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Rückkehr der „Promenadegeier“ : Möwen-Stress auf Sylt: „Es ist wie im Horrorfilm“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Anwohner und Touristen fühlen sich von Möwen gestört. Ein Sylter Biologe kann das Phänomen erklären und mahnt zur Gelassenheit.

Westerland | Im Sommer kann Sabine Krüger nicht schlafen. „Ich glaube, die Zuständigen wissen gar nicht, was hier nachts und in den frühen Morgenstunden abgeht“, berichtet sie erschüttert. „Es ist wie in einem Horrorfilm. Das sind Alarm-Geräusche, die den menschlichen Organismus ständig in Aufregung versetzen, die mich enorm stressen.“ Diese „Alarmgeräusche“, die die Bewohnerin der Westerländer Strandstraße schier verzweifeln lassen, sind Möwengeschrei. Der Liedermacherin graust es geradezu vor den kommenden Monaten: An manche Geräusche, wie an andauernden Straßenlärm oder Meeresrauschen, könne man sich gewöhnen, sagt Krüger, „aber nicht an dieses Gekreische“.

„Tja, das stimmt leider – und bald ist es wieder so weit“, bestätigt Sven Edling, der technische Leiter des Insel Sylt Tourismus Service (ISTS). „Kommendes Wochenende wird die Saison nicht nur für Urlauber, sondern auch für Möwen eröffnet.“ Pünktlich zu Ostern kommt eine große Anzahl der gefräßigen Vögel mit Vorliebe nach Westerland. Vor allem an Hotspots, wo sich viele Touristen aufhalten, jagen die dreisten „Promenadengeier“ nach fetter Beute im Form von Fischbrötchen, Eiswaffeln oder auch gerne mal einem leckeren Crêpe. Besonders wohl fühlen sich die Möwen offenbar auf den Dächern von strandnahen Gebäuden wie der Sylter Welle oder dem Syltness-Center. Als neue Maßnahme gegen die fliegenden Plagegeister zieht deshalb seit einer Woche ein schwarzer Vogeldrache seine Kreise über dem Syltness-Center. Hier soll ausprobiert werden, ob die Attrappe verhindern kann, dass immer mehr Möwen das Dach des Gebäudes als Stützpunkt für ihre Raubzüge nutzen.

Viele von ihnen sind offensichtlich von dem zirka 1400 Quadratmeter großen Flachdach des ISTS-Verwaltungsgebäudes weitergezogen. Dort wurde erst vor zwei Jahren ein aufwändiges, über 20.000 Euro teures Möwenabwehrsystem mit Dreifachwirkung installiert. Einerseits erzeugen Schalldruckgeräte hochfrequente Schwingungen, die unangenehm auf das Gefieder der Möwen einwirken und sie so vertreiben sollen. Andererseits wurden entlang der Dachränder viele kleine Töpfchen mit einem speziellen Gel platziert, dessen ätherische Wirkung die Vögel abschreckt. Diese beiden Methoden hätten sich in der Vergangenheit sehr gut bewährt, sagt Sven Edling.

Nicht mehr eingesetzt werden kann dagegen die dritte Komponente des Konzeptes: Im ersten Jahr ertönten über Lautsprecher Schreie von Greifvögeln. Dadurch fühlten sich aber nicht nur die Möwen, sondern auch Anwohner sowie Urlaubsgäste gestört. „Wir schalten die Schreie jetzt nur noch von Hand kurzfristig bei Bedarf ein“, erläutert Edling.

Lothar Koch findet solche Maßnahmen zwar „grundsätzlich okay“, gibt aber zu bedenken, dass die Menschen das Möwenproblem selbst verursacht hätten. „Wir haben diesen eleganten Seevögeln, die seit Jahrtausenden zum Meer gehören, sukzessive ihre angestammten Brutplätze genommen“, erläutert der Sylter Biologe. Deshalb sei es nur zwangsläufig, dass die Tiere auf hohe Gebäude ausweichen. „Die fungieren als raubtiersichere Brutfelsen“, so Koch, „direkt an den Futterkrippen Mülleimer, Strandkorb und Crêpesbude.“ Das maritime Geschrei der Möwen gehöre zur Küste wie der Wind, sagt der Biologe. Allen, die der Lärm stört, empfiehlt er eine schalldichte Bauweise, Ohropax – und vor allem ein entspannteres Verhältnis zur Sylter Nordseenatur.

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erstellt am 22.Mär.2016 | 19:11 Uhr

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