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Flüchtlinge : Neue Herausforderungen für die Sylter Tafel

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Dass nun auch Flüchtlinge neben Insulanern die Sylter Tafel aufsuchen, ärgert einige Stammkunden - und stellt die Ehrenamtler vor neue Herausforderungen.

Seit 17 Jahren werden in der Sylter Tafel bedürftige Insulaner mit Essen versorgt. Mit festen Regeln und 25 engagierten Ehrenamtlichen funktionierte das immer gut. Nun stellt die steigende Anzahl von Flüchtlingen auf Sylt die Sylter Tafel vor neue Herausforderungen.

Ein Mangel an Nahrungsmittel-Spenden ist dabei nicht das Problem. Sondern eher, dass sich die Zahl der Tafelgäste erhöht hat: Kamen vor einem Jahr etwa 60 Menschen dienstags oder donnerstags in einen der Gemeinderäume, in denen die Sylter Tafel aktiv ist, sind es nun bis zu 90. Heißt: Die Ehrenamtler haben deutlich mehr zu tun. Auch, weil den neuen Tafelbesuchern das Ausgabe-System erst einmal erklärt werden muss - aufgrund der Sprachbarriere meistens mit Händen und Füßen.

Ein weiteres Problem – für manche Tafel-Mitarbeiter vielleicht das belastendste – sind aber auch die Vorurteile und Wut, die ihnen von einigen ihrer Stammgäste entgegen gebracht werden. Dörte Linder-Schmidt, Vorsitzende und Gründungsmitglied der Sylter Tafel, erhielt jüngst eine Drohmail, in der sie dafür angegriffen wurde, dass die Tafel nun auch Flüchtlinge versorgt. Linder-Schmidt ging mit der Mail zur Polizei – und macht ansonsten einfach weiter: „Ich könnte es ja verstehen, wenn die Leute sauer würden, weil wir Menschen wegschicken müssen“, erklärt sie. Das sei bei der Sylter Tafel aber noch nie vorgekommen: „Bei jedem, der kommt, wird der Grundbedarf gedeckt.“ Zudem biete die Tafel vor der Essensausgabe für alle ein gemeinsames Kaffeetrinken mit Kuchen an. „Da muss man jetzt näher zusammenrücken und manche finden es nicht mehr so gemütlich wie bisher und kommen deshalb nicht mehr“, sagt sie. Das könne und wolle sie nicht ändern: Alle Bedürftigen, und damit auch die Flüchtlinge, sind bei der Sylter Tafel willkommen.

Zu Konflikten, das wissen sie und die anderen Ehrenamtler, sei es bei der Tafel schon immer gekommen. Auch wenn die Essensausgabe streng geregelt abläuft: Jeder der Gäste bekommt eine Nummer gezogen, die die Reihenfolge fest legt, in der die Nahrungsmittel ausgegeben werden. Da kann es natürlich passieren, dass nur 40 Milchtüten da sind, der Gast aber die Nummer 42 bekommen hat. „Es ist im Grunde die gleiche Konkurrenzsituation wie am Hotelbuffet auf Gran Canaria - da glauben ja auch immer alle, sie kommen zu kurz“, beschreibt Linder-Schmidt den Tafel-Alltag.

Genau wie bei den Sylter Stammgästen gebe es nun unter den Flüchtlingen Menschen, die sich brav mit ihrer Nummer anstellen, und solche, die drängeln. Problematischer aber sei es zunächst gewesen, sich auf die kulturellen Unterschiede einzustellen. So haben einige der jungen Flüchtlinge nach dem Kaffeetrinken ihr Geschirr nicht abgeräumt, andere warfen kulturell bedingt ihr Klopapier nicht in die Toilette, sondern in den Abfalleimer daneben. Seitdem die Ehrenamtler der Sylter Tafel überall kleine Piktogramme aufgehängt haben, die die hiesigen Gepflogenheiten erklären, hätten sich diese Probleme aber weitestgehend erledigt. Aushänge in sechs verschiedenen Sprachen erklären, wie das Tafel-System funktioniert. Gleichzeitig haben es die Tafel-Mitarbeiter auch erlebt, dass gerade die syrischen Flüchtlinge unglaublich viel mithelfen wollen. „Das sind sehr häufig gebildete Leute, die in ihrer Heimat gut situiert waren“, berichtet Linder-Schmidt, „die wollen keine Bittsteller sein, das fällt ihnen unheimlich schwer.“

Und auch wenn nicht alle Tafelgäste so glücklich über die Flüchtlinge sind: Die Ehrenamtler beobachten an den Tafel-Tagen auch Szenen, die zeigen, dass dort auch ein Stückchen weit Integration gelingt: „Wenn eine 75-Jährige ihr Englisch raus kramt, um sich mit ihrem Tischnachbarn zu unterhalten oder mit den kleinen Kindern gespielt wird, zeigt sich, dass es ja geht.“

Bleibt noch das Problem, dass es sowohl im evangelischen, als auch im katholischen Gemeindezentrum langsam etwas eng für die Sylter Tafel wird. Die Räumlichkeiten wechseln wollen die Ehrenamtler nicht. „Wir werden einen Weg finden, wie wir uns neu aufstellen und organisieren“, ist Linder-Schmidt überzeugt. Der Glaube darin, dass die Sylter Tafel auch weiterhin funktionieren wird, sagt sie, werde immer wieder durch den großen Einsatz ihrer ehrenamtlichen Kollegen bestärkt.

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erstellt am 07.Nov.2015 | 05:13 Uhr

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