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Prozess in Flensburg : Messerattacke in Sylter Flüchtlingsunterkunft: Angeklagter schweigt zur Tat

vom

Dem 30-Jährigen aus dem Jemen wird vorgeworfen, „vorsätzlich einen Menschen getötet zu haben“.

Flensburg/Westerland | Es handelte sich um den ersten Totschlag in einer Flüchtlingsunterkunft in Schleswig-Holstein. Ein 30-Jähriger aus dem Jemen muss sich vor der Ersten Großen Strafkammer des Landgerichts Flensburg verantworten, der laut Anklage Anfang November einen 21-Jährigen aus Somalia in einer Asylquartier in Westerland auf Sylt mit dem Messer getötet hat. Der 30-Jährige war kurz nach der Tat festgenommen worden und ist seitdem in einer psychiatrischen Einrichtung untergebracht.

Am Freitag im Landgericht Flensburg: Mit angelegter Hand- sowie Fußfessel und vorsichtigen Schritten betritt der Angeklagte den Gerichtssaal. Die Gesichtszüge des sehr jung wirkenden 30-Jährigen sind weich. Die Blicke von Emad Mohammad A. sind die meiste Zeit gesenkt, nur selten schaut er durch seine Brille kurz ins Leere. Auf Bitte seiner Verteidigerin werden ihm im Gerichtssaal beide Fesseln abgenommen. Ihrem zuvor gestellten Antrag, die Öffentlichkeit während der gesamten Hauptversammlung auszuschließen, gab das Gericht jedoch nur teilweise statt, da „die schutzwürdigen Interessen des Beschuldigten gegenüber dem Informationsinteresse nicht überwiegen“, so der Vorsitzende Richter. Lediglich eine Gutachterin soll hinter verschlossenen Türen angehört werden.

Die Anlage wirft Emad A. vor, am 4. November 2015 „vorsätzlich einen Menschen getötet zu haben“. „Aufgrund einer seelischen, krankhaften Störung war er nicht in der Lage, das Unrecht zu erkennen“, sagt der Staatsanwalt. „Er ist für die Allgemeinheit gefährlich.“ Ohne Anlass habe der Angeklagte am frühen Morgen im Männer-Gemeinschaftsbad der Westerländer Asylunterkunft am Sjipwai mit dem Messer auf sein Opfer drei Mal eingestochen – er traf dabei den linken Oberarm und die Schulter. Der dritte Stich traf den 21-jährigen Sabir A. I. in den Hals. Der mehr als 16 Zentimeter lange Stichkanal führte laut Anklage durch die Halsvene, die Schlagader und an den Kehlkopf. Dieser letzte Stich, „bei dem die Klinge abbrach“,  sei tödlich gewesen. Das Opfer habe die Asylunterkunft noch verlassen können, hier brach der 21-Jährige jedoch zusammen. „Er verblutete im Rettungswagen“, sagt der Staatsanwalt.

Zur Tat will sich Emad A. nicht äußern. Der jemenitische Staatsbürger beantwortet über einen Dolmetscher jedoch Fragen zu seinem bisherigen Leben. Demnach wurde er im Dezember 1985 in Riad in Saudi-Arabien geboren und kam im Alter von fünf Jahren in den Jemen, besuchte hier die Schule bis zum Gymnasium. Danach habe er mehrere Tätigkeiten wahrgenommen, vor allem für Ölunternehmen. Später sei er nach Europa gekommen, gelangte zunächst nach Norwegen, Schweden, Dänemark und Finnland. „Ich habe stets eine schöne Gelegenheit zum Leben gesucht“, sagt der Angeklagte dem Richter. Im Mai 2014 schließlich sei er nach Deutschland gekommen. Zu seinen Eltern im Jemen und seinen sechs Geschwistern habe er bis heute den Kontakt gehalten.

„Warum haben Sie den Jemen verlassen?“, will der Vorsitzende Richter wissen. Grund sei ein Racheschwur gegen seine Familie, antwortet der Angeklagte. Ein Cousin habe in seiner Heimat jemanden einer anderen Familie getötet, die nun ihrerseits seine Familie mit dem Tode bedroht. In Europa habe er zunächst in Norwegen und Schweden Asylanträge gestellt, bestätigt Emad A. auf Nachfrage des Richters. Beide seien jedoch abgelehnt worden, weil er falsche Angaben zu seiner Person gemacht habe. „Ist es denn jetzt Ihr richtiger Name?“, fragt der Vorsitzende nach. „Ja“, beteuert der Angeklagte.

Auch zwei Zeugen – Flüchtlinge aus Somalia im Alter von 28 und 19 Jahren, die derzeit in Westerland leben – kannten ihn lediglich unter einem falschen Namen: „Shatif“. Beide lebten mit dem späteren Opfer in einem Zimmer. „Ich haben früh morgens einen Schrei, dann jemanden rennen gehört“, lässt der 28-Jährige übersetzen. Plötzlich habe der Beschuldigte vor der Zimmertür gestanden, sei dann auf ihn zugegangen. „Ich habe gefühlt, dass er eine Waffe hat“, meint der Zeuge. „Ich habe in seinen Augen gesehen, dass er mir etwas antun wollte und habe ‚Nein, Nein, Nein‘ gerufen.“ Einen Tisch habe er wie ein Schild für seine Verteidigung benutzt – schließlich sei es ihm gelungen nach draußen zu laufen. Sein Zimmergenosse, der 19-Jährige, bestätigt: „Ich habe noch geschlafen, war erst halb wach, sah den Streit und bin gleich davongerannt.“ Beide wurden nicht Zeugen der Bluttat, sahen aber Sabir A. I., der aus Bayern für einige Tage auf Sylt zu Besuch war, blutend vor der Unterkunft zusammenbrechen. Ein Messer mit einem gelben Griff, das immer mit Besteck auf der Fensterbank lag, sei weg gewesen, bestätigt der 28-Jährige der beisitzenden Richterin.

Zu Beginn sei Emad A. ganz normal gewesen, sagen beide Somalier aus. Dann – etwa eine Woche vorher – sei er „immer leiser“ geworden, habe gesagt, dass er „sehr schwer krank“ sei, und dass er keine Medikamente mehr nehmen wolle. Er habe gewusst, dass er psychisch krank war, sagt der 19-Jährige.

Ein dritter Zeugen, ein 21-jähriger Syrer, der mittlerweile in Stade lebt, wohnte nach eigenen Angaben mit dem Angeklagten drei Monate in einem Zimmer, kannte diesen aber kaum. Aber ihm habe der Beschuldigte Angst gemacht, als er ein schwarzes, langes Messer von der Fensterbank nahm und sich in die Hosentasche gesteckt habe. Am Tag der Bluttat, sei er am Bahnhof Westerland gewesen, habe dort den mutmaßlichen Täter wieder gesehen – und dessen Festnahme beobachtet. Da habe ein Messer mit orangenem Griff dabei gehabt.

In dem Sicherungsverfahren geht es um eine dauerhafte Unterbringung des Angeklagten in einem psychiatrischen Krankenhaus. Der Prozess wird fortgesetzt.

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erstellt am 15.Apr.2016 | 17:20 Uhr

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