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Interview zum Naturschutz auf Sylt : „Natur darf nicht nur Kulisse sein“

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Im Interview spricht der Arzt und Naturschützer Dr. Roland Klockenhoff die Insel als touristisches Flagschiff und Grenzen der Belastbarkeit.

Im Alltag ist er Arzt, in seiner Freizeit der Sylter Natur eng verbunden: Seit 23 Jahren fungiert Dr. Roland Klockenhoff als Vorsitzender der Naturschutzgemeinschaft Sylt und begleitet kritisch insulare Themen wie etwa den anhaltenden Bauboom. Unser Mitarbeiter Frank Deppe sprach mit dem gebürtigen Sylter über Vergangenheit und Gegenwart des Naturschutzes auf Sylt, über Detonation, Destination und Wünsche an die insularen Touristiker.

Der Naturschutz auf Sylt lag in den 1970-er Jahren etwas brach, als 1977 eine engagierte Frau den Vorsitz der Naturschutzgemeinschaft Sylt übernahm, die aus dem alten Verein Naturschutz Sylt und einer Bürgerinitiative entstanden war. Wie bedeutsam war das damalige Engagement von Klara Enss für die Entwicklung der Naturschutzgemeinschaft?
Klara hat viele wichtige Initiativen auf den Weg gebracht. Sie war dabei stets um Unabhängigkeit bemüht, verstand es, Allianzen zu schmieden, ohne sich zu verflechten. Und dies in einer Zeit, in der eigentlich überall Männer am Ruder waren. Für die Entwicklung der Naturschutzgemeinschaft Sylt legte sie einen maßgeblichen Grundstein.

1994 übernahmen Sie dann den Vorsitz. Hatten Sie Angst vor den großen Fußstapfen, in die Sie traten – und was hat Ihnen Klara Enss an Werten mitgegeben?
Ich war damals ja schon viele Jahre Vorstandsmitglied, zuletzt als stellvertretender Vorsitzender, bin also quasi in das Amt reingewachsen. Von daher hatte ich keine Sorgen, der enge Draht zu Klara bestand ja auch weiterhin. Werte – bis heute sicherlich das konstante Bemühen, im Verein beziehungsweise Vorstand Konsens zu finden. Und ihre Beharrlichkeit, die ist mir auch gegeben (lacht).

Wie ist der Verein denn heute aufgestellt?
Wir haben rund 350 Mitglieder, davon gut die Hälfte Sylter, zwei hauptamtliche Mitarbeiterinnen drei Jugendbetreuerinnen und zur Zeit sieben FÖJ’ler und Bundesfreiwillige. Dazu kommen rund 20 Aktive im Vorstand und dessen Umfeld. Uns obliegt die Betreuung der Schutzgebiete Braderuper Heide und Morsum-Kliff, weitere Schwerpunkte unserer Tätigkeit sind neben der Öffentlichkeitsarbeit – ausgehend vom Naturzentrum Braderup – die Heidepflege und eine umfangreiche Jugendarbeit.

Dass bereits ab 1923 die Ausweisung von Sylter Naturschutzgebieten vorantrieben wurde...
...ist ein großes Glück und war sehr vorausschauend. Die Ausweisung der Schutzgebiete dauerte ja bis in die 1970er Jahre an, also zu einer Zeit, in der der Bauboom schon losgetreten war.

Findet der Naturschutz respektive ihr Verein heute das gewünschte Gehör?
Wir haben uns im Laufe der Jahre sicherlich eine gewisse Achtung erarbeitet. Denn wir mischen uns ein – fachkundig und durchaus auch emotional, wobei wir keine öffentliche Auseinandersetzung scheuen. Sicherlich trägt zum heutigen Status auch bei, dass der Stellenwert des Naturschutzes in der Gesellschaft gestiegen ist.

Haben Sie denn Mittel, um in Vorgänge konkret eingreifen zu können?
Es ist von großem Vorteil, das wir auf Sylt den Bund für Umwelt- und Naturschutz als sogenannten Träger öffentlicher Belange vertreten. Damit sind wir insbesondere in größere Bauvorhaben involviert. Und auch anderweitig ist es für uns wichtig, möglichst im Vorfeld zu agieren und nicht vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden.

Sylts Natur ist das große Aushängeschild für den Sylter Tourismus. Ist die Realität so wie auf den schönen Werbefotos?
Wir leben auf einer so genannten Destination – ein Begriff, der im Lexikon übrigens kurz vor „Detonation“ steht – oder anders formuliert: Auf einer Insel der Begehrlichkeiten. Das Ziel der Tourismusbranche scheinen 370 Tage Saison zu sein...

...und die Natur kommt Ihnen dabei zu kurz?
Ja, denn Natur darf nicht nur Kulisse sein. Wir überdenken gerade unsere Zusammenarbeit mit den Touristikern.

Das klingt nach einem gewissen Verdruss – fühlen Sie sich zu wenig eingebunden?
Ja. Nehmen Sie als Beispiel den Strategiekreis der Sylt Marketing Gesellschaft, in dem der Naturschutz nicht vertreten ist. Der offizielle Tourismusslogan „Sylt – Meer. Leidenschaft. Leben." könnte zur Zeit auch lauten: „Sylt – Mehr. Leidenschaft. Leben.“

Sylt ist ein touristisches Flaggschiff...
...für das es wünschenswert wäre, wenn die Markenentwicklung auch auf Sylt als Flaggschiff für den Klimaschutz und echte Nachhaltigkeit abzielt. Wenn – überspitzt formuliert – Naturschutz und Harley-Treffen für die Tourismusindustrie den gleichen Stellenwert haben, dann stimmt etwas nicht.

...ein touristisches Flaggschiff, das immer mehr Gäste auf die Insel bringt. Sind die Grenzen inzwischen dann doch erreicht?
Der Fokus liegt noch immer auf Wachstumsstrategie und die Grenzen der Belastbarkeit sind überschritten. Ein hochaktuelles Thema ist die Trinkwasserversorgung. Wir wenden uns entschieden dagegen, Wasser aus den hochsensiblen Dünentälern aus dem Listland zu gewinnen. Entsprechend gilt es, die geplanten Hotelprojekte in List in Frage zu stellen.

Wo wir gerade beim Thema „Bauen“ sind – könnte das Verbot der Bebauung in den Außenbereichen der Ortslagen irgendwann wackeln?
Da habe ich eigentlich keine Sorge. Nahezu alle Gebiete außerhalb der bebauten Ortslagen stehen ja unter besonderem Schutz. Ich glaube, es wird stattdessen innerhalb der Orte immer mehr in die Höhe und Breite gebaut.



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