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„Sylt Shuttle plus“ : Mit der „Geisterbahn“ von Westerland nach Bredstedt

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Seit Sonntag hängt die Deutsche Bahn an ausgewählte Autozüge Personenwaggons - doch nur wenige Fahrgäste nutzten das Angebot.

shz.de von
erstellt am 13.Dez.2015 | 18:06 Uhr

Sylt | Zur Abfahrt vom „Sylt Shuttle plus“ um 10.43 Uhr steht ein einziger Fahrgast auf Gleis 4 am Bahnhof in Westerland. Armin Emde aus Berlin möchte mit dem „SSP“, wie der Zug kurz genannt wird, von Sylt nach Bredstedt und retour fahren, einfach nur so. „Dieser Zug ist so bekloppt, dass ich die Fahrt darin einmal miterlebt haben muss“, sagt der wissenschaftliche Mitarbeiter vom Fachgebiet Schienenfahrwege und Bahnbetrieb der Technischen Universität Berlin, „und das alles nur, um den Mitbewerber RDC außen vor zu lassen".

Der Kampf um den Hindenburgdamm der beiden Bahnunternehmen Railroad Development Corporation (RDC) und DB Syltshuttle zieht sich seit Langem hin. Weil viel mehr Züge als bisher auf der teils eingleisigen Strecke fahren sollen, werden sie sich in den Bahnhöfen Westerland und Niebüll gegenseitig blockieren, so die Befürchtung.

Das größte Problem für den einzigen Fahrgast war der Ticketerwerb: „Leider habe ich keine Möglichkeit gefunden, eine Fahrkarte zu kaufen. Weder online, noch hier vor Ort am Bahnhof. Und das Reisezentrum hat heute geschlossen. Also bleibt mir nichts anderes übrig, als ohne Fahrschein in den Zug zu steigen.“ Er hat Recht: Zumindest im Internet oder am Automaten fehlt die Option, für die Strecke von Westerland oder Niebüll nach Langenhorn oder Bredstedt ein Fernverkehr-Ticket der Bahn lösen zu können.

Ein Mitarbeiter der Bahn äußerte am Sonntag gegenüber der Sylter Rundschau, dass Kunden am Automaten und im Reisezentrum zumindest einen Fahrschein nach Niebüll kaufen könnten; nach Langenhorn und Bredstedt könnte das seiner Aussage nach schwierig werden: In Bredstedt gibt es noch nicht einmal einen DB-Fahrkartenautomaten und ein Schaffner, der Tickets kontrolliert und verkauft, war am Sonntag ebenfalls bei mehreren Fahrten nicht an Bord.

Wer ein Ticket ersteht, muss allerdings tief in die Tasche greifen. Auch wenn die Fahrgäste mit dem „SSP“ nur bis ins nordfriesische Umland befördert werden - hier gilt der gleiche Tarif wie in einem IC. Für eine einfache Fahrt von Westerland nach Niebüll müssen Fahrgäste 9,50 Euro in der zweiten Klasse bezahlen, für den gleichen Trip in der ersten Klasse fallen 16 Euro an. Die Fahrt ist also teurer als beim Mitbewerber, der Nord-Ostsee-Bahn (NOB), die für den gleichen Streckenabschnitt 8,30 Euro in der zweiten Klasse und 12,45 Euro in der ersten Klasse verlangt. Und schneller ist die NOB auch, denn der „Sylt Shuttle plus“ benötigt für die Strecke eine Stunde und 14 Minuten, also rund 40 Minuten länger als die NOB, was unter anderem dem aufwendigen Procedere des An- und Abhängens geschuldet ist.

Das verläuft so: Aus Niebüll kommend wird der Personenbeförderungsteil vom „SSP“ im PKW-Ankunft-Terminal vom Autozug-Teil abgekuppelt. Anschließend wird er zum Gleis 4 rangiert, um Fahrgäste aussteigen zu lassen. Dann fährt der Zug erneut aus dem Bahnhof heraus, wird vor den Autozug gehängt, sodass der komplette „SSP“ mit dem Personenbeförderungsteil zuerst in den Westerländer Bahnhof einfährt. Dann erst wird der Autozug beladen, die Fahrgäste im Personenbeförderungsteil können so lange die vielen schönen Autos zählen, die in atemberaubender Nähe an ihnen vorbei auf den Zug fahren. Zusätzliches Ärgernis ein paar Meter weiter: Die Schranke am Königskamp in Tinnum bleibt währenddessen geschlossen.

Zur Zeit sollen täglich neun „Sylt Shuttle plus“ von Westerland bis nach Bredstedt fahren, acht Züge von Bredstedt nach Westerland. Dazu ein Personen-Zug, der morgens um 4 Uhr in Hamburg-Altona startet und Westerland um 7.30 Uhr erreicht. Kleine Unregelmäßigkeiten im Fahrplan und der Ausfall von mindestens einem Zug am gestrigen Tag kann man unter dem Begriff „Kinderkrankheiten“ verbuchen. Spannend wird es aber sowieso erst, wenn sich die Zahl der eingesetzten Züge drastisch erhöht und der Mitbewerber RDC ebenfalls Autozüge auf der Trasse fahren lässt. Armin Emde aus Berlin wird seine Jungfernfahrt mit dem „SSP“ jedenfalls so schnell nicht vergessen: In Bredstedt forderte der Zugführer ihn und einen anderen Fahrgast freundlich zur Mitfahrt auf: „Immer hinein in die gute Stube, ist umsonst!“

 

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