Redakteurin von R.SH auf Sylt : Miriam Köthe: „Ich will mich nicht ärgern, wenn ich im Himmel ankomme“

Journalistin Miriam Köthe berichtete von ihren Krebs-Erfahrungen – und denen ihres Mannes, RSH-Moderator Carsten Köthe.
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Journalistin Miriam Köthe berichtete von ihren Krebs-Erfahrungen – und denen ihres Mannes, RSH-Moderator Carsten Köthe.

Die R.SH auf Sylt-Redakteurin Miriam Köthe ist krebskrank. Unheilbar. Doch die Wahl-Sylterin schafft es, anderen Mut zu machen.

shz.de von
30. Januar 2018, 05:04 Uhr

Sylt | „Ganz ehrlich, wenn du mich fragst, wie ich mich fühle, dann sage ich: Genauso gesund wie du.“ Miriam Köthe lacht sogar während des Telefoninterviews. Kraft und Zuversicht gehen von ihr aus. Bei mir rufen ihre Worte eine Gänsehaut und feuchte Augen hervor.

Miriam und ich kennen uns seit gut 25 Jahren, haben zusammen bei Radio Schleswig-Holstein in Kiel als Praktikantinnen gearbeitet, sind altersmäßig nur zwei Jahre auseinander. Immer wieder haben sich im Laufe der Jahrzehnte unsere Wege gekreuzt. Während ich mich vor zehn Jahren damit beschäftigt habe, wie ich zusammen mit meinen beiden heranwachsenden Töchtern halbwegs unbeschadet durch deren Pubertät komme, hat Miriam die Diagnose Brustkrebs erhalten und ihre erste Krebstherapie samt einseitiger Brustamputation durchlebt.

Durchlitten wäre der falsche Begriff, denn so wie ich Miriam im Job als Menschen kennen gelernt habe, der sich Grenzen setzt um diese zu überwinden, handelt sie auch jetzt. Sie leidet nicht oder hadert mit ihrem Schicksal, sondern schreibt das Buch „Teufelchen in der Brust“. Aus einer gänzlich anderen und vor allen Dingen mutmachenden Perspektive geht sie auf 176 Seiten mit dem Thema Krebs und ihrer Krankengeschichte um.

Auf ihren Lesungen erlebe ich, dass die Zuhörer nicht nur herzhaft über die nach Günther Netzer benannte Perücke lachen, sondern endlich einmal das Gefühl haben, sie erzeugen durch ihre Erkrankung nicht nur Betroffenheit und Traurigkeit bei ihrem Gegenüber. Miriam macht den Kranken und ihren Angehörigen Mut und gibt Nichtbetroffenen einen tiefen Einblick in den Alltag eines Krebspatienten.

Wie ist es möglich, so unverzagt mit dieser Diagnose umzugehen?

Fragen, die mir die Pietät verbieten, beantwortet sie unbefangen ohne naiv zu sein: „Eine Chemo kann man gut hinbekommen, wenn man einige Regeln beachtet... und Perücken halten maximal bis Windstärke 8“.

Ihr Buch wird mit dem IDH-Medienpreis Gesundheit ausgezeichnet, Miriam kehrt ins Leben als Radioredakteurin zurück. Zusammen mit ihrem Mann Carsten baut sie den Sender „RSH auf Sylt“ auf der Insel auf.

Hier wird bei einer Routineuntersuchung entdeckt, dass der Krebs zurückgekehrt ist. Nicht nur in die Brust, sondern auch in die Leber. Statistische Überlebensdauer für die Erkrankten: Drei Jahre.

Während meine Töchter in die Welt hinausgehen und ich in meiner Lebensmitte gedanklich immer mal wieder zu neuen Ufern aufbreche, höre ich von ihr: „Ich werde weder eine Riester-Rente beziehen noch eine Wohnung in der Seniorenresidenz brauchen. Ich habe noch eine gewisse Zeit zu leben und die möchte ich perfekt nutzen – mit Spaß und Freude, mit Freunden und Reisen. Ich würde mich einfach unfassbar ärgern, wenn ich im Himmel ankomme und die zwei Jahre, die ich vielleicht noch gehabt habe, nicht genutzt hätte.“

Wie ist es möglich, so unverzagt mit dieser Diagnose umzugehen, frage ich Miriam und gebe zu, dass mich das irritiert. „Ich irritiere die Menschen total. Das liegt aber daran, dass ich Realistin bin. Für Krebskranke mit meiner Diagnose macht es wenig Sinn, Jahrzehnte in die Zukunft zu planen. Du darfst nicht in einer „Alles wird gut-Blase“ leben. Wenn ich etwas unternehmen möchte, dann gleich. Nächstes Jahr könnte es schon zu spät sein.“

Sylt gibt Miriam Kraft

Bei Miriam Köthe ist der Krebs zurückgekehrt. Auch das thematisiert sie bei ihren Lesungen.
Bei Miriam Köthe ist der Krebs zurückgekehrt. Auch das thematisiert sie bei ihren Lesungen.
 

Sylt hat in Miriams Leben schon immer eine wichtige Rolle gespielt, inzwischen lebt und arbeitet sie zeitweise hier. Bereits vor der Ersterkrankung haben sie und ihr Mann Carsten jede freie Minute auf der Nordseeinsel verbracht, während der Krankheit erst recht: „Für mich war und ist Sylt immer ein Stück heile Welt. Mein erster Wohnort Kiel ist für mich mit Krankheit und Klinik verbunden, hier auf der Insel tritt das alles in die zweite Reihe. Wenn ich morgens über die Strandpromenade zur Arbeit gehe, weiß ich, dass ich mir was Gutes tue.“

Deshalb sind viele Insel-Orte mit den unterschiedlichen Etappen von Miriams Krebserkrankung verbunden: In der Braderuper Heide hat sie sich zum ersten Mal getraut die Perücke abzunehmen, in Hörnum am Strand fanden lange Spaziergänge vor der Operation für das Brustimplantat statt.

„Wenn ich während der Chemotherapie die Kraft hatte, sind wir hierher gefahren und haben ausprobiert, ob es mit dem Spazieren gehen und Fahrradfahren schon wieder klappt. Hier konnte ich wieder auftanken“, schwärmt sie.

Jetzt ist der Krebs zurück. Doch Miriam wäre nicht Miriam, wenn sie nicht auch diese Situation positiv nutzen würde. Als die Anfrage von Axel Link, Geschäftsführer der Fernsehsender SYLT 1 und Health TV, zur Lesung aus ihrem Buch „Teufelchen in der Brust“ kam, hat sie gleich ein ganzes Konzept für ihre Mutmachgeschichte daraus gemacht: Weil die Insel Sylt genauso zu ihrem Leben gehört wie der Krebs, liest Miriam für das neue Fernsehformat nicht nur aus ihrem Buch vor, sondern nimmt die Zuschauer mit an verschiedene Inselorte wie die Sansibar, ins Miramar oder zum Friseur. In neun Episoden erzählt sie authentisch und sehr persönlich die Geschichte rund um ihre Krebserkrankung, bevor sie Kapitel aus ihrem Buch vorliest. „Jeder Ort, der auf der Insel für mich wichtig ist, kommt vor. Ich wollte nicht nur einfach mein Buch vorlesen, ich wollte eine ganze Mutmachgeschichte, meine Mutmachgeschichte erzählen. Auch, wenn ich unheilbar krank bin – warum sollte ich damit aufhören, anderen Mut zu machen?“

Mit einer kullernden Träne lege ich den Hörer auf.

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