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Sylter Zeitgeschichte : Mutige Sylter trotzten dem Eis

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Die 44. Folge der Sylter Zeitgeschichte geht um die Eisbootfahrer – Männer, die sich auf den mühsamen Weg zum Festland machten, wenn die Insel vom Eis eingeschlossen war.

shz.de von
erstellt am 03.Dez.2013 | 06:00 Uhr

Bevor der Bau des Hindenburgdamms ab dem Jahre 1927 eine feste Verbindung zwischen der Insel und dem Festland schuf, waren die Sylter auf sich allein gestellt – vor allem, wenn sich in strengen Wintern ein breiter Eisgürtel um die Insel legte und diese von der Außenwelt abschnitt.

Auf die Dampfer, die ihnen normalerweise Post, Medikamente und Lebensmittel überbrachten, warteten die Menschen nun vergeblich. In Zeiten solcher Entbehrung schlug die Stunde der Eisbootfahrer. Es waren die Männer, die aus der Kälte kamen.

Wenn sich an einem solch eisigen Wintertag, an dem man nicht einmal seinen Hund vor die Tür jagen mochte, wieder einmal vier oder fünf Mann von der Sylter Ostküste aus auf den Weg machten, dann stand ihnen ein Gewaltmarsch durch die weiße Wüste bevor.

Zumeist in Morsum begann eine Reise, die den Eisbootfahrern alles abverlangte: In einem hölzernen Ruderboot paddelten sie zwischen den großen Eisschollen durch das Wattenmeer; doch immer wieder mussten sie unterwegs aussteigen und das Boot mühsam übers Eis bis zur nächsten offenen Wasserstelle ziehen.

So kämpften sich die Männer über eine Strecke von zwölf Kilometern hinweg bis zum sicheren Festland. Erschwert wurden die Fahrten noch, wenn plötzlich dichter Nebel aufstieg und die Eisbootfahrer die Orientierung verloren. Oder aber, wenn sie an dünnen Stellen im Eis einbrachen, ihnen das kalte Wasser an den Mänteln und Stiefeln fest fror und jeder weitere Schritt zu einer Qual wurde.

Dennoch machten sich die unerschrockenen Männer immer wieder auf den Weg – allein zwischen den Jahren 1885 und 1913 genau 639 mal. Was sich im Januar 1868 auf einer Eisbootfahrt zwischen Sylt und dem dänischen Emmerleff ereignete, hat der Sylter Kapitän Thomas Selmer detailliert festgehalten. Sein Bericht lässt die Strapazen dieser Gewaltmärsche erahnen:
„Den 25. Januar morgens um drei Uhr hatten wir unser Boot in tieferes Wasser gebracht. Der Wind nahm verbunden mit Frost und Schneefall heftig zu. Da die See hochging, nahm unser Boot viel Wasser über, welches sich sofort in Eis verwandelte. Auch bekam das Boot an der Außenseite eine sechs bis sieben Zentimeter dicke Eisrinde. Da war ich genötigt, mehr nach der kleinen Insel Jordsand zu steuern.

Leider war das Eis aber so stark, dass das Boot bald darin festsitzen blieb. Um acht Uhr begann die Arbeit, nach Jordsand zu kommen; es war eine Strecke von 200 Schritt. Auf dieser Strecke wurde mit drei Mann bis abends halb acht Uhr gearbeitet. Zuweilen fielen wir bis an den Leib ins Wasser und die Kleider und Stiefel froren uns fest.

Endlich waren wir mit dem Boot auf Jordsand angekommen, wo wir eine kleine, nur im Sommer von einem Hirten bewohnte Hütte halb voll Schnee vorfanden. Wir versuchten, unsere Kleider auszuziehen und selbige so viel wie möglich aufzutauen und zu trocknen. Müde und schläfrig, wie wir waren, verbrannten wir unsere Strümpfe, um uns etwas zu wärmen.

Am nächsten Morgen wurde die Fußtour angetreten. Eine halbe Stunde ging es hastigen Schrittes vorwärts. Dann kamen in Berge zusammengeschobene Eisschollen, die wir manchmal auf Händen und Füßen überklettern mussten Endlich kam eine Tiefe, wo wir bis über die Hüften durch das Wasser waten mussten. Um elf Uhr vormittags landeten wir endlich auf dem Festland, woselbst sich auch sofort nach uns die Flut einstellte.“

Auch ein welkes Büchlein aus dem Fundus eines verstorbenen Morsumers gibt in blasser Handschrift Auskunft darüber, wie die Witterung den Eisbootfahrern zusetzte. Die Aufzeichnungen vermitteln einen anschaulichen Eindruck von den Widrigkeiten: „18. Januar 1905: Das Eisboot ging um halb acht Uhr von Nösse ab und kam wegen Sturm und Treibeis den ganzen Tag nicht wieder zurück. 19. Januar 1905: Das Eisboot fuhr um neun Uhr morgens ab und kam erst um acht Uhr abends unverrichteter Sache zurück, nachdem die Leute allein vier Stunden im Brecheis gelitten hatten. 22. Januar 1906: Das Eisboot kam nur mit großen Schwierigkeiten wieder nach Morsum zurück. 25. Januar 1906: Wegen schweren Eisgangs musste die Fahrt abgebrochen werden. 1. Januar 1908: Ein Sturm kam in Sicht und das Boot legte nicht ab.“

Jahrzehnte später zollten die Sylter den hart gesottenen Eisbootfahrern einen würdigen Tribut: Seit 1996 begrüßt am Ortseingang von Morsum ein Eisboot die Besucher. Die alte Schute wurde vom Verein der Morsumer Kulturfreunde mit fünf lebensechten Figuren ausstaffiert, die im Sommer mit Fischerhemden, im Winter mit Regenjacken bekleidet sind.

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