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Heinz Rudolf Kunze auf Sylt : Musik ist sein ganzes Herz

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Bei seinem Konzert im Wenningstedter Kursaal³ spielte sich der Musiker in einen wahren Rausch.

Bei Heinz Rudolf Kunze denkt man an drei Dinge: schwarze Hornbrille, schmaler Schnurrbart und „Dein ist mein ganzes Herz“, seinen größten Hit. 30 Jahre, nachdem er diesen Ohrwurm ganz oben in den Charts platzieren konnte, betritt er die Bühne im Wenningstedter Kursaal. Die Brille ist noch da, der Schnurrbart auch – und den Hit wird er als letzten Song vor seinen beiden Zugaben bringen. Grau ist er geworden. Aber 30 Jahre, nachdem er 30 Jahre alt war, ist das durchaus möglich.

Auf der Bühne stehen mehrere Gitarren und ein Flügel, ein Spot ist auf ihn gerichtet, der Rest sehr dunkel. Reduzierung aufs Wesentliche. Bevor der Musiker bei seiner Klampfe in die Saiten greift, trägt er ein Gedicht vor. Es ist ein verschwurbelter, schräger Text, dann folgen zwei Songs mit ähnlich verstörendem Inhalt. Kunzes Musik fühlt sich gerade an, als wären die aktuellen Themen in der „Tagesschau“ Demonstration gegen Startbahn West in Frankfurt, Waldsterben und Krawalle vorm AKW Brokdorf. Seine knappe Erklärung folgt prompt: Die Songs sind aus dem Jahr 1981. Seine Plattenfirma hätte ihn damals gefragt, ob man seinem Album nicht Strick und Revolver beilegen sollte. Sie fühlen sich auch heute noch so an.

Nun wird es aktueller. Fünf Songs auf der Gitarre, dann wieder ein halbes Dutzend am Flügel. Kunze pendelt wie ein Derwisch zwischen den beiden Instrumenten hin- und her, lässt sich und auch das Publikum kaum durchatmen. Persönliche Ansprache an seine Zuhörer gibt es nur minimal, die passt offensichtlich nicht in sein künstlerisches Gesamtkonzept, dass aus skurriler Prosa, obskuren Gedichten und erstklassig vorgetragenen Chansons besteht. Ja, er ist ein richtiger Chansonnier im besten Alter. Als Deutschrocker, wie im Programm angekündigt, geht er nicht mehr durch. Seine Lieder handeln viel von der Liebe, aber auch vom Älterwerden. Oder sie sind einfach krude Manifeste und Utopien. Seine bevorzugte Tonart ist Moll, das dramatisiert die vielen melancholischen Texte zusätzlich.

Der bestuhlte Kursaal ist ausverkauft, das Publikum, im Schnitt zwischen 40 und 60 Jahre alt, zeigt eine beachtliche Disziplin. Kein Mobiltelefon klingelt, kein Husten, kein Gequatsche, man könnte eine Stecknadel fallen hören: Kunze zieht sie alle in seinen Bann, er lässt seine musikalischen Qualitäten für sich sprechen. Man mag über seinen Stil denken, was man will. Aber er ist ein begnadeter Musiker. Egal ob Gitarrenspiel, seine Virtuosität am Piano oder der Tenor-Gesang: alles erstklassig.

Lied Nummer 23 an diesem Abend ist „Dein ist mein ganzes Herz“. Einige ältere Herrschaften können danach längst nicht mehr sitzen. Sie vertreten sich die Beine oder gehen gleich nach Hause. Hätte der Veranstalter mal ins Programmheft schreiben können, dass man am besten diese Strümpfe anzieht, die man auch auf langen Flugreisen trägt. Denn: Satte zweieinhalb Stunden spielt Kunze eine kräfteraubende Solo-Show. Am Stück ohne Pause, als würde er sich in einen Rausch spielen. Länger spielen wollen als früher, weil seine Zeit kürzer wird. Nach zwei Zugaben, nach insgesamt 25 voller Inbrunst performten Liedern, ist tatsächlich Schluss. Ob Heinz Rudolf Kunze nach dem Konzert glücklich war, ist nicht überliefert. Sein Publikum war es auf jeden Fall.



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erstellt am 03.Sep.2015 | 05:10 Uhr

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