Gedenken : Mein Onkel Hubertus

Hubertus Jessel in den 80er Jahren am eisigen Weststrand beim „Warmlaufen“ vor seinem täglichen Bad im Meer. Foto: Hans Jessel
Hubertus Jessel in den 80er Jahren am eisigen Weststrand beim „Warmlaufen“ vor seinem täglichen Bad im Meer. Foto: Hans Jessel

Zur heutigen Beerdigung von Hubertus Jessel erinnert sich sein Neffe Hans Jessel an einige Anekdoten. Disziplin und Bewegung stechen hervor.

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15. Oktober 2008, 08:56 Uhr

Hubertus war für mich das, was man einen "besonderen Menschen" nennt. Sein Hang zur künstlerischen Betätigung, sein Humor, seine Lebensdisziplin und nicht zuletzt seine Sportlichkeit faszinierten mich schon seit meinen Jugendjahren.

Im schönen Sommer 1971, ich war damals 15 Jahre alt - Hubertus also 55 - trafen wir in unserem Garten in der Friesischen Straße an unserer selbst gebauten Reck-Anlage zu einem sportlichen Showdown zusammen. Mein Vater, sein Bruder Hubertus und mein Bruder Uwe sollten zuschauen, wie ich eine Schwungstemme turnte, eine nicht ganz einfache Übung, die am Gymnasium Sylt damals nur von wenigen meiner Mitschüler beherrscht wurde. Mir war es wichtig, gerade Hubertus zu zeigen, was ich mir antrainiert hatte.

Er schaute sich meine Kür an, ging dann mit betont geradem Oberkörper unter die Reckstange, sprang hoch, begann zu schwingen - und turnte ebenfalls eine Schwungstemme! Ich war geplättet und erinnere mich noch an einen Satz von ihm, den ich nie wieder vergessen sollte: "Mens sana in corpore sano", was so viel bedeutet wie "Ein gesunder Geist kann nur in einem gesunden Körper wohnen". Sprachs, und sprang vom hohen Reck herab.
Bei gefühlten -20 Grad Celsius ins Meer

Gut zehn Jahre später begegnete ich meinem Onkel in einer wahrhaft außergewöhnlichen Situation: An einem schneidend kalten Februarmorgen - das Thermometer zeigte bei scharfem Ostwind saftige Minustemperaturen, die man heute als gefühlte minus 20 Grad bezeichnen würde - lief ich am Strand vor Westerland in Richtung Süden, um die erstarrte Pracht aus Eis und Schnee in Fotos festzuhalten. Da kommt mir aus der Ferne ein menschliches Wesen entgegen gejoggt, nur mit einer Badehose und Turnschuhen bekleidet: mein Onkel Hubertus!

Im Vorbeilaufen höre ich noch: "Ich lauf mich nur eben noch warm!" Dann sehe ich ihn zum wasserseitigen Eisrand gehen und - nach Entledigung der Restkleidung auf einer Eisscholle - in die Fluten steigen, erst noch restliche Eisbrocken vor sich her schiebend, dann ruhig schwimmend - dem offenen Meer entgegen.
Stoppuhr in der Hosentasche

Vor gerade einmal zwei Jahren - Hubertus hatte wenige Monate vorher seinen 90. Geburtstag begangen - kam es zu einem weiteren Treffen, diesmal auf der Westerländer Strandpromenade: Mich hatte das Lauffieber befallen und so war ich in schnellem Tempo in Richtung Süd unterwegs, als ich vor mir einen pudelbemützten kleinen Menschen eilig gehen sehe, fast schon laufen: Onkel Hubertus! Ich überhole von hinten, grüße vernehmlich und erhalte die Antwort: "Walken! Olympische Disziplin!" Ich laufe weiter, quere die Dünen in Höhe Käptn-Christiansen-Straße, um dann über die Himmelsleiter wieder zum Strand zurückzukehren. Beim Hinablaufen sehe ich Hubertus am Ende der Wandelbahn, wie er aus seiner Trainingshose eine Stoppuhr zieht, abliest, erneut drückt und anschließend sofort in schnellem Schritt in Richtung Norden davonläuft…

Vor wenigen Tagen nun ist mein Onkel gestorben. Genauso diszipliniert, wie er gelebt hat. Als ich heute morgen zum Baden an den Strand laufe, ist er in Gedanken bei mir. Ich kämpfe mich durch die Brandung, schwimme dann in schnellen Zügen weiter, immer stärker von dem Gefühl beseelt, nicht alleine zu sein in diesem eiskalten Meer. Plötzlich berührt mich gar etwas am Arm, schwimmt unter der Oberfläche um mich herum. Momente später taucht ein Seehund auf, nur wenige Meter von mir entfernt.
Seehunds Gruß

Wir schauen uns an, sekundenlang: "Na", höre ich da eine Stimme, "willst Du auch den ganzen Winter baden, wie dein Onkel Hubertus?" Der Seehund blickt mir nach, als ich durch die Brandung zurück in Richtung Strand schwimme. Dort angekommen, schaue ich noch lange zurück und sehe das Tier hinter einer brechenden Welle davonschwimmen - dem offenen Meer entgegen.

Der Autor: Hans Jessel (52), ist gebürtiger Westerländer, hat Geographie studiert und lebt als freier Fotograf und Buchautor (u.a. "Das große Sylt-Buch") auf Sylt. Hubertus Jessel war der Bruder seines Vaters Uwe (1916-79), der als Arzt die therapeutischen Auswirkungen des Sylter Meeresklimas untersuchte.

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