Mir ist noch nicht danach

23-49534700_23-54758767_1377617703.JPG von
09. November 2013, 00:33 Uhr

Das ist doch... ja, das ist sie. Bei einem Bummel durch Keitum treffe ich eine Kieler Bekannte. „Also mit dir hätte ich hier heute als allerletztes gerechnet“, begrüße ich sie freudestrahlend. Sie stellt stöhnend ihre vier Tüten ab und erklärt atemlos: „Ich bin nur auf Tagesbesuch hier. Weihnachtsgeschenke kaufen.“ Ich gucke sie an wie ein Morsumer Deichschaf. WEIHNACHTSGESCHENKE?! Irgendwie sind mein Körper sowie mein Geist gerade vom Spätsommer- auf Frühherbstmodus umgesprungen. Weihnachtsgeschenke?! So weit bin ich noch lange nicht. Mir ist noch nicht nach Weihnachten.

Stunden später treffe ich sie erneut. In Westerland. Die vier Tüten haben regen Zuwachs bekommen und ihre Arme scheinen optisch um einige Zentimeter länger geworden zu sein. „So, jetzt bin ich durch. Psychisch, physisch, aber glücklicherweise auch was die Geschenke angeht“, sagt sie sichtlich erleichtert. Letzteres freut mich für sie. Ich habe noch keine Geschenke. Für niemanden. Mir ist noch nicht nach Weihnachten.

Das ändert auch unser gemeinsames Getränk nicht, obwohl wir beide einen Eierpunsch (DAS Weihnachtsgetränk schlechthin!) in der Hand halten. Als meine Bekannte sich verabschiedet, zieht sie den Reißverschluss ihrer Daunenjacke bis zum Kinn - und das obwohl wir deutliche Plusgerade haben. Meine Gefühle spielen verrückt. Ich habe doch gerade noch beim Windsurfworldcup bei Sonnenschein unten am Brandenburgerstrand gestanden, die Ärmel meines Pullis vor „Hitze“ hochgeschoben und nach einem kühlen (!) Bier verlangt. Nein, mir ist noch nicht nach Weihnachten.

Mit meinem ipod und den Sommercharts im Ohr gehe ich Besorgungen machen. Unter anderem gönne ich mir bei Douglas einen neuen Lippenstift. „Soll ich ihn verpacken? Weihnachtlich?“, fragt die Kassiererin freundlich. Grrr. „Nein. Er ist nur für mich... und mir ist noch nicht nach Weihnachten.“

Bei mir ist weiterhin Herbst. Ein toller Herbst. Einer mit lauen Temperaturen, viel Sonne und einem ersten fetten Herbststurm, der leider viele Schäden angerichtet hat. (Klar, Sturm gehört zum Herbst dazu, aber der war mir doch etwas zu heftig.) Ich beschäftige mich damit, Laub zu fegen und dort zu joggen, wo keines liegt - nämlich am Strand. Ich trage weiterhin einen „Übergangsmantel“ statt meines Woolrich-Parkers und Chucks statt Winterstiefel. Ich ignoriere die Schilder und Tafeln vor den Restaurants, die mir Grünkohl satt, Ente mit feierlicher Zimtsoße und 5-Gang Weihnachtsmenüs anbieten und wähle stattdessen leckere Herbst- Eintöpfe oder das, was bei mir zu jeder Jahreszeit geht: Wiener Schnitzel! Mir ist noch nicht nach Weihnachten.

Sollten Sie mich dieser Tage irgendwo auf Sylt treffen, brauchen Sie mir eine Frage nicht zu stellen. „Und? Feiern Sie dieses Jahr auf Sylt?“
Ich weiß es schlicht und ergreifend noch nicht. Ich habe mich noch nicht damit beschäftigt. Den Grund, den kennen Sie.

Jeden Sonnabend beschreibt Miriam Köthe exklusiv für die Sylter Rundschau, was ihr auf Sylt so auffällt und gefällt. Die Kieler Journalistin besucht mit ihrem Mann, dem R.SH-Morningman Carsten Köthe, in jeder freien Minute die Insel.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen