Wildniskurs für Kinder : Natürlich echt oder einmal Kind sein dürfen

Einen ganzen Tag in der Natur zu verbringen, ist für viele Kinder heute ein echtes Abenteuer. Der Sylter Matthias Poppek bietet das bei seinen „Wildniskursen“ an.
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Einen ganzen Tag in der Natur zu verbringen, ist für viele Kinder heute ein echtes Abenteuer. Der Sylter Matthias Poppek bietet das bei seinen „Wildniskursen“ an.

Ein Tag in der Sylter Natur mit Matthias Poppek

shz.de von
04. November 2017, 05:31 Uhr

Was passiert, wenn die Kinder des Zeitalters „Helikopter-Eltern“ und „Overprotecting Mums“ einen Tag in der Sylter Wildnis verbringen? Matthias Poppek erlebt es in seinen Wildniskursen, bei denen er mit Kindern einen Tag in seiner Schmiede und dann zwischen Büschen, Bäumen und Lagerfeuer verbringt. Wobei zunächst einmal der Begriff „Wildnis“ mit Sylt nur schwer in Verbindung zu bringen ist. Undurchdringliche Wälder und tiefe Schluchten sucht man auf der Insel vergebens.

Doch es gibt sie, zumindest nach dem Maßstab der Kinder und dem von Matthias Poppek. Denn es geht darum, bewusst Zeit in der Natur zu verbringen, die uns umgibt. Sich links und rechts des Weges zu bewegen, zu hören, riechen, fühlen, schmecken - die Tiere und Pflanzen ganz genau anzuschauen und nicht achtlos daran vorbeizulaufen. Selbst aktiv zu werden anstatt sich bespaßen zu lassen, Verantwortung zu übernehmen und nicht von übervorsichtigen Eltern eingeschränkt zu werden - das ist für einige Kinder schon unbekanntes Gebiet.

Matthias Poppek möchte mit Kindern ganz besonders tolle oder eben einfach nur natürlich-tolle Sachen auf Sylt erleben. Zuerst dürfen die Kinder etwas, was sicher viele ihrer Eltern auch noch nie gemacht haben: Schmieden. Am richtigen Amboss mit echtem Werkzeug. Wie gut, dass die Eltern weit weg sind und so die vorprogrammierten vorsorglich- ermahnenden Rufe „Vorsicht!“, „Pass’ auf!“ bis hin zu „Lass’ das lieber!“ oder „Ich mache das für Dich!“ ausbleiben.

Die Kinder machen selbst. Sie hantieren mit Metall und den notwendigen Werkzeugen und stehen ganz dicht am Schmiedefeuer. Matthias Poppek hilft und leitet an, hat aber auch die nötige Gelassenheit, die Kinder sich selbst zu überlassen. Natürlich verbrennt sich ein Kind am Finger, doch das erfordert weder eine Fahrt in die Nordseeklinik noch besonders viel Beachtung. „Da lassen wir Wasser drüber laufen, damit es kühlt“, schlägt er vor und weiter geht es im Tagesprogramm. Eine erste Erfahrung für so manches Kind, nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen und schnell wieder zur Tagesordnung überzugehen. Doch nur so klappt es, dass nach gut zwei Stunden jedes der Kinder ein selbstgeschmiedetes Messer in Händen halten kann. Die so genannten „Drachentöter“ – wer spricht schon von kleinen Messern – tragen sie jetzt beim Rausgehen in die Natur am Band um den Hals und werden sie im Laufe des Tages immer wieder als Schneidegerät gebrauchen.

Von der Schmiede geht es in die Bäume. Die Zeit scheint Jahrzehnte zurückgedreht, das Bild von rotbäckigen Kinderwangen und rotbäckigen Äpfeln, die gleichzeitig in luftigen Baumwipfeln hin- und herschwingen, erinnert an früher. „Kann man die Äpfel echt essen?“ schallt es von oben und Matthias Poppek ruft schmunzelnd ein lautes „Ja!“. Die Kinder beißen lustvoll zu, so einfach kann gesunde Ernährung sein.

Mit dem Apfel in der Hand geht es tiefer in die Wildnis, sprich in die Büsche und Gräser. Das erste Spiel steht an: Für acht Sekunden bekommen die Kinder sechs Pflanzen gezeigt, die sie dann selbst finden sollen. Voller Elan stürmen sie los, helfen sich gegenseitig und lernen hinterher bei einem Blick ins Buch zusammen mit ihrem Wildführer Matthias Fakten über Pflanzen kennen. Manche kann man essen, manche sind hochgiftig.

