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Bürgermeister Nikolas Häckel im Interview : „Mein Umfeld muss erkennen, dass ich echt und ehrlich bin“

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Nikolas Häckel spricht im Interview über die umstrittene Quotenregelung, vermeintliche Fettnäpfchen und darüber, ob er abends noch gut einschlafen kann.

Während sich das Inseljahr langsam dem Ende zuneigt, hat sich die Sylter Rundschau mit den fünf Inselbürgermeistern unterhalten, welche Themen sie und ihre Gemeinden 2015 bewegt haben. Den Anfang der Interview-Reihe macht der Bürgermeister der Gemeinde Sylt, Nikolas Häckel. Die weiteren Interviews lesen Sie zwischen den Jahren in der Sylter Rundschau.

Was waren aus Ihrer Sicht die großen Themen, mit denen sich die Gemeinde Sylt 2016 beschäftigt hat?

Nikolas Häckel: Das war die Bauleitplanung zur Schaffung von Dauerwohnraum, dann die Umsetzung der Pläne, Dauerwohnraum durch das Kommunale Liegenschafts-Management zu bauen und die Flüchtlings-Thematik.

 

Fangen wir mit dem Wohnungsbau durch KLM an: Läuft das so, wie Sie es sich vorstellen?

Die Projekte, die jetzt umgesetzt werden, habe ich ja nicht angestoßen. Also kann ich mich damit persönlich nicht so stark identifizieren. KLM funktioniert als Eigenbetrieb sehr autark. Von daher freue ich mich über den Fortschritt, aber ich identifiziere mich damit nicht, es sind eben nicht „meine“ Projekte.

 

Sie haben in einem Interview mit unserer Zeitung ja schon angezweifelt, ob der kommunale Wohnungsbau auf Sylt die einzig selig machende Option ist. Was sehen Sie also für die Zukunft?

Wir müssen weiterhin parallel bauen und durch die Planung steuern. Ich habe das Gefühl, dass wir gerade immer nur die Wohnungen bauen, die uns durch Verkäufe oder Umnutzungen wegfallen. Wir müssen in die Spur kommen, dass wir mehr bauen als aktuell zerstört wird. Das würde aber heißen, dass wir über KLM immense Gebäudemengen bauen müssten. Es wird ja immer bezweifelt, dass wir wirklich 2000 neue Dauerwohnungen auf Sylt brauchen. Ich glaube: Wenn es so weiter geht, dann brauchen wir sie. Weil definitiv auch heute noch Dauerwohnraum zerstört wird. Darum müssen wir eine 40/60-Regelung umsetzen, auch wenn das nicht allen leicht fällt.

 

Woran liegt es aus Ihrer Sicht, dass sich dagegen so viele Insulaner sträuben?

Jeder denkt, von diesem Kuchen Tourismus noch etwas abgreifen zu müssen. Aber wenn man es als Touristiker betrachtet - ich sitze ja im Aufsichtsrat des ISTS – und die Zahlen kennt, weiß man, dass wir froh sein können, wenn wir die jetzigen Gästezahlen halten. Wir brauchen nicht noch mehr 08/15-Ferienwohnungen. Eher weniger.

 

Gerade in Tinnum gibt es gegen die 40/60-Regelung lautstarke Proteste. Verstehen Sie die?

Gesellschaftlich gesehen verstehe ich sie nicht, politisch gesehen auch nicht. Wenn ich auf den einzelnen Bürger gucke, dann schon: Für den bedeutet die Regelung schließlich einen Einschnitt. Wir dürfen uns aber nicht nur als Einzelne sehen, nach dem Motto: „Ich bin der Letzte, der noch verkauft - danach kann die Regelung gerne in Kraft treten“. Ich habe auch als Einzelner eine gesellschaftliche Verantwortung.

 

In der Theorie wird Ihnen wahrscheinlich jeder zustimmen. Aber kann man das als Bürgermeister überhaupt schaffen? So ein Gemeinschaftsgefühl aufleben zu lassen, es anzustacheln?

Wir versuchen auf vielfältige Art, diesen Geist zu wecken. Aber es ist so: Wenn es ans Geld geht, hört es für viele auf. In der Flüchtlingsfrage haben wir ein wahnsinniges Engagement des Ehrenamtes. Super! Da sind viele bereit zu geben. Das ist ja auch Gemeinschaftssinn. Aber wenn es an mein Portemonnaie geht, an mein Eigentum, an meine persönlichen Ängste...

Diese Ängste sorgen auch dafür, dass sich die Leute verschließen. Dass sie nicht mehr verstehen wollen. Die Diskussionen, die wir über die 40/60-Regelung führen, sind ja immer die selben. Ich glaube, es ist wirklich schwer, Offenheit zu schaffen, wenn es um das eigene Vermögen und die eigene Zukunftsangst geht.

Auch ich persönlich habe Eigentum. Auch ich komme irgendwann in die Situation, dass mich der Bebauungsplan für mein Gebiet begrenzen wird. In den Diskussionen wird gern das Beispiel der Erbsituation gebracht. Da sage ich: Man muss das bitte langfristig regeln. Meine Familie hat das durch ein kluges Testament geschafft. Der, der das Haus als Dauereigentum übernimmt, der bekommt 70 Prozent, der, der nur Geld sehen will, nur 30 Prozent. Es fiel meiner Mutter nicht leicht, ihre Kinder ungleich zu behandeln.

Aber solche Wege müssen gegangen werden. Ansonsten haben wir verloren.

