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Nach Tod des Schriftstellers : Fritz J. Raddatz: Streitbarer Geist und glühender Sylt-Liebhaber

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Der Schriftsteller und Journalist schrieb nicht nur originell und hinreißend über Sylt, er hat auch hier bereits seine Grabstätte ausgesucht.

shz.de von
erstellt am 27.Feb.2015 | 06:47 Uhr

Hamburg/Sylt | Er war ein Zeitzeuge des deutschen Kulturlebens: Fritz J. Raddatz. langjähriger Feuilleton-Chef der Wochenzeitung „Die Zeit“, zählte zu den einflussreichsten Literaturkritikern in Deutschland. Er schrieb mit spitzer Feder und ohne Weichzeichner, konnte verletzend und bösartig sein. Erst im vergangenen Jahr hatte er seinen Abschied vom Journalismus erklärt. „Ich habe mich überlebt“, schrieb er in einem Artikel für „Die Welt“.  Mit 83 Jahren ist Raddatz am Donnerstag gestorben.

Vielen Sylter wird er in Erinnerung durchaus lebendig bleiben. Raddatz pflegte zu der Insel ein leidenschaftliches Verhältnis, das sich vor allem in seinem bekannten Buch (2006) „Mein Sylt“, geradezu hemmungslos gibt. Nach dem Erscheinen seiner „Liebeserklärung an Sylt“ überschlug sich die Kritik in Lobpreisungen darüber.

So schrieb etwa die Stuttgarter Zeitung: „Der ehemalige Feuilletonchef der Zeit, begnadete Schriftsteller und langjährige Insel-Liebhaber Fritz J. Raddatz beschreibt uns seine Trauminsel. Mein Sylt ist eine literarische Genussreise an Orte, die den Kopf frei machen.“ Gemeint waren Sätze wie diese: „Wie hier der Himmel aufgerissen wird, schweigend und zerspleißend zugleich wie Seide, wenn die Vögel im Naturschutzgebiet des Rantumer Beckens ihn schneiden: das gibt es nur hier."

„Mein Sylt“ ist die Liebeserklärung des Autors an seine Insel, die ihm ein sich ständig erneuerndes Wunder ist - ebenso theatralisch und rauschhaft wie einsam, verwunschen und giftig. Raddatz' Sylt beginnt genau fünf Gehminuten von Kampens Whiskymeile entfernt. Fernab des Luxusrummels flaniert er durch die Dünen, erinnert sich an Begegnungen mit Rudolf Augstein, Hubert Fichte oder Barkeeper Karlchen und führt mit Esprit und Eleganz durch die Geschichte seiner Insel, die ihn mit ihrer Mischung aus südlichem Glast und nördlichem Starrsinn in ihren Bann geschlagen hat.

Ein Kritiker der Online-Seite „Der Umblätterer“ schrieb nach der Lektüre des Buches: „Was für ein hammermäßiger Beginn, FJR fällt wieder mal mit der Tür ins Haus: ,Dinieren Möwen? Küssen Quallen? Wispern Igel?' Ganz klar, wer so fragt, ist ein Verfallener, einer, der vom Wunder seiner Insel geradewegs in die Metaphernhölle fährt, weg vom ,Heizdecken­paradies des Billigtourismus' – Sylt, das ist ihm ein ,schwarzes Paillettenkleid', Sylt, das ist ihm ,ein Juwel in schimmerndem Blütensamt'. FJR nimmt sie alle mit und ,innerlich gewaschen' kehren sie wieder: Thomas Mann, Hubert Fichte, Kurt Tucholsky, Pastor Traugott, Alexander Mitscherlich, Alfred Kantorowicz, Peter Suhrkamp, Barkeeper Karlchen, Carl Zuckmayer und die ,Kreissparkassendirektoren mit zu grünen Jacken, zu blonden Zweitfrauen', ganz zu schweigen vom ,wendischen Wettergott'. Das Meer zieht ihnen allen ,den Schmutz aus der Seele'. ,Das Meer erzählt seine Märchen'. FJR erzählt seine Anekdoten. Unter anderem erfährt man, dass die Gemeindevertretung von Kampen Hermann Göring im Jahre 2005 die Ehrenbürgerschaft aberkannt hat. FJR ist in ,Mein Sylt' keineswegs ,nur der leicht hinkende weißhaarige Alte, der in verbeulten Cordhosen in Kampen durchs Dorf schlurft'; er ist ein Sylt-Prediger, der ,in lauter kleinen Devotionalienbildern' huldigt.

In FJRs Sylt-Spaziergängen kommt man vorbei am Keitumer Friedhof, an ,hellgelbgrünen Weidenkätzchen' oder an ,Uta und Armin Findeisens Ziegenkäserei'. Der Himmel – der dem ,Perlmutt einer umgestülpten Riesenmuschel' gleicht – ist ganz groß, und man denkt: Sylt ist eigentlich doch ganz okay.

Wie tief der gern als eitel, arrogant und verletzend dargestellte Intellektuelle sich mit Sylt verbunden fühlte, belegt ein Interview, das Raddatz 2011 anlässlich seines 80.Geburtstages mit dem Berliner Tagesspiegel führte. Die Zeitung fragt ihn, Herr Raddatz, Sie haben sich zum 70. Geburtstag einen Grabstein geschenkt. Was gibt’s jetzt zum 80.? Er antwortet: Ein Bild, ich bin ja ein Augenmensch. Der Maler ist tot, aber er gehört zur Klassischen Moderne. Mehr verrate ich nicht. Und dann dreht sich das Gespräch weiter um Grabstein und Grabstätte. „Die passende Grabstätte haben Sie schon mit 50 erworben, recht früh.“ Raddatz begründet dies. „Ich war da in einer Phase der gewachsenen Melancholie und dachte, mein Gott, man kauft sich alles Mögliche, einen Eisschrank, ein Auto, vielleicht sogar ein Haus. Doch die Leute denken dabei nie an die letzte Wohnung. Und meine sollte unbedingt auf Sylt sein, meiner zweiten Heimat.

Es war gar nicht so einfach, weil der alte Friedhof in Keitum schon aufgelassen war, man konnte da nichts mehr erwerben.

Das war für Sie kein Hindernis …

… weil ich mit dem damaligen Pastor von Sankt Severin sehr befreundet war, dem verehrten Traugott Giesen, mit dem ich beim Rotwein wunderbare Streitgespräche über seinen lieben Gott geführt habe, der ja nicht mein lieber Gott ist. Er hat mich mit dem Chef der Friedhofsverwaltung verkuppelt, der zeigte mir eine Stelle zur Straße hin. Doch ich sagte ihm, hier ist es mir zu laut. Der nächste Platz war mir zu klein, man muss ja auch an seine Gäste denken. Den dritten habe ich genommen. Ein stiller, beschaulicher Ort mit alten Hecken und verfallenen Mäuerchen. Und, das Wichtigste, mit Blick aufs Watt.“

Wann die Beisetzung von Fritz J. Raddatz sein wird, war am Donnerstag ebenso wenig zu erfahren wie die Bestätigung zu bekommen, dass der glühende Inselliebhaber tatsächlich auf Sylt seine letzte Ruhe finden wird.

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