben auf unserer Insel noch viele Kreaturen, in denen negative Energien wüten. Die müssen mit Schüsslersalzen und Klangschalen-Therapien entschlackt, veredelt und beseelt werden. Solange fallen Heilpraktiker unters Artenschutzgesetz.

„Und was ist mit all den andere Küchenpsychologen, Schamanen und Pferde-Flüsterern?“

Unverzichtbar! Die haben alle gut zu tun, unsere Macken und Marotten wegzutherapieren. Große Teile der Sylter Bevölkerung säßen doch schon in der Klapse, wenn diese Geistheiler mit Kartenlegen, Kaffeesatzlesen, Auspendeln und Tierlichtheilungen uns nicht zu Seite stehen würden.

„Aber vieles davon ist doch auch die Aufgabe unserer Pastoren.“

Dazu möchte ich mich öffentlich lieber nicht äußern. Ich bin jetzt in dem Alter, wo man trotz Zweifelns sich schon mal für die sichere Variante entscheidet. Halleluja! Ich habe in Glaubensfragen schon so viele Minus-Punkte angesammelt, die könnten mir am Ende den Weg ins Paradies verstellen.

„Aber Investmentbanker, Unternehmensberater und Aktienanalysten, die können wir hier doch zu Teufel jagen …?“

Nein, nein, bloß nicht. Den Vorschlag hatte ich meiner Frau gegenüber auch einmal geäußert. Da hat sie mir einen rechtsdrehenden Joghurt an den Kopf geballert und geschimpft: „Bissu bekloppt?? Von denen ihrer Kohle leben wir doch auf Sylt!!!“


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