NS-Verbrecher in Nachkriegszeit : Nach Sylt jetzt landesweite Aufarbeitung

Im Plenarsaal des Landeshauses Kiel: Klaus Schlie, Moderator Martin Lätzel, Dr. Philipp Marti, Bartosz Wielinski, Petra Reiber und Prof. Dr. Uwe Danker – v.l.n.r.
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Im Plenarsaal des Landeshauses Kiel: Klaus Schlie, Moderator Martin Lätzel, Dr. Philipp Marti, Bartosz Wielinski, Petra Reiber und Prof. Dr. Uwe Danker – v.l.n.r.

Der Fall Reinefarth und die Kontinuitäten des Nationalsozialismus in Schleswig-Holstein waren Thema einer Podiumsdiskussion im Landeshaus Kiel.

shz.de von
22. Januar 2015, 05:14 Uhr

Schleswig-Holstein stellt sich dem dunkelsten Kapitel seiner Nachkriegsgeschichte: den Karrieren ehemaliger NS-Täter in der damals jungen Demokratie. „Der Neuanfang war geprägt von der Verdrängung ungesühnter Verbrechen“, sagte Landtagspräsident Klaus Schlie (CDU) am Dienstagabend auf einer Podiumsdiskussion im Kieler Landeshaus. „Etliche Abgeordnete und Mitglieder der Landesregierung waren zuvor in der NSDAP, hatten führende Funktionen in der Diktatur oder haben das Nazi-Regime unterstützt.“ Im Auftrag des Landtags wird dieser Teil der Geschichte jetzt erstmals wissenschaftlich untersucht. Die Ergebnisse sollen 2016 vorgestellt werden.

„Die Opfer haben ein Anrecht auf diese Aufarbeitung, die eine europäische Dimension hat“, betonte Schlie. Die Schatten der Vergangenheit reichen weit über die Grenzen Schleswig-Holsteins hinaus, wie der Fall von Heinz Reinefarth zeigt, der 1944 den Warschauer Aufstand niederschlug. Der „Henker von Warschau“ wurde erst zum Bürgermeister von Westerland gewählt, danach zum Landtagsabgeordneten. Angeklagt worden ist er nie.

Den Auftrag für die wissenschaftliche Aufarbeitung hat das Institut für schleswig-holsteinische Zeit-und Regionalgeschichte bekommen. Untersucht werden die „personellen und strukturellen Kontinuitäten in Legislative und Exekutive nach 1945“. Professor Uwe Danker, Leiter des Instituts: „Wir prüfen die Lebensläufe von Landtagsabgeordneten, Ministern und Staatssekretären, die von 1946 bis Mitte der 80er Jahre aktiv waren und von ihrem Alter her in der NS-Zeit eine Funktion übernehmen konnten.“ Bei dieser Gruppe von rund 400 Personen würden zunächst formale Kriterien abgefragt, wie etwa eine SS-Mitgliedschaft. „Schon jetzt kann ich sagen, dass es da überraschende Mitteilungen geben wird“, kündigte Danker an. In einem zweiten Schritt sollen die realen Rollen der Personen während und nach der NS-Zeit beleuchtet werden. Fakt ist bereits jetzt: Die Zahl der Skandale um NS-belastete Politiker war im Norden weit höher als in anderen Bundesländern. Dazu zählt auch der Fall von Hans-Adolf Asbach, als Kreishauptmann in Polen verantwortlich für die Erschießung von Juden. Von 1950 bis 1957 war er Sozialminister des Landes.

Warum konnten NS-Verbrecher in Schleswig-Holstein weitgehend unbehindert Karriere machen? Diese Frage beschäftigte die Podiumsdiskussion, zu der auch Petra Reiber, Bürgermeisterin der Gemeinde Sylt, der polnische Journalist Bartosz Wielinski von der Gazeta Wyborcza und der Schweizer Historiker Philipp Marti eingeladen waren. Marti, der beide Karrieren von Reinefarth in seiner Doktorarbeit beleuchtet hat, sagte: „Es gab eine gesellschaftspsychologische Barriere, die erst in den 80er Jahren aufgebrochen worden ist.“


 

„Die Diktatur war zwar am Ende, aber die darin verstrickte Elite hielt auch im neuen System zusammen“, erklärte Uwe Danker. Nach zwei Ministerpräsidenten aus dem Widerstand sei es 1950/51 unter Walter Bartram (CDU) zu einer Reintegration der alten Eliten gekommen. „Es gab nur ein Mitglied der Regierung, dass nicht in der NSDAP war.“ Und so betrieb etwa Sozialminister Asbach gezielt braune Personalpolitik, besetzte Führungsposition mit Kontakten aus der braunen Seilschaft.

Landtagspräsident Schlie: „Wir beginnen spät mit der Aufarbeitung, dafür wird sie gründlich sein. Ich hoffe, wir können damit auch ein Zeichen der Versöhnung setzen.“ Journalist Bartosz Wielinski versicherte: „Die Aufarbeitung wird in Polen wahrgenommen“, und betonte, dass die Rede von Petra Reiber viel zur deutsch-polnischen Versöhnung beigetragen habe. Sylts Bürgermeisterin hatte die Reinefarth-Recherchen von Wielinski und Marti auf der Insel unterstützt, war im August 2014 zur Gedenkfeier zum 70. Jahrestag des Warschauer Aufstands gereist, wo sie um Vergebung bat. Reiber: „Den Überlebenden zu begegnen, war der bewegendste Moment meines Lebens. Freundschaften sind entstanden, die wir weiter pflegen werden.“

Auch Silke von Bremen war zur Diskussion nach Kiel gereist. „Eine wunderbare und wertvolle Veranstaltung: Vor allem Philipp Marti hat in seinem Vortrag kompetent, konzentriert und intelligent die Befindlichkeiten im Schleswig-Holstein der 1960er Jahre zusammengefasst“, sagte die Sylter Gästeführerin. „Und Bartosz Wielinski hat deutlich gemacht, wie wichtig es ist, dass nach 70 Jahren endlich etwas passiert. Mir ist klar geworden, dass der Warschauer Aufstand eine entscheidende Landmarke in Polen gewesen ist, in seiner geschichtlichen Bedeutung wohl am besten vergleichbar mit 9/11 für die USA.“ Riike Lappoehn, die im Dezember mit einer Schülerdelegation Warschau besucht hatte, zeigte sich beeindruckt von der landesweiten Dimension, der politischen Bedeutung der späten Aufarbeitung der Nachkriegszeit. Ihr Vater Sven Lappoehn, Geschäftsführer der Söl’ring Foriining, äußerte sich nach der Diskussion schockiert darüber, erfahren zu haben, wie „braun verfilzt“ alles im Westerländer Rathaus und im Kieler Landtag gewesen sei.

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