Ausgezogene Jacken, achtlos weggelegte Mützen und Schals, offene Schnürsenkel, schmutzige Knie oder sitzen im feuchten Gras fallen in die Kategorie „Wen interessiert das?“ Die beiden Schwestern, die ausgestattet mit Wechselklamotten an dem Wildnis-Kurs teilnehmen, schleppen ihr schweres Gepäck eher genervt mit.

Matthias Poppek hat keine ausgefeilten pädagogischen Konzepte, er behandelt die Kinder einfach auf Augenhöhe und nimmt sie ebenso in die Pflicht wie er auf ihr Wohlergehen achtet. „Ich habe einfach Lust, etwas mit Kindern zu machen“, erzählt der Mann, der seinen Urlaub in einem skandinavischen Wald verbringt und sich dort ausschließlich von dem ernährt, was er findet, „Das fing mit den Holzworkshops für Kinder an und jetzt gehe ich mit ihnen in die Natur.“

Die Kinder genießen diesen natürlichen Ausflug. Obwohl sie sich Stunden vorher nicht kannten, bilden sie jetzt eine Gruppe und haben zumeist kaum Berührungsängste untereinander – je nachdem, wie sehr „Protecting Mum“ sie geprägt hat. Die formelle Frage des wohlerzogenen Kindes „Wo bitte gibt es hier denn eine Toilette?“ beantwortet Frida ganz pragmatisch mit „Du bist doch ein Junge, geh’ einfach ins Gebüsch.“ Die Jungs machen sich auf die Suche nach dem passenden stillen Örtchen. Doch nicht bei allem klappt es, wer noch nie im Freien gepiescht hat, hüpft ab jetzt von einem Bein aufs andere, Mama sei Dank.

Nach spannenden Spielen mit dem, was Matthias und die Kinder in der Natur finden, geht es zum Lagerfeuerplatz. Hier lernen die Kinder, dass Mithelfen der Schlüssel zum Erfolg ist, der in diesem Fall fertiges Stockbrot heißt. Der erste Versuch Feuer zu machen scheitert, weil niemand kleine Stöcker zum Nachlegen holt. Wie gebannt warten einige der Kinder darauf, dass Matthias aktiv wird anstatt selbst die Initiative zu ergreifen. Wieder wartet eine neue Erfahrung auf sie und die lautet: „Mach’ es selbst!“

„Wenn ihr Stockbrot wollt, brauchen wir Feuer. Und dafür brauchen wir Stöcker“, erklärt Matthias Poppek den Kindern, „sonst gibt es nichts zu essen.“ Das schreckt nicht alle, in den Rucksäcken wissen die Kinder um die von Mama gut gefüllte Brotdose und Trinkflasche. Was lockt, ist das selbst Feuermachen dürfen. Das ist spannend und aufregend und wenn man dafür Stöcker braucht, werden sie jetzt doch von allen gesammelt.

„Hast Du echt kein Feuerzeug?“ fragt einer der Jungs ganz ungläubig, während die ersten Kinder schon versuchen mit dem Feuerstein Funken zu erzeugen und sich mit ihren Drachentötern Stöcker für das Stockbrot schneiden. Wieder lässt Matthias Poppek sie gewähren, kein mahnender Laut verlässt seine Lippen und wie von selbst schätzen die Kinder die Gefahren richtig ein. Einige trauen sich, das Feuernest in der Hand zu halten, das das große Lagerfeuer so richtig in Gang bringen wird. Zufrieden sitzen kurze Zeit spät alle Kinder um die lodernden Flammen.

Als Matthias Poppek einen Skelettknochen vom Elch und einen Kopf vom Reh herumgibt, reagieren die Kinder ganz unterschiedlich: „Ihhhh – das ist voll eklig!“ tönt es aus einer Ecke, „Voll cool“ aus der anderen. Sehen und anfassen wollen die Skelettteile dann aber doch alle, Mama und Papa werden abends schon dafür sorgen, dass die Kleinen sich vor dem Essen noch die Hände waschen.

Weitere Informationen: Matthias Poppek, Tel. 0172-4046967, www. workshop-sylt.de

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