 

Blicken wir auf den Anfang des Jahres zurück. Mit welchen Gefühlen erinnern Sie sich an die Hochzeit des Wahlkampfs im Januar?

Ich habe den ganzen Wahlkampf über versucht, mit beiden Ergebnissen zufrieden und glücklich zu sein. Von daher war ich emotional ein bisschen zurückgenommen.

 

Das glaube ich Ihnen nicht.

Das mag sein, aber dem war so. Ich habe mich mit ganz vielen Mitstreitern wirklich engagiert. Immer mit dem Wissen, dass wir etwas Gutes erreichen wollen. Das wurde aber alles erst real, als es so weit war. Ich muss mich jetzt noch damit auseinandersetzen, wie die Wahl ausgegangen ist. Die Leute sagen: „Herr Bürgermeister“ und ich gucke immer noch hinter mich und frage mich, wo ist er denn? Es ist noch nicht Alltag. Ich versuche einfach, gute Arbeit zu machen. Dabei muss ich für mich noch lernen, dass dieses Amt auch eine zweite Ebene bedient. Diese repräsentative Ebene, auf der bin ich noch nicht vollkommen angekommen. Das braucht noch Zeit. Aber ich fühle mich wohl. Ich hatte auch oft Spaß an der Arbeit.

 

Ist der Bürgermeister–Job schwerer als Sie gedacht haben?

Er ist anders. Ich würde nicht sagen, schwerer. Ich merke beispielsweise, dass sich meine Arbeitsweise doch sehr verändert. Meine strukturierte Arbeitsweise. Ich stelle fest: Ich muss ganz anders arbeiten, um dieser Flut von Informationen gerecht zu werden, muss mir eine Art Mut zur Oberflächlichkeit antrainieren. Nicht im negativen Sinne. Sondern ich muss lernen, dass ich zwar in allen Themen Bescheid wissen, aber nicht alle Details kennen kann.

 

Müssen Sie auch lernen, Ihren Amtsleitern Arbeit zu überlassen?

Ja, und auch den Mitarbeitern. Weil ich immer noch im Kopf habe, wie ein Produkt aussehen muss. Ich muss zulassen, dass es auch anders aussehen kann und trotzdem gut ist.

 

Sie haben in diesem Jahr auch Gegenwind erlebt. In diesem Haus, aus der Politik. Trifft Sie das persönlich, lässt der Sie abends manchmal nicht gut einschlafen?

Das kommt auf die Themen an. Es gibt Themen, die mich persönlich treffen. Und es gibt Menschen, die persönlich betreffen. Nachts nicht einschlafen? Es ist eher so, dass ich nachts aufwache, um etwas zu tun. Einschlafen geht, aber das Durchschlafen hat sich verändert. Und ich merke, wie toll es ist, nachts um drei mit klaren Gedanken aufzuwachen und zu arbeiten. Spannend.

 

Im Votum zu Ihre Verwaltungsreform hat sich gezeigt, dass viele Gemeindevertreter Ihnen offenbar nicht vertrauen. Woran liegt das?

Ich weiß es nicht. Ich habe von Anfang an mit jedem das Gespräch gesucht, unpolitisch und sauber gearbeitet.

 

War es so, dass Sie in den vergangenen Monaten an sich beziehungsweise an diesem Job gezweifelt haben?

Nein. Ich frage mich eher: Woran liegt es? Habe ich etwas nicht gut genug transportiert? War ich zu schnell? Und dann stellt sich bei Gegenwind auch immer die Frage: Wie ehrlich ist der? Hinterrücks mag ich nicht. Werde ich auch nie mögen. Bin ich auch nicht. Und das muss auch mein Umfeld lernen. Mein Umfeld muss erkennen, dass ich echt und ehrlich bin. Dass ich nicht taktiere. Das glauben noch viele nicht. Dass ich in diesem Amt auf Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit setzen möchte. Und ich mir jeden Morgen und jeden Abend beim Zähneputzen im Spiegel in die Augen gucken möchte und sagen kann: Das ist okay so, wie Du bist.

 

Gibt es etwas, worauf Sie im Jahr 2015 besonders stolz sind?

Wir können echt stolz darauf sein, wie wir die Flüchtlingsthematik bearbeiten. Verwaltungsintern, politisch und ehrenamtlich. Da erreichen wir wirklich Großartiges. Ich bin stolz darauf, viele Kleinigkeiten erreicht zu haben, die auch in meinem Wahlkampfprogramm standen.

 

Gibt es etwas, dass Sie bereuen?

Es sind oft Kleinigkeiten, bei denen ich überlege, hätte ich da anders rangehen können. So richtig Mist gebaut... Ich hörte vor kurzem, ich hätte am Anfang jedes Fettnäpfchen mitgenommen. Das empfinde ich aber nicht so.

 

Hat Ihnen das jemand ins Gesicht gesagt?

Das wurde mir auch ins Gesicht gesagt. Und ich habe überlegt, welche es denn waren. Ich glaube, für mich waren es keine Fettnäpfchen, sondern Sachen, bei denen ich dachte, da muss man jetzt ran.

 

Was wünschen Sie sich für die Gemeinde Sylt im Jahr 2016?

Ich wünsche uns wirklich, dass wir nicht nur auf uns, sondern auf uns als Gemeinschaft schauen. Dabei wünsche ich mir auch den Blick über die Gemeinde hinaus.

 

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erstellt am 18.Dez.2015 | 17:46 Uhr

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