Serie Sylter Köpfe : „Mister Sturmflut“ brachte Sylts Stürme ganz groß raus

Uwe Sönnichsen (l.) und Jörg Elias sehen dem letzten Vortrag einer 63-jährige Ära entgegen.
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Uwe Sönnichsen (l.) und Jörg Elias sehen dem letzten Vortrag einer 63-jährige Ära entgegen.

Abschied: 63 Jahre lang hat Sönnichsen seine beliebten Diavorträge zu den Themen Sturmfluten und Küstenschutz gehalten. Ende Mai hält der 87-Jährige seinen letzten Vortrag.

shz.de von
12. Mai 2015, 05:08 Uhr

Schäumend brandet das Meer an die Deiche, frisst sich in die Dünen, raubt den Strand: Am 26. Mai holt Uwe Sönnichsen in Westerland zum letzten Mal die Sturmflut ins Haus. Und das bedeutet zugleich das Ende einer Ära: Rekordverdächtige 63 Jahre lang hat Sönnichsen seine beliebten Diavorträge zu den Themen Sturmfluten und Küstenschutz gehalten.

Was für manche der Hunderttausende von Urlaubern ein packendes Unterhaltungsprogramm sein mochte, war für den 87-Jährigen immer eine Herzenssache: Die Dokumentation der Naturgewalten und insbesondere auch des notwendigen Küstenschutzes.

Dafür erhob der Experte auch hörbar seine Stimme – selbst Ministerpräsidenten waren nicht davor gefeit, von Uwe Sönnichsen mit mahnenden Worten bedacht zu werden, wenn das Land nicht genug Engagement zum Schutz der Nordseeküste zeigte.

In Niebüll aufgewachsen, absolvierte Sönnichsen nach der Schule zunächst bei seinem Vater eine Lehre zum Schornsteinfeger – und erlebte in der friesischen Einöde überraschende Begegnungen: In Seebüll säuberte er regelmäßig den Kamin im Hause Nolde. „Pünktlich um 12 Uhr mittags musste ich vom Dach steigen und durfte dann mit Emil Nolde und seiner Frau Mittag essen.“

Im Laufe der Zeit näherten sich der junge Lehrling und der große Künstler an: „Er erzählte mir seine ganze Lebensgeschichte.“ Und nicht nur das: Obwohl Emil Nolde von den Nazis mit einem Malverbot belegt worden war, zeigte er Sönnichsen oft seine neuesten Werke. Und Sönnichsen lernte von dem „sehr ernsthaften, ruhigen“ Mann etwas, das ihm in der Folgezeit von Nutzen sein sollte: Den richtigen Bildaufbau.

Denn nach Lehre und Krieg wurde er als freiberuflicher Fotojournalist tätig, der sogar von den Olympischen Spielen in Helsinki berichtete. Von nun an widmete sich Sönnichsen auch verstärkt jenem Thema, das ihn schon als Steppke faszinierte: Als im Oktober 1936 eine Sturmflut an die Küste brandet, fotografiert der Neunjährige das Naturschauspiel mit einer kleinen Kamera.

1953 hält Uwe Sönnichsen in Westerland seinen ersten Lichtbildervortrag. Zehn Jahre später zeigt er hier zum ersten Mal einen neuen Vortrag mit dem Titel „Die große Flut“, der – laufend aktualisiert – bis heute im Programm ist.

Doch nicht nur auf Sylt, sondern auch in Hamburg, auf Gran Canaria und sogar in New York zeigte Uwe Sönnichsen seine Vorträge. Weit über zwei Millionen Menschen, so schätzt er, haben die vom Referenten fachkundig erläuterten Dias bis heute gesehen.

Die Urlauber und die Politik für den Küstenschutz zu sensibilisieren, ist eine Herzensangelegenheit für den engagierten Streiter. Eine andere ist die Söl’ring Foriining, der er bereits 1956 beitrat. „Im Laufe der Jahre konnte ich dem Verein über 250  000 Euro an Spenden überweisen und etwa 800 neue Mitglieder werben.“

So freute es Sönnichsen denn auch besonders, als er 2007 zum Ehrenmitglied des Sylter Heimatvereins ernannt wurde, dem zweiten erst überhaupt. Auch der Nordfriesische Verein bedachte ihn 2012 mit der Ehrenmitgliedschaft und bereits 1988 war Sönnichsen mit der Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland dekoriert worden.

„Viele haben an meinem Lebenswerk Anteil“, betont Uwe Sönnichsen. Ob Gerd Nickel, der ihn zu den Vorträgen begleitet, der Sylter Fotograf Volker Frenzel, der verstorbene stellvertretende Wenningstedter Kurdirektor Jörg Hinrichsen oder aber Karen Eckert und Jörg Elias vom Insel Sylt Tourismus-Service – sie alle begleiteten „Mister Sturmflut“, wie ihn Freunde nennen, über lange Zeit hinweg. „Vor 30 Jahre habe ich den Einlass bei Uwes Vorträgen gemacht, später die Dia-Schienen eingelegt“, erinnert sich ISTS-Veranstaltungsleiter Jörg Elias noch genau. „Die Vorträge waren bei den Gästen sehr beliebt und eine feste Säule in unserem Veranstaltungsprogramm – sie und Uwe werden uns fehlen.“

Gerne hätte Uwe Sönnichsen noch ein paar Jahre dran gehängt, „aber das machen meine Augen und mein Herz leider nicht mit. Doch, der Abschied fällt mir sehr schwer.“ Der letzte Vortrag am 26. Mai im Westerländer Congress Centrum werde für ihn „wie alle anderen vorher sein“. Doch da lächelt Jörg Elias. „Das glaube ich nicht. Denn natürlich werden wir diese Lebensleistung an dem Abend entsprechend würdigen.“




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